ARCH+ 205

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Erschienen in ARCH+ 205,
Seite(n) 8-9

ARCH+ 205

Ästhetik des sozialen Raumes

Von Kockelkorn, Anne

Was aber sind heute die Grundlagen, um Architektur jenseits formaler Fragen zu diskutieren und trotzdem über Ästhetik zu sprechen? Und wie kann man das gegenseitige Beziehungs- und Kräfteverhältnis zwischen gesellschaftlichen Prozessen und gebautem Raum beschreiben und konzeptualisieren? Weder die moderne Illusion, über die architektonische Form soziale Prozesse determinieren zu können, noch die Autonomiedebatte als Fluchtweg in den akademischen Elfenbeinturm bieten dem Architekten hier brauchbare Lösungen an – beide bestätigen nur das bis heute nachwirkende Missverständnis der Moderne, Architektur sei ein von sozialen Prozessen isoliertes Feld. Die zweibändige Anthologie Architekturwissen versteht sich in diesem Zusammenhang als Diskussionsgrundlage für einen erweiterten Architekturbegriff und versammelt dazu einen enzyklopädischen Rückblick auf die Debatten des 20. Jahrhunderts, mit über sechzig Texten aus Medienwissenschaft, Kunst- und Kulturgeschichte, aus der Wirtschaftsgeographie, Philosophie, Ethnologie und Soziologie, publiziert zwischen 1893 und 2004. Den Begriff des „sozialen Raumes“ fassen die drei Herausgeber Susanne Hauser, Christa Kamleithner und Roland Meyer dabei möglichst breit: Nicht nur die Definitionen des sozialen Raumes von Henri Lefebvre und Pierre Bourdieu, die Dispositive von Michel Foucault und die Akteur-Netzwerk-Beziehungen von Bruno Latour finden darin Platz, sondern auch die These Judith Butlers, physische Materialisierung als Prozess zu verstehen, der erst durch die Wiederholung von Normen Stabilität erlangt. Das biologische Geschlecht des menschlichen Körper und gebaute Räume fielen dann in eine vergleichbare Kategorie: Beide sind durch implizite Normen, durch diskursive und physische Praktiken konstruiert; beide sind sozialen Handlungsräumen ausgesetzt und erlangen ihren Sinn und ihre Bedeutung erst durch deren Einschreibungen. Ähnlich verfahren die Herausgeber mit dem für den ersten Band ausschlaggebenden Begriff der„Ästhetik“, den sie in ihrer Einleitung zum ersten Band eng mit den medialen, sozialen und wissenstechnischen Prozessen der Wahrnehmung verknüpfen: Mit Walter Benjamin belegen sie die Rolle von Apparaten für die Wahrnehmung, samt der Wechselwirkung zwischen Distributionslogistik, Medientechniken und „den Künsten“; mit Michel Foucault beschreiben sie das Aufkommen der Moderne über eine neue Sichtbarkeit gesellschaftlicher Prozesse und neues Expertenwissen zu deren Regulierung.

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