ARCH+ 208

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Erschienen in ARCH+ 208,
Seite(n) 20-25

ARCH+ 208

Editorial

Von Speidel, Manfred /  Kuhnert, Nikolaus /  Ngo, Anh-Linh

Betrachtet man den Architekturdiskurs der letzten Jahrzehnte, so lässt sich im Westen einerseits eine Prägung in der anti-metaphysischen Tradition feststellen, die in den Theorien von Gilles Deleuze, Felix Guattari und Jacques Derrida kulminiert. Andererseits war die Debatte durch den Versuch bestimmt, zwischen jener Philosophie der Dekonstruktion des Subjekts und neueren Softwaretechnologien wie dem Parametrismus eine Verbindung herzustellen. Die japanische Architektur hat sich gegenüber diesen Tendenzen sehr unabhängig entwickelt und mit Fragen beschäftigt, die dem europäisch-amerikanischen Diskurs völlig fern liegen: mit dem alltäglichen Stadtraum, dem Verhältnis von Stadt und Haus, dem Wohnen, d. h. mit all dem, was hierzulande unter ferner liefen, als Detailproblem abgehandelt wird: Wie bewegt man sich im Haus, wie steht, sitzt oder liegt man? Fragen, die scheinbar bedeutungslos sind angesichts der Theoriesucht und des Technologieschubs der 1990er Jahre, in Japan aber ihren Stellenwert nie verloren haben und noch heute den Unterschied zwischen Japan und dem Westen ausmachen. Statt eines Editorials haben wir in einem ausführlichen Gespräch diese Differenz mit dem Architekturhistoriker Manfred Speidel thematisiert, der seit den 1960er Jahren mit Japan eng verbunden ist und durch seine Forschungsarbeit zum Werk Bruno Tauts eine Denkart und Sichtweise kennengelernt hat, welche die Bedeutung der japanischen Kultur und Architektur jenseits von allem Exotismus und ohne die häufig anzutreffende Tendenz zur Verklärung in ihrer Tiefe einzuordnen versucht.

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