ARCH+ 200

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Erschienen in ARCH+ 200,
Seite(n) 2

ARCH+ 200

Rekonstruktion einer Debatte

Von Zareh, Vesta Nele

Florian Hertwecks Buch Der Ber­liner Architekturstreit kommt da gerade richtig: Neu erschienen im Gebr. Mann Verlag stellt es detailliert den Architekturstreit um die Kritische Rekonstruktion nach 1990 dar. Erstmals erhält man einen kompletten Überblick über die auf allen Ebenen geführte Diskussion und ihre Auswirkungen auf das Berliner Planungsund Baugeschehen.

Hertweck schafft es, sowohl die einzelnen Etappen – IBA, Mauerfall, Wiedervereinigung, Hauptstadtdebatte – als auch die einzelnen Akteure der Debatte so darzustellen, dass Zusammenhänge und Auswirkungen nachvollziehbar werden. Dabei wird deutlich, dass es beim Berliner Architekturstreit um weit mehr ging als um den Kampf zwischen Anhängern der Moderne, der Postmoderne bzw. der Klassischen Architektur. Vielmehr wurden hier stellvertretend Fragen der nationalen Identität, des Umgangs mit dem politischem Erbe und mit unbequemen Baudenkmälern im Stadtraum verhandelt, nicht zuletzt um die unmittelbare Auseinandersetzung damit zu umgehen oder sie sogar zu ersetzen. Hertwecks Buch ist darin vergleichbar mit Deyan Sudjics The Edifice Complex aus dem Jahr 2005, ein Porträt der Verstrickungen von Architektur, Planung und Politik.

Für das Verständnis der heute anstehenden Probleme und städtebaulichen Entscheidungen wäre es jedoch sicherlich interessanter gewesen, wenn Hertweck die Positionen von Theoretikern wie Dieter HoffmannAxthelm präziser herausgearbeitet hätte. So nimmt ein großer Teil des Buchs die sehr ausführliche Darstellung der Haltung von Aldo Rossi und die Skizzierung der Theorienfindung Vittorio Magnago Lampugnanis zu Beginn der Debatte ein.

Hertweck resümiert richtig, dass die Kritische Rekonstruktion im Sande verlaufen ist und es letztendlich hinter vorgehaltener Hand um die Schaffung investorenfreundlicher Architektur ging. Dies ist im Fall des Berliner Stadtschlosses wenig anders und so sollte man die kommenden Jahre für fruchtbare, offene Debatten nutzen, in denen soziale, politische und städtebauliche Fragen wieder mehr Raum bekommen. Hertweck hat mit seinem Buch zum Berliner Architekturstreit vor allem eines geschafft: Er hat aufgezeigt, dass es sich bei diesem um eine historische Debatte handelt, die im Grunde abgeschlossen ist. Es ist Zeit für neue Debatten. Florian Hertweck, Der Berliner Architekturstreit, Gebr. Mann Verlag, Berlin 2010, 49 Euro.  

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