ARCH+ 240


Erschienen in ARCH+ 240,
Seite(n) 6-13

ARCH+ 240

Einfach ist mehr – Reflexion über einen architektonischen Trend in Frankreich

Von Caille, Emmanuel

Sigfried Giedion hat vor rund 100 Jahren die französische Architektur anhand des Widerstreits zwischen der Ingenieurskunst auf der einen und der Beaux-Arts-Architektur auf der anderen Seite charakterisiert. Der Hinweis auf diesen Antagonismus war hilfreich bei der Herausbildung der Moderne, spielt heute aber keine Rolle mehr. Ebenso wenig taugt der Gegensatz zwischen Auguste Perrets Ossaturisme – einer den „Knochenbau“, das heißt die Tragstruktur betonenden Architektur – und Le Corbusiers Plastizismus zur Beschreibung der heutigen Situation. Seit den 1950er-Jahren finden sich in der französischen Architektur diverse europäische, später amerikanische und japanische, und heute auch ab und an afrikanische Einflüsse. Dabei bestimmt oftmals der Zufall, welcher sich durchsetzt. Geltende Normen und Produktionsbedingungen mögen zwar zu einer gewissen Vereinheitlichung öffentlicher wie privater Aufträge führen, doch ist die Landschaft der Architekturbüros in Frankreich nach wie vor sehr heterogen.

Die Szene einzuordnen gestaltet sich schwierig, da sich die Architekt*innen hier, anders als manche ihrer europäischen Kolleg*innen, heute nicht mehr in der Weise mit Theorie befassen wie sie es vor 25 Jahren taten. Viele von ihnen unterrichten zwar, haben aber keine eigene Lehre begründet, die Schule machen würde, wie in den 1980er-Jahren die Gruppe UNO an der École d’architecture de Paris-Belleville oder die Typo-Morphologen an der École nationale supérieure d’architecture de Versailles. Ist das ein Erbe der anti­intellektuellen Tradition der Beaux-Arts-Ausbildung? Zwar sind bei allen klare Intentionen zu erkennen, deren gemeinsamer Nenner im Großen und Ganzen ein humanistischer Ansatz ist und handwerklich gutes Bauen, einen respektvollen und nachhaltigen Umgang mit der Umwelt und eine Sensibilität gegenüber den Nutzungen einschließt. Aber das sind Dinge, über die bereits breiter Konsens herrscht, die Diskussionen darüber sind austauschbar und berufen sich manchmal auf die gegensätzlichsten Praktiken.

 

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