ARCH+ 186/187


Erschienen in ARCH+ 186/187,
Seite(n) 160-162

ARCH+ 186/187

Interview-Marathon: Dieter Hoffmann-Axthelm

Von Hoffmann-Axthelm, Dieter /  Koolhaas, Rem /  Obrist, Hans Ulrich

Rem Kohlhaas: Wie würden Sie Ihr Verhältnis zur Macht beschreiben? Ich spiele dabei auf Ihre Rolle an, die Sie als intellektueller Munitions-Lieferant für den Wiederaufbau Berlins gespielt haben, insbesondere auf Ihr Manifest „Charta für die Mitte“. Dieter Hoffmann-Axthelm: Ich habe das Manifest 1990 geschrieben, es ist jedoch ohne seine lange Vorgeschichte nicht zu verstehen. Ich müsste Ihre Frage zeitlich und lokal auflösen, um sie wirklich beantworten zu können. Und die Frage der Macht stellte sich erst, als ich über die 90er Jahre mit Planungen im alten Berliner Zentrum beauftragt wurde, insbesondere im Zusammenhang mit dem „Planwerk Innenstadt“. Da sollte man erst einmal vom Projekt selber reden. Das „Planwerk Innenstadt“ war der Versuch, den Riesendampfer Berlin wieder auf Kurs zu bringen und die in 40 Jahren Teilung auseinandergedrifteten Stadtteile und Selbstwahrnehmungen wieder zusammenzufügen. Ein solcher Prozess kann nur ganz langsam und über eher versteckte Impulse laufen. Wesentlich für meine Arbeit ist hierbei die Unterscheidung zwischen der Ebene der real wirksamen Impulse und derjenigen Ebene, die sofort wahrnehmbar und kritisierbar ist, die Ebene der Architektur. Ich bin der Meinung, dass der Prozess noch lange nicht abgeschlossen und das Ergebnis vor allem nicht in Kategorien der Architektur zu bewerten ist. RK: Sie sind der Meinung, dass man das Ergebnis noch nicht beurteilen kann? DHA: Im Augenblick merkt man, dass das Ganze reagiert und auf dem Wege ist. Interessant ist, dass just in dem Augenblick, in dem viele das Planwerk als gescheitert ansehen, die Ideen sich plötzlich materialisieren und als Umsteuerungsmechanismen sichtbar werden. RK: Können Sie Beispiele nennen? DHA: Es sind Gewichtsverschiebungen in der Wahrnehmung des Zentrums erkennbar, beispielsweise in der Frage, welche Leute sich an der neuen Siedlung am Friedrichswerder in Berlin-Mitte engagieren und damit dem Zentrum neue Funktionen vorgeben. Die Konsequenzen daraus begründen die Entwicklungen der nächsten Jahre. Ich hoffe, dass sich dieser Prozess auch nach Osten ausweitet. Denn im Augenblick haben wir immer noch die Situation, dass es in der Mitte Berlins einen Schnitt gibt und jenseits davon sich im Osten eine investitionsfreie Zone befindet. Dieser Umstand stellt für die Zukunft der Stadt eine enorme Hypothek dar. Das wird uns in 20, 30 Jahren enorm auf die Füße fallen. RK: Welche Wirkung sollen Ihre vorgeschlagenen Maßnahmen auf den Osten entfalten? DHA: Das sind Wachstums- und Wahrnehmungsprozesse, welche viel Zeit benötigen, weil sie sozial unterfüttert werden müssen. Sie hängen zum einen von der Wirtschaftskraft ab, also davon, ob Berlin wirtschaftlich wieder auf die Beine kommt, ob die im Augenblick graswurzelartig anwachsenden kleinen Wirtschaften eine Ebene erreichen, auf der die Stadt ökonomisch wieder ein Akteur wird. Heute ist das noch nicht der Fall. Zum anderen geht es um die Frage der Macht. Sie können keinen Plan umsetzen, ohne Bündnisse mit der Verwaltung und bestimmten Repräsentanten von Parteien einzugehen. Irgendjemand muss die Arbeit ja ausführen. Sich zu Hause hinsetzen und einen Plan zeichnen, ist das eine. Damit aber etwas passiert, müssen Sie diesen Plan Stück für Stück durch ein enges Maschennetz von verwaltungsmäßigen und politischen Beharrungskräften, Verweigerungen und Gewohnheiten hindurchbringen. Damit kommen Sie nur voran, wenn Sie ganz schön auf Tuchfühlung gehen. Ich hätte das nicht machen können, wenn ich Teil der Verwaltung oder Mitglied einer Partei gewesen wäre, denn ich musste zu allen Parteien gehen, subversiv zur CDU genau so wie zur PDS und zu den Grünen. Dieser Bezug zur Macht ist nicht geradlinig. Macht darf man nicht an sich selber verkörpern wollen, sondern man muss sich fragen, wie man so viel davon in Bewegung bekommt, dass ein Plan oder ein Projekt vorankommt.

SSS Siedle Dornbracht Euroboden
Feedback erwünscht!