ARCH+ 236


Erschienen in ARCH+ 236,
Seite(n) 93-112

ARCH+ 236

Gig Space

Von Trapp, Harald /  Thum, Robert /  Cant, Callum /  Klink, Immo

Dabei stellen Firmen wie Uber oder Deliveroo digitale Infrastrukturen zur Verfügung, die unterhalb der Ebene des Marktes zwischen unterschiedlichen Nutzern vermitteln – Kunden und Anbietern von Dienstleistungen, Produzenten und Konsumenten. Der Begriff Gig ist der Musikszene entlehnt und spielt auf die prekären Beschäftigungs­verhältnisse von Musikern an, die sich von Auftritt zu Auftritt (Gig) durchschlagen müssen. Hier bezeichnet er eine Wirtschaftsform, die auf freiberuflichen und vorübergehenden Jobs basiert. Diese auf Einzelaufträgen beruhende Gig-Ökonomie stellt den Status des abhängig Beschäftigten prinzipiell in Frage: In ihr ist jeder Vertragsnehmer ein Unternehmer und der Kapitalist lediglich ein Makler, der über die Leistungen der von ihm kontrollierten Plattform verdient. So definiert der Arbeitsvertrag des Lieferdienstes Deliveroo seine Fahrer weder als Arbeiter noch als Angestellte, sondern als „Anbieter“: „Sie sind ein selbstständiger Anbieter und nehmen somit zur Kenntnis, dass Sie weder Angestellter noch Mitarbeiter von Deliveroo sind.“

Folgerichtig müssen die „Anbieter“ selbst für die notwendige technische Ausstattung aufkommen, um am Marktgeschehen teilnehmen zu können, oder in marxistischer Terminologie: War die Arbeiterschaft, wie Karl Marx beschreibt, das Ergebnis der gewalt­samen Trennung der Kleinbauern von ihren Produktionsmitteln, so wird der Beschäftigte nun zwangsweise wieder mit seinen Produktionsmitteln vereint. Im Transportwesen, in dem in Großbritannien rund 70 Prozent aller in der Gig-Ökonomie Beschäftigten arbeiten, müssen Smartphone und Fahrzeuge wie Fahrrad, Moped, Auto oder Van privat finanziert werden. Die eigentliche Arbeit der Plattform wird von einer Software erledigt, die zu ihrer Erstellung und Wartung lediglich Informatiker benötigt und Teil der „digitalen Blackbox“ ist, „wobei der Arbeitsanteil der Plattform bewusst im Unklaren gelassen wird“. Die Plattformkapitalisten beziehen ein weitgehend leistungsloses Einkommen, ihren Profit ziehen sie aus dem durch die Arbeit der „unabhängigen Vertragsnehmer“ geschaffenen Mehrwert. Dieser Effekt wird dadurch verstärkt, dass die Gig-Beschäftigten nur ein Minimum an Administration und Management leisten müssen, da ihre Arbeitsorganisation von Algorithmen erledigt wird. Die Gewinne sind auch deshalb hoch, weil im Zentrum der Gig-Ökonomie der Stücklohn steht, welcher die Arbeitskosten reduziert und, so Marx, „die der kapitalistischen Produktionsweise entsprechendste Form des Arbeitslohns ist.“ Erst aufgrund von Streiks und öffentlichen Protesten wurde die Entlohnung der Fahrer bei Deliveroo mittlerweile neben der Stückentlohnung (2 Pfund fürs Abholen, 1 Pfund fürs Abliefern) um eine je nach zurückgelegter Fahrstrecke variable Distanzgebühr erweitert.

Da die Entlohnung der Beschäftigten in der Gig-Ökonomie am untersten Ende der Einkommensskala liegt, können sie als die Proletarier der  sogenannten vierten industriellen Revo­lution gesehen werden. Im Moment müssen 700.000, also ein Viertel der etwa 2,8 Millionen in diesem Wirtschaftszweig Beschäftigten in Großbritannien mit weniger als dem Mindestlohn auskommen. Als unabhängige Vertragsnehmer haben sie keinen Schutz vor ungerechtfertigter Entlassung, kein Recht auf Arbeitslosengeld und kein Recht auf den Mindestlohn, bezahlten Urlaub oder Krankengeld.

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