ARCH+ 109/110

Kostenloser Download


Erschienen in ARCH+ 109/110,
Seite(n) 22-23

ARCH+ 109/110

Gibt es die französische Nation immer noch?

Von Flusser, Vilém

Wer vor nur einigen wenigen Jahren die soziale Lage, insbesondere Europas, zu überblicken versuchte, der war vom Ruin der meist traditionellen Strukturen beeindruckt. Nation, Klasse, Familie, Ehe, aber auch weniger formalisierte Bindungen, zum Beispiel Meister und Schüler oder Arbeitsgemeinschaften, schienen in fortgeschrittenen Phasen der Verwesung begriffen und die Luft zu verpesten. Andererseits konnte er in dem brodelnden amorphen Brei der Konsumgesellschaft kaum ein etwaiges Emportauchen neuer zwischenmenschlicher Bindungen konstatieren. Gewiß, die Massenmenschen, der hergebrachten Bindungen entledigt, begannen sich um Sammelpunkte einer neuen Anziehungskraft wie Fernsehschirmen, sommerlichen Stränden, winterlichen Skipisten oder sporadischen sogenannten Festivals zu gruppieren. Es war jedoch beim besten Willen nicht möglich, in diesen mehr oder weniger vorübergehenden, aus der Masse emportauchenden Gespinsten Strukturen zu erkennen, welche den emotioneilen, intellektuellen und ästhetischen Inhalt der zerfallenden Bindungen übernehmen könnten. Daher war damals die folgende Prognose geboten. Wir gehen, vor allem dank der sogenannten Kommunikationsrevolution, einem amorphen, breiigen Vermassungszustand entgegen. Und die Aufgabe des Intellektuellen schien damals unter anderem im Ausfinden, ja im Erfinden alternativer, intersubjektiver Bindungen zu liegen, die dem absurd werdenden Leben wieder einen Sinn geben könnten.

An dieser Stelle ist der folgende kurze Exkurs geboten: Alle Gesellschaftsstrukturen unserer Tradition sind historisch erklärbare Kulturprodukte, aber sie sehen alle für den Beteiligten so aus, als seien sie außerhistorische, immer schon dagewesene Naturphänomene. Es sieht zum Beispiel so aus, als sei die Ehe als Lebensgemeinschaft zwischen einem Mann und einer Frau eine zumindest für die Art Mensch natürliche Lebensweise. Und der Hinweis auf ihren relativ jungen, historischen Ursprung ruft in sogenannten moralischen Leuten nicht nur Empörung hervor, sondern auch den charakteristischen Unwillen, diese Tatsache zur Kenntnis zu nehmen. Man versuche zum Beispiel, einem wohlgesitteten Bürger zu sagen, die klassischen Griechen hätten in der Bindung zwischen Mann und Frau etwas Minderwertiges und in der homosexuellen Bindung zwischen einem Lehrer und seinem Schüler das eigentlich menschlich Wertvolle gesehen. Oder ihm zu erklären, daß noch vor kurzem in China ein Mann verschiedene Frauen hatte, wobei jeder Frau eine spezifische Rolle zukam, daß er diese Frauen mit seinen Brüdern teilte, daß die erste Hauptfrau das eigentliche Oberhaupt der Familie war, und daß wir dieser Struktur eine der höchsten Blüten der menschlichen Kultur verdanken. Was von der Ehe gilt, gilt für alle übrigen traditionellen Gesellschaftsstrukturen. Die Familie in unserem Sinn, also Eltern und Kinder, ist eine späte Folge der Industrierevolution und noch vor wenigen Jahrzehnten wurde diese Kleinfamilie mit den abwesenden Vätern und den ausgesetzten Großeltern als ausgesprochen barbarisch empfunden. Was die Nation betrifft, so versuche man einem Nationalisten beizubringen, daß es sich um eine mehr oder weniger freie Erfindung französischer Intellektueller des 17. und 18. Jahrhunderts handelt, und daß etwas früher das Wort Nation am ehesten noch eine Studentenverbindung an einigen alten Universitäten meinte. Exkurs Ende.

Alle menschlichen Gesellschaftsstrukturen sind Empfindungen, Konventionen. Sollte es je eine biologisch bedingte Gesellschaftsform gegeben haben, etwa die berüchtigte Horde, worin die Söhne den alternden Vater umbringen, um mit der Mutter schlafen zu können, so wäre unsere Sympathie damit eher begrenzt, und es ist widerlich, „natürliche" Lebensformen führen zu wollen. Dies ist übrigens ein wichtiges Argument gegen alle Naturfreunde, die mindestens seit dem 18. Jahrhundert ihr Wesen treiben. Wenn es Natur überhaupt gibt, sei es um uns herum oder in uns drinnen, es gilt sie immer und überall zu beherrschen und zu meistern, und darin liegt die Menschenwürde. Dennoch: Wenn es auch keine natürliche Gesellschaftsform gibt, so funktionieren doch die durch Tradition geheiligten wie zweite Naturen. Die Ehe, mag sie dank zweitrangiger Literatur und Hollywood noch so verkitscht worden sein, funktionierte dennoch bis vor kurzem, als sei sie naturgegeben. Und die gegenwärtige, ehelose Lebensweise erscheint den Alten unnatürlich.

Diese Bemerkung sieht wie eine Rückkehr in eben oben abgeschlossenem Exkurs aus, meint aber etwas anderes. Sie meint, daß auch jenen, die sich des historischen Ursprungs der Ehe bewußt sind, diese Lebensform Sinn gibt. Mag sein, daß irgendein Legislator oder Advokat in Erbschaftssachen oder, was wahrscheinlicher ist, irgendein Dichter die Ehe als Liebesbund zwischen zwei Menschen frei erfunden hat. Dennoch will und kann ein derart Gebundener ohne diese, einst Treue genannte, Bindung nicht leben. Oder, um ein länger vergangenes Beispiel zu geben: Mag sein, daß die Unterwerfung des Schülers unter den Meister oder die Verantwortung des Meisters für den Schüler eine mehr oder weniger freie Erfindung der Organisatoren der mittelalterlichen Zünfte und Universitäten ist, aber wer unter uns noch außergewöhnliches Glück hat, einen Meister zu haben und/oder einen Schüler, der weiß, wie wertvoll, ja unersetzlich so eine Bindung sein kann. Das oben Gesagte hat die Absicht, den wertvollen Kern im Begriff Nation anzuerkennen. In der Folge soll nämlich gegen die Nation und a fortiori gegen den Nationalismus geeifert werden. Das oben Gesagte soll verhüten, das Kind mit dem Bade auszuschütten.

Das Thema ist also Nationalismus und der Nationalstaat. Um den existentiellen Unterschied zwischen dem Engagement an der Ehe und an der Nation zu zeigen, sei an die implizite Definition des Heidentums bei den jüdischen Propheten erinnert. Diese meinten, Heidentum sei verbrecherisch und vor allem blöd, weil die Götzenanbeter etwas belieben, wovon sie nicht zurückgeliebt werden können. Das ist die genaue Schilderung des Nationalismus. Die Nation ist ein Götze. Wenn ich meiner Frau die Treue halte, das heißt, mich aus freiem Willen einer Bindung unterwerfe, so will ich in meiner Frau als meinem anderen mich Wiederliebenkönnenden erkennen. Wenn ich mich aus freien Stücken, aus heißer Liebe zum Vaterland einer Bindung bis zum Tode unterwerfe, dann bin ich ein Verbrecher und Trottel. Denn, was immer Nation mal heißen mag und welchen wertvollen Kern sie auch haben mag, sie kann mich nicht wiederlieben. Ich kann mich in ihr nicht erkennen. Und mein Engagement daran ist eine existentielle Lüge.

Ich habe gegen den Nationalismus zu eifern begonnen und dies nicht nur aus theoretischen, sagen wir einmal ontologischen Gründen. Seit der Erfindung der Nation nämlich, und seit der Nationalstaat den dynastischen verdrängte, hat das Engagement am Nationalismus verbrecherisch Europa und die Welt wiederholt in Blut gebadet. Es ist schon dumm genug für den Kaiser oder einen anderen Landesvater, sein Leben zu geben und es dabei anderen zu nehmen. Aber das gleiche in erhöhtem Maß für die katalanische, die baskische oder die sorbische Nation zu tun (von grauenhaften Monstren wie der französischen und der deutschen ganz abgesehen), das allerdings wäre unglaublich, wenn es nicht tatsächlich geschehen wäre. Denn Dynastien sind zumindest menschlich. Aber Nationen sind sächlich. Darum habe ich, wie so viele andere junge Leute meiner Generation, das Emportauchen der Räterepubliken als eine Katharsis aus mörderischer Verblendung angesehen.

Dies hier und jetzt zu sagen muß in den Ohren jüngerer Generationen wie ein Geständnis totaler Verblendung klingen. Wir alle wissen von den sukzessiven Verbrechen, die im Namen oder unter dem Mäntelchen der Räterepublik begangen wurden, nicht zuletzt der Pakt, den die Räterepubliken mit dem hemmungslosen Nationalismus der Nazis eingegangen sind, und wir alle wissen, welches klägliche Ende die Räterepubliken genommen haben. Kläglich nämlich nicht, weil sie zerfallen sind, sondern weil sie einer Drachenbrut von Nationalstaaten, wie etwa Lettland oder Moldavien weichen, die zu ersetzen und überholen sie überhaupt erst eingerichtet wurden. Das allerdings ist kläglich im doppelten Sinn von: wert, angeklagt zu werden und ein Klagelied anzustimmen. Hier das klagende Lied von den Räterepubliken, um den jüngeren Generationen eine Erklärung der eigenen Verblendung aber auch ihrer eigenen zu geben.

Damals, in den verschollenen dreißiger Jahren, sah es so aus, als sei eine Räterepublik ein Werkzeug der Vernunft gegen den Wahnsinn des Nationalismus. Da gehen Leute mit sich und miteinander zu Rate, um ein vernünftiges, sinnvolles Zusammenleben zu gestalten und dieses Zurategehen organisieren sie zu einer Stufenleiter. Auf der niedrigsten Stufe beraten sie miteinander, die in der engeren Lebenswelt, also etwa in der Arbeitsgruppe, in der Schule, Fabrik und Dorf, überhaupt entstehenden Probleme zu lösen. Auf der nächsten Stufe entsenden diese lokalen Räte Vertreter in einen höheren Rat, worin weiterreichende Probleme zu lösen bis hinan zur höchsten Stufe, zum Obersten Sowjet, worin Entsandte aller Räte von Räten künftig alle Probleme der Menschheit überhaupt zu lösen hätten. Wenn einmal die ganze Menschheit in den Bund der Räterepubliken aufgenommen sein wird.

Der Oberste Sowjet ist demnach mindestens als Projektion der Ausdruck aller allmenschlichen Vernunft, die strukturell alle vorangegangenen Ideologien und vor allem jene des Nationalismus überholt haben. Die Moskauer Prozesse haben die Hoffnung auf den Sieg der Vernunft im Rätesystem zerschmettert, und ich glaube nicht, daß diejenigen, die diese Hoffnung gehegt haben, sich je von dieser Erschütterung erholt haben konnten. Aber ein Aspekt des riesigen Experiments, vernünftig menschliche statt ideologisch belastete Gesellschaftsstrukturen zu bauen, blieb dennoch aus dieser Erschütterung übrig: Die vorangegangenen mörderischen Ideologien, und allen voran der Nationalismus, sind von den Räterepubliken ausgemerzt worden. Und siehe da: Die Räterepubliken zerfallen, und der siebzig Jahre lang totgeglaubte Nationalismus ersteht wie Phönix aus der Asche.

Ich stehe mit entsetzt aufgerissenen Augen vor der freudigen Überraschung, mit welcher die westlichen Gesellschaften diese Katastrophe begrüßen. Wir, die Zwischenkriegsgeneration, waren verblendet. Noch verblendeter jedoch ist die gegenwärtige Jugend. Wie kann jemand angesichts des Wiederentstehens des nationalen Irrsinns von der Zukunft eine menschenwürdigere Lebensweise erwarten. Wie kann zum Beispiel jemand glauben, daß es einer neuen europäischen Organisation gelingen wird, den Nationalismus zu überwinden, wo die Räterepubliken fehlgeschlagen haben. Denn was immer das neue Europa sein wird, es wird ein oberflächlicher Bund von Nationalstaaten sein, während die Räterepubliken eine grundsätzliche Umstrukturierung der Gesellschaft versuchten, mit dem Ziel, nicht nur den Nationalstaat, sondern den Staat überhaupt absterben zu lassen.

Aber die Sache hat noch eine fürchterlichere Seite. Alles Reden von Nachgeschichte, von Posthistorie, läuft darauf hinaus, daß wir aus einer prozessuellen in eine formale Denkart übergehen. Und uns somit von historischen, politischen und anderen Ideologien befreien. So gesehen hatten die Räterepubliken einen posthistorischen Charakter avant la lettre. Der Zusammenbruch der Räterepubliken zeigt, wie das historische Bewußtsein im schlimmsten Sinn, nämlich in Form des Nationalismus, das posthistorische überspült und außer Kraft setzt. Kurz: Der Untergang der Sowjetunion zeigt, wie verblendet wir sind, wenn wir glauben, dank programmierender, entwerfender, planender Mentalität den mörderischen Unfug politischer Ideologien überwinden zu können.

Diese ganze Ausführung scheint den Titel „Gibt es die französische Nation noch immer?" überhaupt nicht angesprochen zu haben. Irrtum. Es wurde nur davon gesprochen. Und hier die Antwort auf die im Titel gestellte rhetorische Frage: Ja, es gibt sie noch immer. Und das beweist, wie verblendet jene sind, die auf ein Überwinden der als verbrecherisch, von innen her ausgehöhlt erwiesenen Gesellschaftsstrukturen durch eine posthistorische, formale, nicht emotioneile, kurz menschenwürdige Denkart hoffen. Die französische Nation, diese Erfindung der französischen Aufklärung hat zum Entstehen zahlloser anderer Nationen geführt, dies hat zu unbeschreiblichen Greueln überall in der Welt geführt und diese Tatsache ist seitens verschiedenartiger Analysen deutlich ins Bewußtsein gedrungen. Dennoch gibt es die französische Nation noch immer. Das ist einer der Gründe, warum wir Menschen als sich selbst überwindende Wesen eigentlich verzweifeln sollten.

 

Vilem Flusser hat diesen Vortrag am 4. November 1991 am Berliner Institut Français gehalten. 

SSS Siedle Dornbracht Euroboden
Feedback erwünscht!