ARCH+ 238


Erschienen in ARCH+ 238,
Seite(n) 106-117

ARCH+ 238

Verhaltensforschung und Architekturethnografie – Die forschende Praxis von Atelier Bow-Wow

Von Tsukamoto, Yoshiharu

Der Japanische Pavillon der Architekturbiennale in Venedig 2018 unterschied sich von allen vorangegangenen Beiträgen. Statt japanischer Architektur wurden in der von Momoyo Kaijima, Laurent Stalder und Yu Iseki kuratierten Ausstellung Architectural Ethnography Zeichnungen von Stadt- und Lebensräume gezeigt, die in den letzten 20 Jahren in aller Welt entstanden sind.

Ein Teil der Beiträge war dem von Momoyo Kaijima und mir in Tokio geleiteten Architektur­büro Atelier Bow-Wow im Zusammenhang unserer Studie Made in Tokyo (2001) zu Hybrid- Architekturen zur Verfügung gestellt worden.

In diesem Essay möchte ich die Entstehung des Konzepts der Architektur­ethnografie aus der von uns über Jahrzehnte hinweg entwickelten Theoriebildung und Architekturpraxis der „Architectural Behaviorology“ anschaulich machen. Auf dem Einband unserer bereits 2010 veröffentlichten gleichnamigen Monografie findet sich die folgende Definition, die wir dem International Behaviorology Institute entlehnt haben:

„Behaviorology ist eine eigenständige wissenschaftliche Disziplin, in deren Mittelpunkt das Verhalten steht. Behaviorologist*innen erforschen die funktionalen Beziehungen zwischen dem Verhalten und seinen unabhängigen Variablen in der verhaltensbestimmenden Umwelt. Untersuchungen dieser Wissenschaft basieren auf dem Verhaltensrepertoire der Spezies, der individuellen Geschichte des sich verhaltenden Organismus und dem aktuellen physischen und gesellschaftlichen Umfeld, in dem ein Verhalten stattfindet.“

Im Folgenden soll gezeigt werden, wie der Begriff des Verhaltens im Werk von Atelier Bow-Wow Bedeutung erlangte, welche Konzepte – angefangen mit Kazunari Sakamotos Theorie der Architektur als Umwelt in den späten 1980er-Jahren – damit verbunden waren und welche Perspektiven sich hiermit hinsichtlich einer Architekturethnografie für die Zukunft eröffnen.

 

Architektur als Umwelt

Von Mitte der 1980er- bis Anfang der 90er-Jahre gehörten Momoyo Kaijima und ich dem Forschungsinstitut von Kazunari Sakamoto am Tokyo Institute of Technology an. Damals war Professor Sakamoto gerade dabei, auf der Grundlage seines Konzepts der Architektur als Umwelt eine neue Architekturtheorie zu entwickeln. Er stand damit in einer Entwicklungslinie, in der Architekt*innen nach dem Zweiten Weltkrieg einerseits nach einer wissenschaftlichen Systematisierung der Architektur- und Planungstheorie strebten und andererseits sich aus unterschiedlichen historischen Kontexten heraus mit eigenen Konzepten positionierten: Kenzō Tange entwickelte vor dem Hintergrund des Endes der amerikanischen Besatzung in den 1950er-Jahren seine dialektische Traditionstheorie, im darauffolgenden Jahrzehnt entstand im Zusammenhang des Produktionswachstums die Bau-Elemente-Theorie von Kiyoshi Ikebe und anderen sowie die international bekannte Strömung des Metabolismus mit Vertretern wie Kiyonori Kikutake, Kishō Kurokawa, Fumihiko Maki, Masato Ōtaka und Noboru Kawazoe. In den 1970er-Jahren bildeten sich vor dem Hintergrund der Industrialisierung des Bauwesens sowie einer zunehmenden Kritik an der Bürokratisierung der Gesellschaft formalistische Positionen wie jene von Arata Isozaki und Kazuo Shinohara heraus.

Obwohl Sakamoto selbst bekennender Formalist war, beinhaltete seine Theorie der Architektur als Umwelt eine starke Kritik am Formalismus, der die Architektur auf ein autonomes Zeichensystem reduziere. Die Stärkung des Objektcharakters der Architektur führe jedoch nicht zu ihrer Autonomie, sondern vielmehr zur Produktion von Zeichen für die Konsumgesellschaft. Sakamoto vertrat die Ansicht, dass Architektur­erfahrung von Natur aus unbestimmt und nicht planbar sei, und sprach sich insbesondere dafür aus, Architektur in Wechselwirkung zu ihrer Umwelt zu erfassen. Mit diesem leisen Manifest vollzog er in der Architekturtheorie eine Wende vom Ikonischen zum Alltäglichen. Er lud immer wieder Gäste zu Debatten über Architektur und Umwelt ein, darunter Yūichirō Kodama und Yoshio Katō, die Konzepte einer Umweltarchitektur diskutierten, in der die passive Nutzung der Solarenergie und andere Energiekreisläufe Anwendung finden sollten. Sakamoto und der mit ihm eng befreundete Philosoph Kōji Taki stellten Walter Benjamins Passagen-Werk vor und führten Michel Foucaults Begriff der Biomacht ein, um zu diskutieren, wie sich Kapital und Macht bereits als Umwelt manifestiert haben und tief in unsere Körper und unser tägliches Leben eingedrungen sind.

Von der Architektur als Umwelt erhoffte sich Taki eine Belebung der schöpferischen Kraft, damit der Mensch sein Leben aktiv gestalten könne. Sakamoto hingegen verband damit eine umfassendere Architekturtheorie, die zwar auf den autonomen Aspekten der Architektur basiert, zugleich aber auch die Existenz der Dinge, welche die Architektur umgeben, aufzugreifen vermag. Mit dieser Theorie kehrte er zur kompositorischen Natur der Architektur zurück, um ihre Beziehung zur Umwelt zu stärken.

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