ARCH+ 240


Erschienen in ARCH+ 240,
Seite(n) 14-19

ARCH+ 240

„Vivre sa vie“ – Sein Leben leben

Von Cohen, Jean-Louis

In dem Film Masculin Féminin von 1966 meinte Jean-Luc Godard in der Pariser Jugend „die Kinder von Karl Marx und Coca Cola“ zu erkennen, indem er eine Art Symmetrie zwischen den politischen Haltungen seiner Figuren und ihrem Konsumverhalten aufstellte. Wenn man mit mehr als 50 Jahren Abstand die junge Riege der französischen Architekt*innen nach diesem Muster zu charakterisieren versucht, lässt sich ihr Lieblingsgetränk nicht so eindeutig bestimmen. Handelt es sich um Spritz, Cappuccino oder grünen Tee? Weniger gewagt erscheint indes das Unterfangen, sich auf die Suche nach ihren politischen und kulturellen Prägungen zu machen und somit der Einladung von ARCH+ zu folgen, deren Wurzeln in etwa auf dieselbe Zeit wie Godards Film zurückgehen.

Die radikalen Studierenden der École des Beaux-Arts und der Hochschulen, die nach der Schließung der Architekturabteilung der Beaux-Arts gegründet wurden, bemühten sich, die marxistischen Konzepte auf das anzuwenden, was damals unter „Produktion der gebauten Umwelt“ näher gefasst wurde. Diese heute sympathisch erscheinende Haltung hatte damals etwas sehr Mechanisches, da sie jede Praxis auf ihre Einordnung in die Pro­­duk­tionsverhältnisse reduzierte.

Der Antiintellektualismus und die Feindseligkeit gegenüber ästhetischen Erfindungen, die für dieses Milieu charakteristisch waren, lösten sich in den 1970er-Jahren auf; anstelle der klassischen Architekturtheorie traten nun Geisteswissenschaften und Kritische Theorie die Vorherrschaft an. Inzwischen scheint eine solche Vorliebe für disziplinfremde Diskurse überwunden zu sein, und insbesondere in Frankreich sind heute stärker in­nerarchitektonische Ansätze an der Tagesordnung. Die heutigen Architekt*innen in der Altersgruppe zwischen 40 und 50 wollen „ihr Leben leben“, um den Titel eines anderen Godard-Films, Vivre sa vie von 1962, aufzugreifen.

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