ARCH+ 200

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Erschienen in ARCH+ 200,
Seite(n) 4

ARCH+ 200

Frieden kartieren

Von Herresthal, Kristina

Vom Krieg erzählen die Medien täglich. Aber wie erzählt man vom Frieden? Die Ausstellung Friedensschau­plätze – Theater of Peace, die vom 1. Mai bis zum 13. Juni diesen Jahres in der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK) in Berlin zu sehen war, negierte die Omnipräsenz kriegerischer Konflikte nicht, sondern suchte nach einer anderen Perspektive. Die Wortschöpfung des „Friedensschauplatz“ war dabei zentral, verweist sie doch auf die Intention der Ausstellungsmacher, der üblichen Bebilderung von Kriegsszenarien die Sichtweise des engagierten Friedensaktivisten entgegenzusetzen.

Ziel des Projektteams, dem neben der Architektin Anke Hagemann die Künstlergruppe bankleer (Karin Kasböck und Christoph Leitner) sowie der Kunsthistoriker und Journalist Dietrich Heißenbüttel und die Projektberaterin Gunda Isik angehörten, war es für die aktuelle Asymmetrie von Kriegen Bilder zu finden.

Die ausgestellten Arbeiten sollten eine Brücke zwischen künstlerischer und aktivistischer Perspektive schlagen. Sehr direkt drückt dies der israelische Künstler David Reeb aus, dessen Gemälde Demonstrationen in dem palästinensischen Dorf Bil’in zeigen, an denen er selbst als politischer Aktivist teilgenommen hat. Auch das Projekt Sicherheitskon­ ferenz der Theatergruppe Rimini­ Protokoll bewegt sich zwischen dem Versuch, die Möglichkeiten des Theaters auszuloten und gleichzeitig eine politische Aussage zu treffen. Als künstlerisches Pendant zum jährlichen politischen Ereignis in München inszeniert, führte die Konferenz Theatergäste mit „Kriegsexperten“ zusammen. Mit weniger Aufklärungsbedürfnis agiert die Gruppe Artists without Walls: Um auf die Absurdität der Trennmauer in Abu Dis in Ostjerusalem hinzuweisen, projizierte sie Liveaufnahmen von der jeweils anderen Seite der Mauer oder spielte Tennis über die alle Sichtverbindungen unterbindende Trennwand hinweg.

Räumliche Konstellationen von Konflikten wurden insbesondere durch ausgestellte Karten thematisiert. Die Solidarity Maps der Initiative Samidoun verzeichnen etwa Bombeneinschläge im Libanon, eine Studie des Center for Land Use Inter­pretation die Infrastruktur eines Atombomben-Testgebietes in Nevada. Während man Karten gemeinhin eher mit Dokumentation und Analyse verbindet, war hier auch ein aktivistischer Impetus zu finden. Die Gruppe Decolonizing Architecture von Alessandro Petti, Sandi Hilal und Eyal Weizman geht der Frage nach, was mit einem demilitarisierten Palästina geschehen könnte. Ob für die verlassene Militärbasis Oush Grab die vorgeschlagene Wiederaneignung durch die Natur das interessanteste Denkmodell ist, sei dahingestellt; die Dichte an Information in Kombination mit einer spezifischen Ästhetik und der Willensbekundung, als Architekten im politischen Prozess zu intervenieren, machte sie zu einem interessanten Beitrag (siehe Projektteil in diesem Heft). In vielen Arbeiten lässt sich eine veränderte Haltung in der künstlerischen Auseinandersetzung mit den Themen Krieg und Frieden ablesen. Während sich seit den 1980er Jahren eine große Desillusionierung bezüglich der gesellschaftlichen Wirkungsmacht von Kunst (und Architektur) breit gemacht hat, zeigt sich hier ein anderes Bild. Eine Grundthese der Ausstellung war, dass Bilder vom Krieg keinen Frieden schaffen. Auch Bilder von Friedensinitiativen werden das nicht vermögen, aber sie zeigen dem Betrachter, wie man sich einer kriegerischen Logik widersetzen kann.

Für weitere Informationen siehe www.theaterofpeace.org

Katalog: NGBK (Hg.), Friedensschauplätze / Theater of Peace, Argobooks, 2010

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