ARCH+ 241


Erschienen in ARCH+ 241,
Seite(n) 56-61

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Retrospektives Bauen in Berlin – Zur politischen Ökonomie des historischen Rückgriffs

Von Hartbaum, Verena

Ein großer Teil der in den vergangenen drei Jahrzehnten gebauten Stadt beruht einzig auf der Vorstellung eines historischen Berlin. Ausgehend von Verhältnissen, die längst keine Aktualität mehr besitzen (sollten), findet hier gerade durch ständige baukulturelle Bezugnahmen auf vergangene Epochen eine Entfremdung von Geschichte statt. Der architektonisch inszenierte Rückblick durch Bauten, die irgendwie dem Bild einer idealisierten Vergangenheit entsprechen, wird zum (Dauer-)Spektakel, während die einem solchen Historismus per se innewohnende Simulation von historischer Wiederkehrden Eindruck von Fremdbestimmung und Unausweichlichkeit erzeugt.

Die identitätspolitische Problematik eines solchen retrospektiven Bauens wurde im vergangenen Jahr in ARCH+ Rechte Räume anhand zahlreicher Beispiele entlang einer vom Stuttgarter Institut für Grundlagen moderner Architektur (IGmA) organisierten Europareise beschrieben,1 woraufhin die grundsätzliche Frage, ob Raum und vor allem das Schaffen eines solchen, überhaupt ideologisch sein könne, in den sozialen sowie journalistischen Medien heiß debattiert wurde.

Die politische Ökonomie des retrospektiven Bauens blieb in der Debatte jedoch weitgehend unterbelichtet. Es scheint, als sei die Durchdringung von immobilienwirtschaftlichen Strategien mit einer so affektiven Bewegung, wie es der historische Rückblick in der Architektur zu sein scheint, nur im Bereich des Marketings (und somit kaum ernsthaft und keinesfalls ideologisch) zu beschreiben. Dabei ist die Patrimonialisierung2, wie die Soziologen Luc Boltanski und Arnaud Esquerre die gezielte Erneuerung des (bau-)kulturellen Erbes zum Zweck kapitalistischer Ausbeutung nennen, als politischer Entwurf gerade in Berlin nun seit Jahrzehnten deutlich zu beobachten.

Zwar scheint es auf den ersten Blick, als sei das Steinerne Berlin in den 1990er-Jahren als ein ideologisch-konservatives Projekt gestartet, um dann ab der Jahrtausendwende ein rein marktgetriebenes und scheinbar ideologiefernes Phänomen zu werden. Doch ein genauerer Blick auf das retrospektive Bauen im Nachgang des sagenumwobenen Berliner Architekturstreites zeigt, dass gerade die sogenannte Portfolioarchitektur – Architektur, die auf ihre höchste Kompatibilität mit dem Immobilienmarkt (größtenteils im Luxussegment) hin angelegt ist und seit nun rund 20 Jahren zunehmend das Berliner Stadtbild prägt – ebenfalls als ideologisches Projekt zu begreifen ist. Der Fokus liegt im Folgenden also weniger auf der offenkundig dogmatisch geführten Debatte um die Architektur der neuen Hauptstadt nach 1989/90 als vielmehr auf deren, teilweise erst auf den zweiten Blick als ideologisch und dabei immer auch ökonomisch motiviert erkennbaren, Vor- und Nachgeschichte.

Retrospektives Bauen als Kritik

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass der Begriff des Retrospektiven im Zusammenhang mit Berliner Architektur erstmals ausgerechnet in jenem Stadtentwicklungskonzept auftaucht, das von Oswald Mathias Ungers und Rem Koolhaas in Zusammenarbeit mit Peter Riemann, Hans Kollhoff und Arthur Ovaska unter dem Titel Die Stadt in der Stadt – Berlin: Ein grünes Archipel 1977 veröffentlicht wurde und das eben gerade die fragmentierte und tatsächlich schrumpfende Stadt ins Zentrum der Betrachtung rückte. Koolhaas hatte in seiner in englischer Sprache verfassten Originalversion des Typoskripts mit dem Titel „Berlin – A Green Archipelago“ noch eine gänzlich andersgeartete architektonische Rückschau für Berlin vorgeschlagen, wie ein Faksimile der Schrift zeigt: „Die aktuelle Vorstellung, dass innerstädtische Gebiete nur durch mehr Bebauung, die einen ursprünglichen Zustand herstellt, saniert werden können, ist kontraproduktiv und sollte exorziert werden. Im Gegenteil: im Kontext einer gezielten Verringerung des städtischen Drucks, gar eines teilweisen Abbaus der schlecht funktionierenden Teile der Stadt bietet Berlins Bevölkerungsrückgang eine klare und einzigartige Gelegenheit, jene Stadtteile zu identifizieren und auszusortieren, die nun – aus architektonischen oder anderen Gründen – minderwertig sind, und gleichzeitig die erhaltenswerten Teile zu intensivieren und gar zu komplettieren.“3

Retrospektives Bauen bedeutet hier, an ausgewählten Stellen vorhandene Strukturen zu vervollständigen, um damit den Charakter des Ortes zu betonen oder umzudeuten. Die Idee des historischen Rückgriffs dient also vor allem dazu, die Stadt als eine architektonisch ausgesprochen pluralistische und vieldeutige Assemblage zu denken. Sein Verständnis der Retrospektive stand damit konträr zu fast allem, was im Berlin der darauffolgenden Jahre geplant und realisiert wurde.4

Dass ausgerechnet der Begriff „retrospektiv“ in der von Ungers und Riemann korrigierten Version des Manifestes, das als Ungers inoffizielle Bewerbung für die Leitung der Internationalen Bauausstellung gilt, gestrichen wurde, ist sicherlich nur eine kleine Fußnote der Architekturgeschichte. Es blieb tatsächlich vorerst dem Planungsdirektor der IBA-Neu, Josef Paul Kleihues, und den Stadtbild-theoretiker*innen überlassen, das Feld des architekturhistorischen Rückgriffs abzustecken.

Retrospektives Bauen als kritischeund komplexe Rekonstruktion

Kleihues, der sich im Gerangel um die Leitung der IBA-Neu gegen Ungers durchsetzen konnte, hatte in diesem Zusammenhang den Schlüsselbegriff der „kritischen Rekonstruktion“ geprägt, der später von den Verfechter-*innen der „Berlinischen Architektur“ – wie das retrospektive Bauen seit den 1990er-Jahren genannt wird – aufgegriffen wurde. Während man sich im Kontext des Europäischen Denkmalschutzjahres 1975 („Eine Zukunft für unsere Vergangenheit“) etwa am Charlottenburger Klausnerplatz noch in behutsamer Modernisierung unter dem Credo des Milieuschutzes (Erhaltung der sozialen Struktur) übte, arbeitete man in Westberlin schon an der Auswahl neuer Konzepte für die zukünftige Stadtentwicklung und dabei zunehmend auch an Fragen zur stadträumlichen Beschaffenheit auf oberflächlich-bildhafter Ebene. Erstes Zwischenergebnis war ein vom Senat in Auftrag gegebener Berlin-Atlas zu Stadtbild und Stadtraum, der von Kleihues 1973 veröffentlicht wurde. Dieser sogenannte Qualitäten-atlas beschreibt – in einer ausdrücklichen Distanz zur Denkmalpflege – die räumlichen Merkmale vollständiger historischer Straßenzüge, wobei die ja zu jenem Zeitpunkt noch offene Bebauung der fragmentierten Stadt durchaus bemängelt wird. Parallel dazu errichtete Kleihues am Vinetaplatz in unmittelbarer Mauernähe die erste neue Blockrandbebauung Berlins nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Architekt engagierte sich für seine Vorstellung von Stadtreparatur und initiierte 1977 die Aufsatzreihe „Modelle für eine Stadt“ in der Berliner Morgenpost, um einer breiten Öffentlichkeit Themen wie das „Stadtbild“, den „genius loci“, die „Identität“ der Stadt als Zutaten eben jener „kritischen Rekonstruktion“ zu vermitteln.

Die IBA-Neu und das durch sie etablierte Konzept der „kritischen Rekonstruktion“ lässt sich in den 1980er-Jahren noch im Kontext der architektonischen Postmoderne lesen: Dies zeigte sich in einer zunehmenden Vielfalt baulicher Stile, der Verwendung von Ornamenten und Symbolen und einem neuartig engen Bündnis zwischen den Disziplinen Architektur, Plastik und Malerei. Vorgeschlagen wurde eine ungewohnt kleinteilige und erzählende Architektur, die in einesteils verschlüsselter, anderenteils ironisch doppelsinniger Zeichenhaftigkeit in Erscheinung treten sollte. Wie von selbst ergab sich daraus ein eher freier Umgang mit Elementen der (Bau-)Geschichte. Aspekte aus Vergangenheit und Gegenwart wurden in Abkehr von der Vorstellung einer historischen Kontinuität zu neuen Synthesen zusammengesetzt. Mit Eröffnung der Internationalen Bauausstellung 1984 in Berlin jedoch wurde aus Spaß schnell Ernst. Die Ursprünge der Postmoderne in der Popkultur, ihre Nähe zu feministischen und ökologischen Bewegungen, der ihr innewohnende Pluralismus, aber auch der bunt dekorierte und inszenierte Kommerzialismus wurden bei einem Großteil der Projekte zugunsten von historisch bedeutsamen Typologien und Formen sowie der Idee einer autonomen, klassischen Baukunst abgelöst.

Zwar konnten für die IBA-Neu in West-Berlin noch einige amerikanische Architekten der Postmoderne wie Charles Moore oder Stanley Tigerman gewonnen werden, jedoch ist auch bei deren Berliner Projekten der Bezug auf architektonische Traditionen und die Wiedergewinnung des Stadtgefüges das vorherrschende Element. Auf drei Jahre verlängert wurden die Ergebnisse der IBA-Neu zur 750-Jahr-Feier der Stadt Berlin 1987 präsentiert.

Und auch die Hauptstadt der DDR, die sich im Vorteil des Besitzes der eigentlichen historischen Innenstadt wähnte, zeigte sich zunehmend traditionsorientiert, sodass zum Stadtgeburtstag ein regelrechter Bauwetteifer zwischen Ost und West entbrannte. Statt der -kritischen war es hier die sogenannte komplexe Rekonstruktion, die vor allem für die Gebiete Nikolaiviertel, Gendarmenmarkt, Friedrichstraße und Frankfurter Allee zum prägenden historistischen Leitbild wurde, wobei die Projekte aufgrund des Einsatzes standardisierter Plattenbauweise ganz anderen Prämissen als die West-Retrospektive folgten.

Bis zum Fall der Mauer trat also der historische Rückgriff in der jüngeren Berliner Architektur als Ableger von eigentlich ideologiekritischen Strömungen in Erscheinung, als Antwort nämlich auf die Ideologie einer falsch verstandenen Moderne: erstens durch die Betonung des sozialen Aspekts von Bestands- und Milieuschutz und Denkmalpflege sowie zweitens durch eine formale Spielart der Postmoderne.

Ersteres wurde erstmals in den 1960er-Jahren als Kritik an der Kahlschlagsanierung, den Abrisswellen von 1949 und 1961, formuliert und führte zu einer grundlegenden Ablehnung der modernen Stadtplanung im Berlin der Nachkriegszeit. Vor dem Hintergrund der weltweiten Ressourcenknappheit und der vom Club of Rome 1972 pro-gnostizierten „Grenzen des Wachstums“5 sowie des Bevölkerungsrückgangs in West-Berlin aufgrund der Inselsituation schien eine generelle Rückbesinnung auf das Gemeinwesen sowie auf das Nutzen der vorhandenen Bausubstanz die logische Antwort zu sein. Aber auch aus wirtschaftlicher Perspektive musste der Sanierungsmarkt erschlossen werden, um die Auslastung der in den 1950er- und 1960er-Jahre expandierten Baubranche zu sichern. Bereits mit dem Städtebauförderungsgesetz von 1971 wurde ein Schwerpunkt auf Sanierungs- und Entwicklungsmaßnahmen gelegt, woraufhin die Denkmalschutzgesetze gestärkt wurden und der Erhalt von Kultur-gütern mit profitablen Steuervergünstigungen belohnt wurde.

Auch die zweite Strömung kann in ihrem Ursprung durchaus als ideologiekritisch bezeichnet werden, begann die Postmoderne doch etwa Ende der 1960er-Jahre und richtete sich architektonisch gegen modernen Zweckrationalismus6 und elitären Dogmatismus sowie theoretisch und politisch gegen jede Form eines ideologisch begründeten Wahrheitsanspruchs. Mit der Proklamation des „Endes der großen Erzählungen“7 war das postmoderne Weltbild geprägt von pluralistisch-heterogenen, dekonstruktivistischen und eklektizistischen Tendenzen. Doch eine tiefergreifende Erkenntnis ergab sich daraus nur bedingt, sodass sich die Architekt-*innen, die sich der Postmoderne verschrieben hatten, vielfach dem Vorwurf der Produktion von reinem Stil-Pasticcio ausgesetzt sahen. Die Verwendung populistischer Symbolik diene nur dem Kommerzialismus und die Ausrichtung des gierigen Konsums auf alles Historische habe die Banalisierung der Geschichte zur Folge, so lauteten weitere scharfe Vorwürfe der Kritiker-*innen. Der Theoretiker Fredric Jameson ging sogar so weit, die Postmoderne als (ideologischen) Überbau der Globalisierung zu beschreiben, dessen Verbreitung von multinational expandierenden Konzernen forciert würde.8

Retrospektives Bauen als Markenwert

Mit dem nach dem Mauerfall einsetzenden Bauboom wurde auch um die architektonische Deutungshoheit der neuen alten Hauptstadt gerungen und dadurch der sogenannte „Berliner Architekturstreit“ ausgelöst.9 In den 1990er-Jahren wurde über die Wiederherstellung sämtlicher noch kriegszerstört brachliegender größerer städtebaulicher Anlagen wie Pariser, Potsdamer und Leipziger Platz oder die Friedrichstraße sowie über das 1996 von Senatsbaudirektor Hans Stimmann öffentlich vorgestellte Planwerk Innenstadt heiß debattiert. Doch mit dem Moment seiner Institutionalisierung – es wurde 1999 vom Berliner Senat als städtebauliches Leitbild beschlossen und war im Folgejahr Inhalt des ernüchternden deutschen Biennale-Beitrags im Deutschen Pavillon in Venedig – stellte sich ein scheinbarer Konsens über den Bedarf an neugebauter Geschichte ein, der augenscheinlich lähmend auf jedwede Streitkultur wirkte.10 Mit Beginn des neuen Jahrtausends schien das Sperrfeuer zwischen den (architektur-)ideologischen Gräben abzuklingen.

Bis 2010 war das Planwerk das maßgebliche Planungsinstrument für die Berliner Innenstadt sowie für die Brachflächen des ehemaligen Mauerstreifens. Ab 2010 setzte das vom Senat beschlossene Planwerk Innere Stadt mit einer räumlichen Erweiterung neue Schwerpunkte, bezog sich aber durchaus auf seinen Vorgänger. Da zahlreiche Großprojekte der Nachwendezeit inzwischen abgeschlossen waren, ließ sich fortan eine zunehmend kleinteiligere Planung erkennen. Der einheitlichen, massiven Überbauung ganzer Straßenblöcke, wie in den 1990er-Jahren unter anderem entlang der Friedrichstraße erstellt – und oft künstlich unterteilt wie etwa am Hofgarten am Gendarmen-markt –, steht nun beispielsweise eine stark parzellierte an die mittelalterliche Struktur angelehnte Altstadtplanung gegenüber – wie für den Molkenmarkt oder das Marx-Engels-Forum entworfen.

Ganz konkret rückte hingegen zu Beginn des 21. Jahrhunderts am wirtschaftlichen Tiefpunkt der Stadt die Idee der Teilhabe finanzstarker individueller Wohneigentümer-*innen ins (Stadt-)Zentrum des politischen Interesses. Der mit zweifelhaftem Ruhm in die Berliner Baugeschichte eingegangene Senatsbaudirektor Hans Stimmann verknüpfte den Begriff des „neuen Stadtbürgers“ eng mit der gestalterischen Idee der kleinteiligen Parzellierung den damit verbundenen Eigentumsvorstellungen. Diese ideologisch aufgeladene Idee einer Bürgerstadt basiert auf einer an Eigentum geknüpften Vorstellung von Teilhabe.11 Architektonisch kulminiert diese stadtpolitisch forcierte Umverteilung von Grund und Boden sodann im Stadthaus (oder auch: Townhouse) wie am Friedrichswerder und ist formal vorrangig mit der Zurschaustellung von Distinktionsmerkmalen verbunden.

Während im Zusammenhang mit dem Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses samt Kuppelkreuz der Sinn von Symbolen feudaler, vormoderner Gesellschaftsformen noch öffentlich debattiert wurde, lösten die in den vergangenen Jahren zahlreich entstandenen historisierenden Wohn- und Geschäftshäuser sowie ganze Quartiere mit Bezeichnungen wie „Kronprinzengärten“, „Belles Etages“, „Fellini Residences“ oder „Königs-Quartier“ kaum Diskussionen hervor. Es griffe zu kurz, dieses Phänomen nur als ein marktstrategisches Sprachspiel zu verbuchen. Wie eine selbsterfüllende Prophezeiung schweben die Renderings der Immobilienunternehmen über der Berliner Stadtentwicklung. So warb die Projektentwicklungsgesellschaft Bauwert für ihre „Kronprinzengärten“ mit einem Umfeld aus Stadtschloss und rekonstruierter Bauakademie schon lange vor der Realisierung oder, im zweiten Falle, sogar noch vor dem Beschluss zur Realisierung. Die Wechselwirkung zwischen den (aus öffentlichen Mitteln finanzierten) Repräsentationsgebäuden und profanen Investorenarchitekturen greift auch umgekehrt, wenn sich Quartiere wie beispielsweise jene rund um den Hausvogteiplatz nach und nach in geschichtsträchtigem Gewand verdichten.12 Meine 2017 publizierte Studie zum retrospektiven Bauen in Berlin zeigt, dass sich die Akteure der auf Wertigkeit durch historische Reminiszenz setzenden „Portfolioarchitektur“ trotz zunehmenden Bauvolumens in einigen wenigen Unternehmen konzentrieren: Einschlägige Büros aus der konservativen Berliner Architekturszene wie Patzschke & Partner oder Nöfer Architekten kooperieren in der Regel mit Wohnungsbaugesellschaften wie der Ralf Schmitz GmbH oder Büros für Projektentwicklung und Bauträgerschaft wie die Groth Gruppe, Kondor Wessels oder der schon genannten Aktiengesellschaft Bauwert, womit die aktivsten Protagonisten des retro-spektiven Bauens in Berlin schon genannt wären.13

Während also bei den Townhouses am Friedrichswerder einer investorengetriebenen Stadtentwicklung das Konzept der Stadtgestaltung durch finanzstarke Stadtbürger-*innen gegenübergestellt wird, profitiert von der vollumfänglichen Historisierung der Berliner Mitte tatsächlich weiterhin das große Immobiliengeschäft.14 Die ständige Verknüpfung der Immobilienobjekte sowie der Umgebung mit der Narration einer idealisierten Vergangenheit zielt natürlich auf deren Wertsteigerung. Dabei entspricht der Immobilienwert nicht unbedingt für die Qualität der Immobilie, zeugen doch zahlreiche gebaute Beispiele von einem Mittelmaß an Gestaltung sowie einer häufig schlechten Ausführung.15 Denn nicht das Gebäude an sich, sondern das Grundstück und die Narration sind wertgenerierend. Ein Blick auf die Verkaufsportfolios zeigt, dass die räumliche Qualität einer Wohnung weniger betont wird als ihre quantifizierbare Lage: „Die Räume sind eher das Ergebnis eines Finanzkalküls als das einer räumlichen Vorstellungskraft. Nehmen wir zum Beispiel Balkone: Anstelle einer optimalen Position oder Größe ergeben sie sich häufig aus jener Vorschrift, die sie von einer Bruttogrundfläche ausschließt, wenn sie eine bestimmte Tiefe oder Länge nicht überschreiten.“16

Neben dem historischen Setting und der damit suggerierten Einschreibung in eine vermeintliche geschichtliche Kontinuität sind es in der Regel dreierlei Versprechen: zuerst eine sichere Geldanlage („ausschließlich exklusive Lagen, die dem jeweiligen hochwertigen Ambiente der Häuser entsprechen und gleichermaßen deren Wertbeständigkeit über Generationen hinweg garantieren“17), sodann die Selbstverwirklichung durch Betonung des Individuums („Der perfekte Ort für Menschen, die eigene Vorstellungen davon haben, wie sie ihr Leben gestalten möchten. Unangepasst, aber immer offen für andere, die genauso dasselbe tun.“18) sowie die eigene Sicherheit und Exklusion durch kontrollierte Zugänge („zahlreiche Gärten ziehen sich an den Rückseiten der Stadthäuser entlang der Falkoniergasse, die nach historischem Vorbild rekonstruiert wurde und tagsüber ihre Pforten für die Allgemeinheit öffnet“19).

Gerahmt werden diese doch sehr greifbaren Bedürfnisse immer durch einen ideologischen Überbau, der in der vielfältigen Bedeutung des Wortes „Wert“ kulminiert. Nimmt man beispielsweise den Ausspruch „nur Wert hat Bestand“ des Immobilienentwicklers Ralf Schmitz für bare Münze, eröffnet sich eine ganze Vorstellungswelt der angeblich doch nüchternen Branche. Gemeint ist hier die Verknüpfung von (kurzfristigem) Selbstwert und langfristigem, weil in kulturellem Zusammenhang stehendem Objektwert, aber auch von gesellschaftlichem Wertekanon und dem Ideologem der Wertschöpfung. Zum Verständnis dieser Zusammenhänge kann erneut die kritische Diagnose des gegenwärtigen Kapitalismus von Luc Boltanski und Arnaud Esquerre herangezogen werden: Die Soziologen beschreiben in ihrem 2018 in deutscher Übersetzung erschienenen Buch Bereicherung – Eine Kritik der Ware verschiedene Formen gegenwärtiger Wertermittlung unter der Logik der Profitmaximierung. Die Wertermittlung durch die von ihnen benannte „Sammlerform“ ziele auf die narrative Präsentation der Objekte, wodurch diese an Wert gewinnen und höhere Preise erzielen könnten.20 Durch die Narration werde den Dingen (Objekten wie Orten) „Erinnerungskraft“ verliehen, wobei diese jedoch von dem Konzept einer sozialen Einschreibung von „Erinnerungswerten“ als eine den Objekten immanente Eigenschaft, wie sie der Denkmalpfleger Alois Riegl beschrieb, klar unterschieden werden muss.21 Diese Art der Akkumulation ermöglicht so (auch) der Baubranche, die bereits bestehende Warenwelt aufzuweiten und erneut zu veräußern, ohne ihr im schöpferischen Sinne etwas hinzugefügt zu haben.22

Retrospektives Bauen als politische Agenda

Das Problematische an dieser systematischen Ausschlachtung der Vergangenheit ist auch der kulturell-identitäre Ansatz. Dass die neurechte Entwicklung der Gesellschaft sich zunehmend auch in der Architektur widerspiegelt, ist spätestens seit der ARCH+ Ausgabe Rechte Räume (und der daraus resultierten Verschärfung der Debatte um das Verhältnis von Politik und Architektur) bekannt.23 Während die „Berliner Fraktion der kulturpolitischen Wende“ seit 1989 der Architektur noch jede politische Zuschreibung absprach24 wird heute offensichtlich, dass jene stadträumliche Herstellung anachronistischer Gesellschafsordnungen eben nicht alleine den architekturhistorisch verklärten Bildungsbürger-*innen zupass kommt, sondern auch der sogenannten Neuen Rechten und ihren reaktionären bis nationalistischen baukulturellen Strategien in die Hände spielt. Denn anstatt mit den -Mitteln des retro-spektiven Bauens, wie Rem Koolhaas es vorschlug, ein mehrschichtig Neues zu erzeugen, ist der historische Rückgriff innerhalb der -„Berlinischen Architektur“ spätestens seit der kanalisierten, formalistisch reduzierten Weiterführung der von Josef Paul Kleihues formulierten „kritischen Rekonstruktion“ ein rein konservatives Hegemonieprojekt geworden. Was in den 1970er-Jahren als sozial gedachte Antwort auf die Missstände der Verdrängung und der Zerstörung historischer Bausubstanz begann, hat sich über die Rückbesinnung auf die formalen Fragen der Architektur hin zur Dualität von Repräsentations- und Portfolioarchitektur entwickelt und bleibt damit heute weit unterhalb der Möglichkeiten, die ein retrospektives Bauen eigentlich (auch ideologisch) bieten könnte.

 

 

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