ARCH+ 166


Erschienen in ARCH+ 166,
Seite(n) 56-63

ARCH+ 166

Leipzig

Von Heuer, Antje /  Rettich, Stefan /  AC Hottich

flying cities ist die ostdeutsche Antwort auf die mobile Gesellschaft bzw. eine kritische Utopie für die liberale Marktwirtschaft. Es dauert nicht mehr lange, dann ist ganz Weißenfels versandfertig. Wer sich eher einer offenen Bauweise verbunden fühlt, wartet einfach auf die Lieferung von Wolfen-Nord. Eingebettet ins Erdinger Moos oder die Fildern vor Stuttgart sind zudem landschaftliche Reize garantiert. Umbau Ost wäre dann gleichzusetzen mit Aufbau West und erstmals in der Nachwendegeschichte könnten sich die Westdeutschen über Transferleistungen aus dem Osten freuen.

Für eine kurze Zeit schien in Leipzig alles möglich: Goldgräberstimmung, Utopie ohne Bild und Ziel. Dieser Augenblick ist vorbei. Es riecht nicht mehr nach 89. Der morbide Charme ist verflogen und die Möglichkeitswelt der Nachwendezeit existiert nicht mehr. Wer heute durch die Straßen der Leipziger Kernstadt läuft, sieht entweder sanierte Häuser aus der Gründerzeit und deren fragwürdige Plagiate aus der Boomphase der 1990er Jahre oder vom Leerstand gezeichnete Viertel, deren Häuser den aktuellen städtebaulichen Winter in der Mehrzahl nicht überleben werden. Wachstums- und Schrumpfungsprozesse in surrealer Gleichzeitigkeit bestimmen die Szenerie und die Grundstimmung der Stadt. Am Nordrand wächst das neue BMW-Werk, während in Plagwitz, dem altindustriellen Herzen Leipzigs, die meisten Werktore schon kurz nach der Wende für immer schlossen und die historischen Klinkerhallen verfallen. Man spürt den verlorenen Kampf gegen die Steuerabschreibungsmodelle der Ära Kohl: die Investoren und ihre Dienstleistungsarchitekten haben sich längst wieder aus der Stadt verabschiedet. Der Umgang mit deren Erbe, mit der ungesteuerten Entwicklung an den Stadträndern und mit dem immensen Überhang an Wohnraum und Büroflächen gehört heute zu den dringlichsten architektonischen Aufgaben. …

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