ARCH+ 186/187


Erschienen in ARCH+ 186/187,
Seite(n) 170-173

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Interview-Marathon: Jeremy Gaines

Von Gaines, Jeremy /  Koolhaas, Rem /  Obrist, Hans Ulrich

Hans Ulrich Obrist: Ich bin Ihnen bisher nur indirekt begegnet durch Ihre Übersetzungen deutscher Theoretiker wie Jürgen Habermas, Niklas Luhmann oder Künstler wie Thomas Demand. Darüber hinaus hat uns der Berliner Künstler Tino Sehgal auf Ihre Recherchen in Nigeria hingewiesen. Als Berater für Julius Berger arbeiten Sie über Abuja, die Hauptstadt von Nigeria, was eine interessante Parallele zu Rem Koolhaas’ Lagos-Arbeit darstellt. 2005 waren Sie im Auftrag von Bob Geldof Koordinator der Deutschen Sektion der „Commission for Africa“. Ihre Arbeit scheint also von einer Vielzahl unterschiedlicher Aspekte gekennzeichnet, ich möchte vor diesem Hintergrund fast von „parallelen Universen“ bzw. von einem „Multiversum“ sprechen, ein Konzept, das der Oxforder Quantenphysiker David Deutsch geprägt hat. Leben sie in mehreren parallelen Realitäten? Wie sieht der Bezug zwischen diesen unterschiedlichen Aktivitäten aus, die auf den ersten Blick keinen Zusammenhang aufweisen? Jeremy Gaines: Die Realitäten, in denen ich lebe, sind meistens diejenigen meiner Auftraggeber. Meine Aufgabe besteht darin, mich in die Arbeiten der Künstler, Philosophen, Soziologen, für die ich übersetze, hineinzudenken. Ich selbst habe nur eine Realität, meine Arbeitsrealitäten hingegen sind sehr unterschiedlich. All das, was ich in diesen verschiedenen Bereichen wie Design, Architektur oder auch Kunst übersetzt habe, kommt irgendwann in eigenen Überlegungen zum Tragen, wie beispielsweise in meinen Untersuchungen über Nigeria. Rem Koolhaas: Wie sind Sie nach Deutschland gekommen und wie sind Sie Übersetzer geworden? Ich war im Übrigen schon immer fasziniert von Übersetzern, weil sie mindestens so intelligent sind wie manche Personen, deren Werke sie übersetzen. JG: Sie schmeicheln … Ich kam nach Deutschland, weil ich über die „Politischen Komponenten der Ästhetik der Frankfurter Schule“ promovierte und die Unterlagen dazu in Frankfurt lagen. Im Anschluss daran erhielt ich den Auftrag, Niklas Luhmanns „Liebe als Passion“ zu übersetzen. Und nachdem ich mich da durchgekaut hatte, dachte ich, vielleicht kann ich das. Zu jener Zeit gab es keine Jobs in England, und ich musste mir etwas überlegen. Im Zuge der Gründung des „Museums für Moderne Kunst“ (MMK) in Frankfurt am Main wurde ein freier Übersetzer gesucht. So wurde aus der Philosophie die Übersetzung, und ich zum Zwitterwesen zwischen den Fronten. HUO: Dieses „Dazwischen-Sein“ und dabei immer über den Tellerrand des eigenen Wissens hinauszublicken, zieht sich wie ein roter Faden durch Ihre Aktivitäten. Welche Brücken schlagen Sie zur Kunst oder zur Architektur.

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