ARCH+ 200

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Erschienen in ARCH+ 200,
Seite(n) 22-23

ARCH+ 200

Genealogie der Kritik: Vormoderne Institutionen der Kritik

Von ARCH+

Voraussetzung dafür ist die Infragestellung von bis dahin nicht hinterfragbaren Instanzen, seien sie religiöser oder weltlicher Natur. Dies stellt den größten Unterschied zu Kritikformen vormoderner Gesellschaften dar. So konnten beispielsweise Propheten im Alten Testament zwar mit der Legitimation, das Wort Gottes zu verkünden, Kritik am Volk und seinen weltlichen und religiösen Führern üben. Allerdings war der Kritiker wiederum nur das Medium einer höheren Macht, die ihn nicht immer vor weltlichen Sanktionen zu bewahren vermochte: der Kopf Johannes des Täufers auf dem Silbertablett der Salome ist ein drastisches Beispiel dafür. Erst die Emanzipation des Individuums im Zuge der Aufklärung erhebt den Einzelnen zum Kritiker, der aus eigener Macht Vollkommenheit seine Meinung äußert. Es ist jedoch bis heute nicht überall selbstverständlich, dass Kritik und freie Meinungsäußerung als menschliches Grundrecht anerkannt wird.

Kunst des Urteilens

Kritik f., dt. 17. Jh. von frz. Critique, s. Krise.

Krise f., zu griech. krísis ‚Entscheidung‘ (Hippokrates) über frz. Crise; griech. krıno ‚entscheide‘, urverwandt mit lat. cerno und dt. Reiter ‚Sieb‘, s. Kritik.

Aus: Friedrich Kluge, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, Walter de Gruyter, Berlin 1967.

In seiner etymologischen Herleitung geht der Begriff Kritik auf das griechische Verb kritike zurück und beschreibt die Fähigkeit, Sachverhalte zu unterscheiden und zu beurteilen. Anfänglich bezeichnete Kritik ein kritisches Urteil im Rahmen der Rechtssprechung. Die „ars iudicandi“ galt als Tugend des gelehrten Staatsmannes (Platon). Im Rahmen der antiken Rhetorik konzentrierte sich Kritik als die Kunst des Urteilens oder Infragestellens auf die künstlerische Praxis philologischer Textauslegungen und Beurteilungen. Diese Praxis erlebte im 15. und 16. Jahrhundert im Zuge einer allgemeinen geistigen Rückbesinnung auf die Antike sowohl in den textkritischen Auslegungen und Übersetzungen lateinischer Schriften als auch in den wissenschaftlichen Bereichen der Philologie, Logik und Ästhetik eine buchstäbliche Renaissance.

Gesellschaftliche Sonderstellung

War in der Antike die Agora der zentrale Platz des öffentlichen Lebens, so konzentrierte sich zu Zeiten von Feudalismus und Absolutismus Öffentlichkeit auf den Hof als dem herrschaftlichen und kulturellen Zentrum einer Hofgesellschaft. Hier wurde im Mittelalter der Hofnarr zu einer festen Institution, die offen Kritik am Herrscher äußern durfte. Als Inbild für Sünde und Vergänglichkeit menschlichen Lebens unterliegt er weder gesellschaftlichen Normen noch der obligatorischen Gottesfurcht. Gerade diese gesellschaftliche Sonderstellung ist es, die ihm unter dem Schutz der Narrenfreiheit die Möglichkeit eröffnet, die herrschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse und den weltlichen Lebensstil am mittelalterlichen Hofe zu kritisieren.

Utopie als Gesellschaftskritik

Beschreibung der Stadt Amaurotum auf der Insel Utopia: „Eine hohe und breite Mauer umgibt die Stadt, mit zahlreichen Türmen und Bollwerken. (…) Die Gebäude sind keineswegs unansehnlich; man übersieht ihre lange und durch den ganzen Straßenzug zusammenhängende Reihe, wenn man der Vorderseite der Häuser gegenübersteht. Zwischen diesen Häuserfronten läuft ein zwanzig Fuß breiter Fahrdamm. An die hinteren Gebäudeteile schließt sich ein breiter, den ganzen Häuserblock entlang sich hinziehender Garten, eingezäunt von der Rückseite anderer Häuserreihen. Es gibt kein Haus, das nicht außer dem Eingang von der Straße her noch eine Hinterpforte zum Garten hätte. Die Türen sind zweiflügelig, durch einen leisen Druck der Hand zu öffnen, schließen sich dann von selber wieder und lassen so jeden hinein: so weit geht die Beseitigung des Privateigentums! Denn selbst die Häuser tauschen sie alle zehn Jahre um, und zwar nach dem Lose.“ Thomas Morus, Utopia, 1516.

Anfang des 16. Jahrhundert wird mit Thomas Morus’ Schrift Vom besten Zustand des Staates oder von der neuen Insel Utopia erstmals eine geschlossene Kritik an den herrschenden politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Verhältnissen in Europa und besonders in England formuliert und schriftlich festgehalten. In der Beschreibung der Lebensverhältnisse auf der fiktiven Insel Utopia stellt Morus den herrschenden Missständen das Idealbild einer quasidemokratischen und proto-kommunistischen Staats- und Gesellschaftsform gegenüber. Seine Utopie bezieht sich nicht mehr nur auf eine situative Kritik gegenwärtiger Verhältnisse. Vielmehr entwickelt Morus aus der gesellschaftlichen Mitte heraus eine systematische Kritik, die einen neuen Gesellschaftsentwurf formuliert. Seine Schrift schuf auch zugleich die Literaturgattung der Utopie, die gesellschaftliche Gegenentwürfe zum festen Bestandteil des neuzeitlichen Denkens macht. Morus’ radikale Gedanken von Gemeinschaftswesen und Güterverteilung, von Glück als politischem Ziel und Lust als sozialem Mittel sollten erst im frühen 19. Jahrhundert wieder von den Frühsozialisten aufgegriffen und von diesen in ihren architektonisch- städtebaulichen Utopien, die immer auch soziale Utopien sind, weitergedacht werden. Mit seiner ökonomisch fundierten Gesellschaftskritik eröffnet Thomas Morus zudem den Zugang zu einer Kritik der politischen Ökonomie, die 300 Jahre später ihren Niederschlag im Marxismus fand.

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