ARCH+ 240


Erschienen in ARCH+ 240,
Seite(n) 82-87

ARCH+ 240

"Die Stadt ist stärker als die Architektur"

Von l'AUC /  Kempe, André

ANDRÉ KEMPE: Du bist für Deine forschende Entwurfstätigkeit bekannt. Welchen Einfluss hatte Deine Ausbildung auf Deine spezifische urbanistische Denkweise?

DJAMEL KLOUCHE: Ich habe mein Studium 1992 abgeschlossen, an der nationalen Architekturschule ENSA Paris-Val de Seine, dem Pendant der heutigen ENSA Paris-Malaquais. Das Thema Stadt hat mich von Anfang an interessiert, daher habe ich den Schwerpunkt Städtebau gewählt. Im Anschluss habe ich bis 1994 parallel zwei Aufbaustudiengänge absolviert. Zum einen studierte ich an der Hochschule für Sozialwissenschaften EHESS [École des Hautes Études en Sciences Sociales], wo ich auch promovieren wollte. Die Promotion kam aber nie zustande, da wir schon bald unser Büro gegründet haben. Dort haben Caroline Poulin und ich viel mit Marcel Roncayolo, einem namhaften Geografen, und Bernard Lepetit, einem renommierten Stadthistoriker, zusammengearbeitet. Zum anderen absolvierte ich das Studium der Politologie am Sciences Po, wo ich François Decoster kennenlernte. Diese doppelte Ausbildung war schon lustig – wie Schwarz und Weiß.

Während wir an der EHESS mit Historiker*innen, Geograf*innen, Studierenden der École normale supérieure [der Elitehochschule für Lehrkräfte] und natürlich auch Architekt*innen studierten, traf man am Sciences Po eher auf Absolvent*innen der Elitehochschulen für Wirtschaft oder für Ingenieurwesen. Die Lehre an der EHESS ist stärker auf Forschung ausgerichtet, man muss eine kritische Distanz zu den behandelten Themen aufbauen, diskutieren, historisch argumentieren und Abermillionen von Referenzen herstellen. Die Ausbildung am Sciences Po ist dagegen pragmatischer ausgerichtet und fußt auf der Berufspraxis in Städtebau und Raumplanung. Es gibt dort überhaupt keine Kritik, es geht vielmehr darum, wie man Stadt ef zient gestaltet, wie man Governance organisiert, welche Rolle die Ökonomie spielt und so weiter. Diese doppelte Lesart, die so gut wie gleichzeitig stattfand, hat mein Verständnis von Stadtplanung stark geprägt. Mir wurde klar, dass es extrem unterschiedliche Kreise gibt, die darüber sprechen, ohne dass es eine klare, einheitliche Linie gibt.

SSS Siedle Dornbracht Euroboden
Feedback erwünscht!