ARCH+ 240


Erschienen in ARCH+ 240,
Seite(n) 20-27

ARCH+ 240

Der Tod des Architekten – Mai 1968 und die Folgen

Von Violeau, Jean-Louis

Die Geschichte der „grande“ École des Beaux-Arts ist weitgehend be­­kannt. Man hat vernommen, dass sich ihr Lehrmodell in der (westlichen) Welt verbreitet hat. Nach einem gescheiterten Reformversuch von Eugène Viollet-le-Duc, der 1863 nach nur wenigen Monaten entnervt seine Professur aufgab, ruhte sich die Schule für über ein Jahrhundert auf ihren Lorbeeren aus. Im Jahr 1968 kam es schließlich zu einer einschneidenden Zäsur: die Ausgliederung des Fachbereichs Architektur aus der École, die einst den ganzen Stolz des Berufsstandes darstellte. Wo stehen wir heute, ein halbes Jahrhundert später? Wenn wir über die Entwicklung der Architekturausbildung sprechen, kommen wir nicht umhin, auch über die Debatten und Kontroversen über das Selbstverständnis der Profession zu sprechen. Denn ohne zu verstehen, wie die beiden zueinander stehen, lässt sich keine der zwei Sphären durchdringen. 1968: Leben und Sterben der Beaux-Arts Mai 1968. Schafft die Beaux-Arts ab, wir erfinden uns neu! Aber wie, und in welche Richtung? Wir werden sehen …

Zu den ersten erwähnenswerten Unruhen kommt es an der École des Beaux-Arts in Paris im Jahr 1966. Studierende der Architektur kämpfen für eine weniger akademisch ausgerichtete Lehre. Sie fordern eine Ausbildung, die sich stärker an der Berufspraxis orientiert und verlangen darüber hinaus auch bessere Studienbedingungen. Ihr Engagement ist politisch motiviert – links, das versteht sich von selbst –, aber auch intellektuell begründet, verfolgt sie doch das Ziel einer theoretischen Neuausrichtung, die bereits von den Geisteswissenschaften ausging. In dieser Vor-68er-Zeit wird auch die Beziehung der Architekt*innen zu ihrem Berufsstand brüchig. Einige Studierende – und nicht die schlechtesten – beginnen die akademische Ästhetik und verschulte Kunst zu kritisieren, in der das Schöne auf eine modellhafte Ordnung reduziert und die architektonische Entwurfspraxis auf die Umsetzung eines vorgegebenen Regelsystems be­­schränkt wird. Die Studierenden versuchen sich von der Ästhetik des Vollendeten, der visuellen Wirkung, der technischen Meisterschaft und der perfekten Wiedergabe zu befreien, aber auch einige soziale Praktiken (Traditionen, Männerbünde, Aufnahmerituale, Hierarchien, etwa zwischen jüngeren und älteren Semestern) zu überwinden, die über die Hochschulzeit hinaus in einer Reihe von beruflichen Verbindungen weiterwirken. Im Mai 68 kulminiert diese Ablehnung des bestehenden Systems in der Zurückweisung des vorherrschenden Dresscodes unter Architekten, der umgebundenen Fliege als Symbol der Eitelkeit und der Zugehörigkeit zum Establishment.

 

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