ARCH+ 200


Erschienen in ARCH+ 200,
Seite(n) 62-63

ARCH+ 200

Sigfried Giedion über Walter Gropius’ Bauhaus in Dessau

Von Giedion, Sigfried

Die berühmten Glasfronten unterschieden sich von jenen des 19. Jahrhun­derts dadurch, daß sie nicht vergrößerte Fenster waren, die in festen Rahmen saßen. Sie umzogen an den entscheidenden Stellen den Bau und gaben ihm eine kristallartige Transparenz. Der Struktur nach gehörten sie gleichfalls in den Auflockerungsprozeß, der die ganze Architektur ergriffen hatte. Wie in den fagus­-Werken wurde durch die Entmaterialisierung der Gebäude­ecke darauf hingewiesen, dass die Tragkonstruktion im Inneren zu suchen war, in diesem Fall ein vorragendes Eisenbetonskelett, etwas schwer, wie es die deutschen Bauvorschriften verlangten. Die Glaswände flossen ineinander, gerade an dem Punkt, wo das mensch­liche Auge gewohnt war, einen sichernden Pfeiler vorzufinden. Manifestartig erschien hier zum erstenmal in einem großen Komplex die Durchdringung von innen­ und Außenraum, wie in Picassos „L’Arlèsienne“ von 1911 bis 1912 mit seiner simultanen Darstellung von Profil und en face eines Ge­sichtes, wie sie hier in die Architektur übersetzt wurde und gleichfalls mit dem einzigen Blickpunkt brach. Es existierte beim Bauhauskomplex keine bestimmte Frontansicht. Das Spiel von Transparenz, von Perforation durch Raumbrücken, von verschiede­nen, von einzelnen Punkten aus gesehen oft unkontrollierbar sich durchdringenden horizontalen und vertikalen Ebenen, führte zu einer bis dahin un­gewohnten Simultaneität, die der raumzeitlichen Konzeption entsprach.

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