Tilman Walther: Der Mittelstand – Bilder und Tabellen

Geschrieben am 09.07.2020
Kategorie(n): ARCH+ news, Rezension, Buchvorstellung

Eine Buchrezension von Hanna Böge

Tilman Walther unterzieht die Räume des Mittelstands einer fotografischen Untersuchung. Er geht ihrer Materialität und Formation nach und skizziert neben der manifest gewordenen Alltagswelt eines Milieus auch das Selbstverständnis des Mittelstandes, der sich selbst gern im Windschatten der allgemeinen Aufmerksamkeit wähnt. Die gebaute Nüchternheit, die Walther (*1985) in seinen Fotografien festhält, gibt dabei Aufschluss über das Selbstverständnis des Mittelstandes, weniger an Repräsentation als an Zweck und Funktionalität interessiert zu sein. Seine Orte sind Infrastrukturen und Ordnungen von Leben und Arbeit.

Das vor Kurzem im Textem Verlag erschienene Buch Der Mittelstand – Bilder und Tabellen ist das Ergebnis mehrerer Wanderungen, die Walther über fünf Jahre hinweg durch die alten Bundesländer führte. Die Schwarzweißfotografien sind stets aus der Perspektive des Passanten aufgenommen und rücken neben Wohnhäusern der 1950er- und 60er-Jahre, Siedlungen seit den frühen 2000ern, Arbeitsstätten, sowie Transit- und Zwischenorte wie Spiel- und Parkplätze, Verbindungs- und Einkaufsstraßen, Kreuzungen und suburbane Landstriche ins Bild. Dass es sich um die Räume des Mittelstandes handelt, der weniger im urbanen als im suburbanen Raum anzutreffen ist, wird durch die Aufnahmen von Fabriken und Produktionsstätten ersichtlich, deren Schornsteine und Silos mal aus Wäldern, mal hinter Zäunen emporragen. Der sich dabei entfaltende Fotoessay ähnelt mehr einem heuristischen Unterfangen als einer Feldstudie. Über vergleichende Betrachtungen und Gegenüberstellungen kommen Familienähnlichkeiten innerhalb der gebauten Strukturen zum Vorschein, die über bloße stilistische architektonische oder strukturelle Eigenheiten hinausgehen. Einfriedungen, Raumbegrenzungen, Bodenmaterialien, Zäune, Erhebungen, Kanten – sie alle spiegeln die Ideen ihres Einsatzes und ihrer Planer wieder: Definitionen von Benutzungs- und Eigentumsverhältnissen, Unterscheidung von öffentlichem und privatem Raum, Markierungen von Grenzen und möglichen Funktionszusammenhängen; ein gestalterisches Zusammenspiel öffentlicher Auftraggeber und privater Entscheidungsträger, die einen Raum situieren und konstituieren.

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Diesen zunächst neutralen oder ergebnisoffenen Ansatz unterläuft der Titel des Bildteils: „Militante Untersuchung“ – eine aus dem italienischen Operaismus stammende Technik zur Untersuchung der Lebenswirklichkeit von Arbeiternehmer*innen, um die Widersprüche zwischen Kapital und Arbeit sichtbar zu machen. Die ansonsten analytischen Fotografien, die sich durch ein hohes Maß an Distanziertheit auszeichnen – nicht zuletzt wegen des fehlenden Bildpersonals –, erhalten damit eine kritische Rahmung. „Militante Untersuchung“ ist als eine Art interpretative Handreichung an die Leser*innen zu verstehen, die Fotografien nicht als bloße Bestandsaufnahme zu sehen, sondern die räumliche Ordnung als ein Produkt ökonomischer Zusammenhänge zu begreifen, die Basis und Ausgangspunkt eben jenes Mittelstandes sind: Die Gewachsenheit und Verwobenheit von Wohn- und Lebensraum mit den Arbeitsstätten der mittelständischen, familiengeführten Unternehmen.

Doch wer oder was ist dieser Mittelstand, dessen räumliche Formation hier gezeigt wird? Laufen die öffentlichen Debatten einmal mehr darauf hinaus, unserer Zeit einen Krisenzustand zu diagnostizieren – sei es in Folge einer gesundheitspolitischen Krise, einer ihr nacheilenden Rezession oder die Sorge um den gesellschaftlichen Zusammenhalt im Zeichen zunehmend divergierender Positionen in Klima-, Migrations- und Europapolitik – wird stets die Mitte zum diskursiven Aushandlungsobjekt. Wenn die Mitte sich nicht bewegt, bleibt alles wie gehabt. Sie ist gleichermaßen Hort soziokultureller Persistenz und Veränderung. An ihr arbeiten sich die politischen Fliehkräfte ab; die Mitte bestimmt, in welche Richtung das gesellschaftliche Projekt sich entwickeln kann. Dabei handelt es sich bei der Mitte um einen verhältnismäßig diffusen Begriff, der je nach Perspektive, ob von links oder rechts, oben oder unten, anders umrissen wird – eingrenzende Definition über Differenzbehauptung. Wird also von der „Erosion der Mitte“ gesprochen, hängt damit häufig nicht nur die Besorgnis um die ökonomische Stabilität der Mitte und den Mittelstand zusammen, sondern auch um ihre erodierende, vormals vermeintlich stabile politische Einstellung (hier sei nur das Dilemma der Volksparteien genannt).

 

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Der Mittelstand nimmt somit eine herausgehobene Stellung innerhalb der Mitte ein, weil er, bedingt durch seine ökonomische Dominanz und den damit verbundenen Abhängigkeiten, einen maßgeblichen Einfluss auf sie ausübt. Dieses Verhältnis zwischen Mittelstand und dem ihm verbundenen Teil der Mittelklasse, den Arbeitnehmer*innen, wird als topografische Ausprägung in den Fotografien ablesbar. Setzt man einen weit gefassten Infrastrukturbegriff voraus, zeichnet der Fotoessay den Zyklus zweierlei Versorgungssysteme nach: Einerseits den der öffentlichen Daseinsvorsorge, die oberirdisch über Verkehrswege, Strukturen und Objekte wie Strommasten und Verteilerkästen zu Tage tritt, andererseits findet der alltägliche Ablauf eines Milieus eine verräumlichte Form, sodass sein Lebensmodell eine eigene infrastrukturelle und gestalterische Typologie annimmt. Die Räume des Mittelstands spiegeln seine Bedarfe wider, sind eine versorgungstechnische Bedarfsdeckung. Sie sind nicht Orte des kulturellen Überschusses, sondern des Funktionierens.

Im Anschluss an die Fotografien werden unter der, in diesem Zusammenhang sarkastisch wirkenden, Bezeichnung „Eigentum, Leitung, Haftung, Risiko“ – das Credo mittelständischen Wirtschaftens – alle Unternehmen tabellarisch aufgelistet, die in den abgelichteten Dörfern und Stadtteilen angesiedelt sind. Die schiere Varianz der hier aufgeschlüsselten, zum Großteil global vernetzten Wirtschaftszweige und Unternehmen tritt in eine fast befremdende Diskrepanz zu den sich wiederholenden (Infra-)Strukturen der gezeigten Räume. In ihnen zeichnet sich eine habituelle Homogenität des Mittelstandes ab, dessen Wunsch nach Repräsentation, nach Individualität zweitrangig ist oder der eben diese Ansprüche im Funktionieren seiner Alltagswelt befriedigt sieht. Und das ist nicht uncharmant gemeint, sondern emphatisch im Sinne eines Milieus, das lieber unterm Radar bleibt.

 

Hanna Böge (*1988) studierte Kunstgeschichte in Hamburg und Wien mit den Schwerpunkten Architektur des 20. und 21. Jahrhunderts sowie Gegenwartskunst. Sie promoviert zu maritimer Semantik in Architektur und Städtebau in Hamburg seit den 1970er-Jahren. Seit 2015 ist sie Mitherausgeberin der Edition Uhlenhorst und arbeitet an einer Re-Edition der Konzeptkunstzeitschrift The Fox.

 

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Tilman Walther: 
Der Mittelstand – Bilder und Tabellen
Textem Verlag, Hamburg 2020
Softcover, 204 Seiten, 28 € 

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