ARCH+ 200

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Erschienen in ARCH+ 200,
Seite(n) 2

ARCH+ 200

Im Geisterhaus der Gegenwart

Von Kockelkorn, Anne

Die Vorsilbe „post“ führt Martin zufolge sowohl ein explizites wie auch ein implizites Verbot des utopischen Denkens mit sich, das aus dem Ende des Kalten Krieges und der westlichen Konsumgesellschaft ins Beziehungsgeflecht der Globalisierung hineingetragen wurde. Postmoderne Architektur mache strukturelle Transformationen geradezu undenkbar und etabliere bis heute den Status Quo, das Utopische bewusst nicht zu denken.

Die Geister der modernen Utopie, die die Postmoderne beerdigt hatte, gehen um: Sie begegnen dem Autor unter anderem beim Besuch eines Condominiums von Charles Moore in Los Angeles (1978), wenn ihn leise Frustration angesichts Moores Überinszenierungen ergreift, die er als „reine Ereignisse“ definiert, welche außerhalb von Raum und Zeit stattzufinden scheinen. Nicht trotz, sondern gerade wegen der architekturhistorischen Referenz, an die sie anknüpfen wollen. Mit dem scheinbaren Rückzug in die Domäne des Privaten wächst paradoxerweise die Teilhabe der Architektur an den heterogenen Netzwerken der Macht. Es spukt durch die globalen Spiegelhallen, die die Welt des Finanzkapitalismus und der neoliberalen Traumblasen seit den 80er Jahren errichtet hat.

Durch seine Beispiele stellt Reinhold Martin in den sieben Essays des Buches die politische Verantwortung des Architekten als theoretische Anforderung neu zur Debatte. Das Buch ist in Feedback-Schleifen geschrieben, die Argumentationslinien durchkreuzen, vermischen und wiederholen sich, wobei die Struktur dank der klaren Gliederung übersichtlich bleibt. Ein Beispiel für diese Verschränkung: Kapitel 1 Territories – From the Inside, Out stellt die urbane Enklave als Basiseinheit der postmodernen Stadt in direkte Beziehung zu Thomas Morus’ Insel Utopia. Zwischen Slums und Flüchtlingslagern auf der einen und Gated Communities, Arbeitsstädten und Traumwelten auf der anderen Seite besteht eine nahtlose Beziehung, die das eigentliche Wesen dieser utopischen Enklaven bezeichnet, aber nur im Moment des Grenzübergangs sichtbar wird. Das Moment gleichzeitigen Ein- und Ausschlusses als grundlegende Figur der Postmoderne geistert auch durch die folgenden Kapitel, um im letzten Kapitel Architecture – Utopia’s Ghosts deutlich aufzutauchen: Damit schließt sich die Klammer des Buches zwischen Städtebau im ersten und Architektur im letzten Kapitel. Das Buch sei all jenen empfohlen, die sich für Alternativen zur neoliberalen Berufspraxis des Architekten interessieren und einer gewissen Überdosis an Referenzen angstfrei gegenüberstehen – in jedem Fall eine spannende Lektüre, die nicht immer gerade Wege geht und auch nicht jedem gefallen will.

Reinhold Martin: Utopia’s Ghost. Architecture and Postmodernism, Again, University of Minnesota Press, Minneapolis 2010. 26,99 Euro.

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