ARCH+ 217


Erschienen in ARCH+ 217,
Seite(n) 16-23

ARCH+ 217

Der Kanzler-Bungalow / The Chancellor’s Bungalow

Von Hilpert, Thilo

Fortsetzung der gedruckten Fassung des Essays:

Der Atrium-Bungalow: die Erfindung eines Typus Doch nicht nur die Glaswände hatten Anteil an dieser besonderen Form der architektonischen Vergangenheitsbewältigung. Auch der Bungalow als Typus spielte dabei eine entscheidende Rolle. Erst zur Berliner Bauausstellung des Jahres 1931 hatte Mies das Raumkonzept des Barcelona-Pavillons von 1929 in ein Wohngebäude umgewandelt. Der Ausstellungsbau wurde nun als zukünftige Wohnform präsentiert – ein Flachbau mit überspringendem Dach und nach außen drängenden Wandscheiben.(42)

Den Bungalowentwurf von Mies platzierte Ernst Neufert im März 1936 an zentraler Stelle seiner neuen Bauentwurfslehre als Ideal des „Hauses um 2000“. „Im 20. Jahrhundert fehlen alle Grenzen“, schrieb er unter die Schemadarstellung des Baus von Mies(43), noch ohne zu ahnen, daß seine Bauentwurfslehre zum meistgelesenen Architekturbuch in vielen Ländern der Erde werden würde – und damit zum Handbuch einer Internationalisierung der Moderne.

Damit markierte der Bungalow wie kein anderer Gebäudetyp, was die Moderne immer sein wollte – eine Architektur ohne nationale Symbolik, ein internationaler Stil.(44) Architektur der Moderne wurde zur räumlichen Fassung klimatischer und kultureller Muster, einer verschiedenartigen Ausprägung von Privatheit, und – historisch bedingter – verschiedenartiger Einstellungen zum ländlichen Leben und zum Boden.

Der erste Architekt, der den Traum einer durchsonnten Durchdringung von innen und außen realisierte, war der gebürtige Wiener Richard Neutra (1892-1970), der schon 1923 in die USA ausgewandert war und 1937 in Palm Springs in Kalifornien das Miller House realisierte.(45) Neutra stellte in vielfältigen Vorträgen und Publikationen in Deutschland vor allem seit Mitte der 60er Jahre seine Version des kalifornischen Bungalows vor. 1964/65 baute er noch zwei Siedlungen in Deutschland, eine in Walldorf bei Frankfurt und eine zweite in Quickborn bei Hamburg.

Der Gebäudetyp, den Erhard als modernste Ausprägung zeitgenössischer Architektur im Jahr 1964 bezog, war somit nicht einfach nur ein Effekt einer amerikanischen Reeducation oder die symbolische Übernahme einer amerikanischen Entwicklung, sondern – so lässt sich verkürzt sagen – eine Weiterentwicklung der europäischen Avantgarde, vor allem aus dem deutschsprachigen Raum.

Der Bungalow wurde schon früh nach dem Krieg zur bevorzugten Form des Flachbaus. Einwände dagegen entzündeten sich am Mangel an Intimität. Der Soziologe Hans Paul Bahrdt hat schon 1952 in einem seiner ersten Texte das Dilemma des Nutzers solcher Räume beschrieben: „In einem modernen Raum, der vielleicht aus dem Geist des Bauhaus lebt, fühlt er sich wie auf dem Präsentierteller. Der Mensch wird plötzlich zum Mittelpunkt des Raums.“(46)

Solche Einwände brachten im hiesigen kulturellen Zusammenhang einen Gebäudetyp hervor, der eine introvertierte Gebäudestruktur mit einem verglasten Innenhof verband. Erstaunlicherweise war es Hans Schwippert, der sich 1954 einen der ersten Prototypen für ein solches Atriumhaus als Privathaus baute.(47) Man sprach damals von „geländesparenden Atriumhäusern“.

Der „Kanzlerbungalow“ ist in diesem Sinne eigentlich kein reiner Bungalow, sondern vielmehr eine Anlage aus zwei Atriumhäusern auf quadratischem Grundriss, die sich durch Glasfassaden nach außen hin öffnen. Es handelt sich um eine Kombination oder einen Zwitter zweier gegenteiliger Raumaussagen im gleichen Gebäude – der introvertierten Struktur des Atriumhauses und der genau umgekehrten extravertierten Struktur eines Bungalows mit Glaswand: genau genommen also ein neuer Typus, ein Atrium-Bungalow. Im zurückgesetzten Wohnteil findet sich dort, wo im Orient der Brunnen ist, der Swimmingpool des Kanzlers. Er bildet die intime Mitte des Hauses, bescheidenen Ausmaßes, gerade mal 4 bis 5 Schwimmstöße lang.

Nach 1964, nach Abschluss des luxuriösen Regierungsauftrags, des Atrium-Bungalows, hat sich Sep Ruf kaum noch mit den Aufgaben des individuellen Hausbaus befasst. Es war nun der andere prominente Architekt dieser Generation, Egon Eiermann, der sich seit mindestens 1958 mit Fragen der Serienproduktion und mit der Typologie des Atriumhauses auseinandersetzte. Er war es, der sich nach der Fertigstellung des Versandhausneubaus in Frankfurt 1960 mit Josef Neckermann verbündete, um den Slogan des Versandhauses – „alles und für alle“ – auf den Hausbau auszuweiten.

Die Versandhäuser „Quelle“ und „Neckermann“, welche zu den größten Versandhäusern Europas geworden waren, hatten den Massenkonsum eines „Wohlstands für alle“ erst möglich gemacht. Sie waren es nun, die an der Wende zu den 60er Jahren auf die Durchsetzung „maschineller Intelligenz“ in der Produktion und Verteilung drängten.(48) In der Architektur schien es, als wäre eine industrielle Massenproduktion von Häusern in den Bereich des Möglichen gerückt.

Ein Jahr nach der Fertigstellung des Kanzlerbungalows, im November 1965 war es dann soweit: Das Versandhaus von Josef Neckermann bot den kleinen Bruder des Kanzlerbungalows, Atrium-Häuser in Serie zur schlüsselfertigen Realisierung als „Eiermann-Atrium-Hausgruppe“ an.(49) Das „römische Atriumhaus“, das der Kanzlerbungalow nobilitiert hatte, war zum Vorbild für die vorfabrizierten Typen von Hofhäusern, von „Refugium, Castell, Patio“ geworden.

Die Träume, die sich mit Architektur verbinden – „schöner Wohnen“ –, wurden ab den 60er Jahren zu einem wichtigen Ziel der Konsumwerbung. Der neue Wahlspruch, der bei Neckermann einstweilen noch für die interne Unternehmenskommunikation galt, bezog sich bereits auf Häuser und Reisen. „Früher träumten wir von dem, was uns fernblieb“, heißt es dort, „morgen erfüllen wir, was wir träumen“.(50) Nur träumten damals, vor einem halben Jahrhundert, die meisten Leute, wenn sie an ein Eigenheim dachten, nicht die Träume ihres Kanzlers, weder vom Bungalow noch vom Atriumhaus.

Anmerkungen: 42 Foto der Werkbund-Abteilung „Die Wohnung unserer Zeit“ auf der Deutschen Bauausstellung Berlin 1931, in: Gerda Breuer (Hg.): Ferdinand Kramer. Design für variablen Gebrauch, Tübingen 2014, S. 30 43 Ernst Neufert: Bauentwurfslehre. Grundlagen, Normen und Vorschriften, Berlin 1936. Die Bearbeitung der Beispiele erfolgte unter Mitwirkung des Architekten Gustav Hassenpflug. 44 Anm. d. Red.: Zur typologischen Einordnung und Bedeutung des Bungalows siehe den Beitrag von Carola Ebert in dieser Ausgabe. 45 Stephan Leet: Richard Neutra’s Miller House, New York 2004 46 Hans Paul Bahrdt in: Baukunst und Werkform, Heft 2, 3 (1952), S. 30 47 Wohn- und Atelierhaus Hans Schwippert, Düsseldorf 1953/54, in: Gerda Maria Schwippert, Charlotte Werhahn (Hg.): Hans Schwippert, Köln 1984, S. 92f. 48 Johannes Kreck: Eine Firmendokumentation 1927–1977. 50 Jahre Quelle, Fürth 1977, S. 65f. Das Versandhaus Quelle war das erste Unternehmen, das sich, abgestimmt auf die eigenen Zwecke, einen Terminal mit Tischrechnern bauen ließ, durch die auf einen zentralen Datenspeicher zugegriffen werden konnte, um Bestellungen und Lagerbestand jederzeit abzurufen. So erinnert sich Karl Steinbuch, später einer der Vordenker der Kybernetik, an die Zeit als Direktor bei dem Systementwickler Standard Electronic Lorenz: „Hier wurden in den Jahren 1955 bis 1957, also in den Anfangszeiten der Computertechnik, ein Informationssystem entwickelt, das als erster großer Computer auf der Erde nicht mit Elektronenröhren, sondern mit Transistoren arbeitete …“ Anm. d. Red.: Siehe hierzu auch den Beitrag von Andreas Rumpfhuber zum Thema Bürolandschaft in dieser Ausgabe. 49 Siehe Broschüre: Die moderne Wohnstadt. Eiermann-Atrium-Hausgruppen der Neckermann Eigenheim GmbH, 1965 50 Neckermann-Versand KG (Hg): Ein Blick in die Zukunft, in: Die ersten zehn Jahre 1950–1960. Zehn Jahre Neckermann – zehn Jahre Dienst am Kunden. Jubiläumsschrift der Neckermann-Versand KG, Frankfurt 1960, S. 85

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