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Erschienen in ARCH+ RRR,
Seite(n) 2-4

Rechte-Räume-Reaktionen. Eine Einleitung

Von Hartbaum, Verena /  Ngo, Anh-Linh /  Trüby, Stephan

Kaum mehr als 24 Stunden nach der Präsentation folgte bereits Niklas Maaks erster enervierter Artikel „Kann Raum rechts sein?“ in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 26. Mai 2019, und nun, nach Dutzenden von Zeitungs- und Magazinartikeln in deutschsprachigen und internationalen Medien, nach Hunderten von Zuschriften und Tausenden von Online-Kommentaren, ist die Debatte noch immer nicht abgeflaut.

So erschien etwa pünktlich zum Redaktionsschluss am 20. Oktober 2019 im Berliner Tagesspiegel ein langer Artikel der Rostocker Historikerin Ulrike von Hirschhausen mit dem Titel „Alle Kultur ist Barbarei“. Wohin führt der Nerv, der mit der Rechte-Räume-Ausgabe ganz offenkundig getroffen wurde?

In mehrere Richtungen. Vor allem entzündete sich die „Rechte Räume“-Debatte im journalistischen Kontext an Verena Hartbaums Artikel „Rechts in der Mitte – Hans Kollhoffs CasaPound“. Unter Bezugnahme auf einen älteren Text von Heinz Dieter Kittsteiner aus dem Jahre 2003 wirft sie darin dem Berliner Architekten Hans Kollhoff vor, auf seinem 2001 vollendeten Walter-Benjamin-Platz in Berlin ein Zitat des amerikanischen Dichters und faschistischen Mussolini-Propagandisten Ezra Pound angebracht zu haben: „Bei Usura hat keiner ein Haus von gutem Werkstein / die Quadern wohlbehauen, fugenrecht, / dass die Stirnfläche sich zum Muster gliedert.“ Bei Lichte betrachtet, entpuppt sich diese Passage aus den so genannten Usura Cantos jedoch als antisemitische Flaschenpost. Denn bei Pound steht das Codewort „Usura“ (Wucher) für „die Juden“ beziehungsweise das „zinstreibende Judentum“, denen im Werk des Dichters die Schuld an allem möglichen Übel der Welt zugeschoben wird, nicht zuletzt – wie mit der von Kollhoff verwendeten Passage geschehen – eben auch die Schuld an schlechter Architektur ohne „guten Werkstein“. Doch Maak skandalisierte nicht etwa die Anbringung eines antisemitisch konnotierten Zitats im öffentlichen Raum von Berlin, sondern verteidigte die Architektur des Platzes: Man solle sich „fragen, warum ähnliche großzügige Plätze, gern auch mit anderer Architektur, nicht auch für Menschen mit geringerem Einkommen gebaut werden [...].“1 Wenige Tage später legte Maak in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung nach und warf der von ihm namentlich nicht genannten Autorin eine Diffamierung Kollhoffs vor: „[...] es ist unlauter und demagogisch, Kollhoff als Antisemiten zu denunzieren [...].“2 Doch an keiner Stelle im ARCH+-Heft Rechte Räume wird gegen Kollhoff der Vorwurf des Antisemitismus erhoben. Die antisemitische Flaschenpost, die Pound 1936 ins Meer der Literatur warf und die 2001 von Kollhoff auf dem Walter-Benjamin-Platz entrollt und in Stein gemeißelt wurde, macht aus dem Architekten nicht notwendigerweise einen Antisemiten, aber das Pound-Zitat bleibt nicht weniger problematisch.

Aber es kam noch wilder. Am 1. Juli 2019 hob Maak gar einen Artikel Arnold Bartetzkys in die Frankfurter Allgemeine Zeitung, in der dieser konservative Publizist nicht nur den „vernichtenden Verdacht“ gegen Kollhoff beklagt, sondern uns auch noch eine Verletzung „journalistischer Sorgfaltspflicht“ unterstellt, weil Verena Hartbaum Kollhoff nicht um seine Einschätzung gebeten habe. Hat sie aber, und Bartetzky selbst erwähnt sogar die E-Mail-Korrespondenz zwischen Hartbaum und Kollhoff aus dem Jahre 2012, in dem dieser eine mehr als problematische Begründung dafür liefert, weshalb er auf einem Platz, der ausgerechnet dem jüdischen Nazi-Opfer Benjamin gewidmet ist, eine Bühne für den Faschisten und Antisemiten Pound bietet: „[...] das ist ja das Schöne an der Konfrontation von Walter Benjamin und Ezra Pound, die persönlich ja nicht stattgefunden hat, dass man daran hypothetische Behauptungen knüpfen kann, die nicht selten ein grelles Licht werfen auf die fatale Geschichte des vergangenen Jahrhunderts“.3 Das ist Täter-Opfer-Relativierung par excellence, die Kollhoff jüngst auch sinngemäß wiederholte, als er Pounds Faschismus und Benjamins revolutionären Sozialismus mit folgenden Worten parallelisierte: „Beide gescheiterten Hoffnungen muss man vor allem aus ihrer Zeit heraus verstehen. Doch wir dürfen uns fragen, was wir dennoch heute damit anfangen können.“4 Die Kunsthistorikerin Annika Wienert vom Deutschen Historischen Institut Warschau kritisiert in dieser Ausgabe das kollhoffsche Pound-Zitat und die apologetische bartetzkysche FAZ-Berichterstattung mit deutlichen Worten: „Die symbolische Gewalt an Juden und Jüdinnen, welche sowohl die implizite öffentliche Ehrung des Antisemiten und überzeugten Faschisten Ezra Pound darstellt, als auch die schiere Präsenz einer antisemitischen Aussage im öffentlichen Raum, wird nicht zur Kenntnis genommen.“5 In eine ähnliche Richtung argumentiert Ulrike von Hirschhausen im bereits erwähnten Tagesspiegel-Artikel „Alle Kultur ist Barbarei“, in dem sie mit Blick auf Kollhoffs Pound-Zitat schreibt: „Wir müssen in Zeiten, in der rechtsradikale Positionen für manche einen Ausweg aus den Problemen der Globalisierung zu liefern scheinen, antisemitische Übergriffe sich häufen und die Synagoge von Halle zum Ziel eines Anschlags wird, solche Texte erst recht beim Namen nennen – und sie mit unseren Antworten konfrontieren. [...] Hilfreich wäre eine öffentliche Anhörung, zu der das Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf einladen könnte. Hilfreich wäre die Kooperation mit dem Architekten des Benjamin-Platzes, Hans Kollhoff, dem das Urheberrecht über die Platzgestaltung zusteht. Doch vor allem brauchen wir den öffentlichen Protest der Stadtgesellschaft, die ein antisemitisches Zitat, so unauffällig es daherkommt, nicht akzeptiert.“6

Während sich die Debatte um die Rechte-Räume-Ausgabe im journalistischen Kontext vor allem auf den Walter-Benjamin-­Platz fokussierte, wurden Teile der Fachöffentlichkeit durch einen Satz Stephan Trübys in der Einleitung erregt, in der Hans Stimmann und Harald Bodenschatz vorgeworfen wird, „das populistische und sozial neutralisierte Geschäft identitärer Stadtraumbildung [zu] betreiben (‚Berlinische Architektur“, Projekt einer Rekonstruktion der Berliner Altstadt) – und dabei keine Berührungsängste mit der patriotischen Rechten an den Tag legen“.7 Die Folge waren diverse Repliken, so etwa Kaye Geipels Kritik problematischer „Zuschreibungen“8 in der Bauwelt oder eine öffentliche Stellungnahme der Vereinigung für Stadt-, Regional- und Landesplanung (SRL) vom 22. August 2018, in der sich der Verband dagegen verwahrt, „unser Mitglied“ Harald Bodenschatz in den Kontext „rechter Räume“ zu stellen (was gar nicht stimmt), „nur weil er sich für kritische Rekonstruktionen einsetzt“ (was ebenfalls nicht stimmt).

Wahr ist an der Kritik Stephan Trübys an Bodenschatz Folgendes: Gewisse Ansichten des ehemaligen Professors für Planungs- und Architektursoziologie an der TU Berlin, der Autor vieler herausragender Werke wie Platz frei für das neue Berlin! Geschichte der Stadterneuerung in der „größten Mietskasernenstadt der Welt“ seit 1871 (1987) ist, sind von der Analyse der kommunistisch geprägten Stadtpolitik Bolognas um 1970 her zu verstehen, die er in seiner gerade auch heute lesenswerten Dissertation Städtische Bodenreform in Italien9 (1979) untersuchte. Darin wird beschrieben, wie die politische Linke in Gestalt der Kommunistischen Partei Italiens (PCI) sich in Bologna ab Ende der 1960er radikal von der modernen Architektur abwandte und Pläne etwa für Wohnsiedlungen in Vorstädten und andere Großprojekte in die Schublade beförderte. Stattdessen sollte es künftig um die Erhaltung historischer Innenstädte gehen, und zwar mithilfe eines mutigen politischen Projekts: des Versuchs einer Synthese von Denkmalschutz und sozialem Milieuschutz via Bodenreformen und weiterer begleitender Maßnahmen. Doch das Projekt scheiterte, vor allem aufgrund des Widerstands gegen Enteignungen. Die langfristigen Folgen dieser und ähnlicher Entwicklungen wie in Bologna und anderswo zeigen sich heute in verschiedenen Biografien von Achtundsechzigern, vor allem eben in jener von Bodenschatz: Das Projekt einer Sozialpolitik der (alten) Stadt wurde weitgehend aufgegeben, um sich fortan ganz auf die – deutlich einfacher zu habende – Bildpolitik einer „alten Stadt“ zu konzentrieren. Vor diesem Hintergrund müssen die jüngsten Verlautbarungen Bodenschatz’ zu einer unkritischen Rekonstruktion der Berliner Altstadt nach Frankfurter Vorbild verstanden werden, mit denen er seinen guten Ruf als Wissenschaftler riskiert. So bemühte er vor einiger Zeit in einem umstrittenen Tagesspiegel-Artikel die Argumentation, dass es im großzügigen Freiraum des Marx-Engels-Forums in Berlin einst eine besonders hohe Dichte an Immobilien im Besitz von jüdischen Bürgerinnen und Bürgern gegeben habe, dort also ein „christlich-jüdisches Symbiose-Experiment ohne Vorbild in der europäischen Geschichte“ geherrscht habe, an das man nun doch mit einer Rekonstruktion anknüpfen solle. Wenngleich Bodenschatz seinen Vorschlag im Bewusstsein einer Geschichte von „Toleranz und Intoleranz, Zerstörung und Aufbau“ formuliert, so verharmlost er damit doch eine lange Diskriminierungs- und Pogromgeschichte von Juden in Preußen zu einer „guten alten Zeit“ der Toleranz, was historisch schlicht nicht belastbar ist.10 Zudem macht er sich unfreiwillig kompatibel mit der patriotischen Rechten, die sich in Gestalt der Berliner AfD eine Rekonstruktion des Schlossumfeldes schon seit Längerem mit auf die Fahnen geschrieben hat.11 Die Entschädigung der Nachkommen ehemaliger jüdischer Eigentümer, deren Immobilienbesitz zwischen 1933 und 1945 „arisiert“ wurde und sich in Verlängerung von Inanspruchnahmen der DDR nach wie vor zu großen Teilen in staatlichem Besitz befindet, ist dringend geboten, aber nicht durch kompensatorische Stadtbildpolitik zu ersetzen.12

Während die journalistische Debatte um „Rechte Räume“ ihren Aufhänger in Kollhoffs Walter-Benjamin-Platz fand und die veröffentliche Fachdebatte mit der Skandalisierung von teils gar nicht vorgenommenen „Zuschreibungen“ bisher unter ihren Möglichkeiten dringend gebotener Kritik an reaktionären Tendenzen in der Städtebautheorie und -praxis geblieben ist, hat sich hinter den Kulissen eine architekturgeschichtliche Diskussion entfaltet, die bisher nur in zahllosen E-Mails geführt wurde und deren zarte Anfänge mit diesem Heft erstmals veröffentlicht seien. Es geht um den langfristig vielleicht explosivsten Text im Rechte-Räume-Heft, nämlich um die deutschsprachige Erstveröffentlichung von Winfried Nerdingers Aufsatz „Hans Poelzig, Paul Bonatz, Paul Schmitthenner – Die allmähliche Aufwertung, Normalisierung und Rehabilitierung der Konservativen, Opportunisten und NS-Mittäter“, der 2011 nur auf Italienisch in Casabella publiziert wurde. Die Erwiderungen der angegriffenen Autoren Wolfgang Pehnt und Wolfgang Voigt sind im Folgenden abgedruckt, ergänzt ihrerseits um eine aktualisierte Kritik von Nerdinger sowie um rahmende Beiträge von Dietrich W. Schmidt, Regine Heß und Ulrich Coenen. Es folgen Texte von Karin Wilhelm, Annika Wienert und Marc Priewe, die (die Debatte um) das Pound-Zitat auf dem Walter-Benjamin-Platz genauer untersuchen. Das Heft schließt mit einem Beitrag von Torsten Hoffmann zum Zusammenhang von rechtem Denken, Literatur und Gender sowie mit Stefan Kuraths Aufruf „Kein Architekt, keine Architektin handelt allein“.

Und es beginnt mit den Zuschriften von Frank R. Werner und Fritz Kestel, wobei Werner den Unterschied zum oft erwähnten Architekturstreit der 1990er-Jahre herausarbeitet und Kestel dringend empfiehlt, den „methodologischen Nationalismus“, der in den deutschen Reaktionen – auch und gerade in den fachlichen Reaktionen – so unangemessen im Vordergrund steht, endlich hinter sich zu lassen: „Es ist zu hoffen, dass weitere aufklärerische Hefte zu ‚Rechten Räumen‘ folgen werden. Die globalen Zeiten erfordern Reisen über Europa hinaus.“ Möge die Debatte also weitergehen, auf hoffentlich höherem Niveau.

1    Niklas Maak: „Kann Raum rechts sein?“, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (26.5.2019) 2    Niklas Maak: „Antisemitische Flaschenpost?“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (29.5.2019) 3    Zit. nach Verena Hartbaum: Der Walter-Benjamin-Platz (Disko 26), Nürnberg 2013, S. 70 4    Hans Kollhoff, zit. nach Peter von Becker: „Spiel mit der Provokation“, Tagesspiegel (3.6.2019), www.tagesspiegel.de/kultur/berliner-architekturstreit-spiel-mit-der-provokation/­ 24416220.html (Stand: 24.10.2019) 5    Vgl. S. 17 6    Ulrike von Hirschhausen: „Alle Kultur ist Barbarei – Ist der Walter-Benjamin-Platz ein ,rechter Raum‘? Vorschlag zur Befriedung einer Berliner Debatte“, in: Tagesspiegel (20.10.2019) 7    Stephan Trüby: „Rechte Räume – Eine Einführung“, in: ARCH+ 235 Rechte Räume – Bericht einer Europareise (2019), S. 11 8    Kaye Geipel: „Zuschreibungen“, in: Bauwelt 14 (2019), S. 13 9    Harald Bodenschatz: Städtische Bodenreform in Italien – Die Auseinandersetzung um das Bodenrecht und die Bologneser Kommunal­planung, Frankfurt a. M. 1979 10    Erst die Novemberrevolution 1918 und die Gründung der Weimarer Republik brachten für Juden in Deutschland eine völlige Gleichstellung vor dem Gesetz und damit auch im Staatsdienst mit sich. Alle Positionen im öffentlichen Dienst standen ihnen nun offen: Universitätsordinariate, Beamtenstellen, Ministerposten. Allerdings sahen sich Juden nach dem Ende des Ersten Weltkriegs auch mit einer massiven Welle antisemitischer Angriffe konfrontiert. – Vgl. Sebastian Panwitz, in: Stiftung Stadtmuseum Berlin, Franziska Nentwig (Hg.): Geraubte Mitte – Die „Arisierung“ des jüdischen Grundeigentums im Berliner Stadtkern 1933–45, Berlin 2003, S. 17 11    Vgl. afdkompakt.de/2017/05/30/stadtschloss- kuppel-und-umfeld-historisch- passend-rekonstruieren (Stand: 24.10.2019) 12    Vgl. Benedikt Goebel, Lutz Mauersberger, in: Stiftung Stadtmuseum Berlin, Franziska Nentwig 2003 (wie Anm. 10), S. 65

 

O

ÖSTBERG, Ragnar (1866–1945), schwedischer Architekt. Ruhm erlangte er mit dem Bau des Rathauses von Stockholm (1909–23), das durch vereinfachende Bauformen zwischen Historismus und 20. Jahrhundert vermittelt, dabei mit malerischem Turm und großflächigen Ziegelmauern schwedische Atmosphäre ausstrahlt. Ähnlich wie Berlages Börse in Amsterdam wurde es als Meisterwerk geschätzt. Lit.: Elias Cornell, „Ragnar Östberg – en svensk arkitekt“, Stockholm 1972.

OSTENDORF, Friedrich (1871–1915), Architekt und Theoretiker. Er entwickelte eine Entwurfslehre der Raumästhetik mit klaren Raumfolgen und eindeutigen Symmetrien, dargelegt in den unvollendeten „Sechs Büchern vom Bauen“ (Berlin 1913–22), die eine Gegenposition zu den funktionalen Differenzierungen der englischen Landhäuser bildete, die Hermann Muthesius propagierte. Lit.: Werner Oechslin, „‘Entwerfen heißt die einfachste Erscheinungsform zu finden.’ Mißverständnisse zum Zeitlosen, Historischen, Modernen und Klassischen bei Friedrich Ostendorf“, in: Vittorio M. Lampugnani u. Romana Schneider (Hrsg.): „Moderne Architektur in Deutschland 1900 bis 1950. Reform und Tradition“, Stuttgart 1992, S. 29–53.

OSTHAUS, Karl Ernst (1874–1921), Mäzen, Sammler; gründete in Hagen, Westfalen, das Museum Folkwang, das 1902 von Henry van de Velde ausgebaut wurde. Privat und als Vorstandsmitglied des Deutschen Werkbundes förderte er u.a. van de Velde, Richard Riemerschmid, Bruno Taut, Peter Behrens, Walter Gropius und Mathieu Lauweriks. Die Planung einer reform-pädagogischen Folkwangschule in Hohenhagen (1919–20), mit der Taut betraut wurde, konnte er nicht vollenden. Lit.: Herta Hesse-Frielinghaus u. a., „Karl Ernst Osthaus, Leben und Werk“, Recklinghausen 1971.

OUD, Jakobus Johannes Pieter (1890–1963), holländischer Architekt. 1917 Mitbegründer der Künstlerbewegung und Zeitschrift „De Stijl“. Von 1918–33 Stadtarchitekt im Wohnungsbauamt der Stadt Rotterdam: unter anderem Wohnblöcke in Spangen (1919–20), Siedlungen in Hoek van Holland (1924–27) und De Kiefhoek (1925–29), die sich durch eine sorgfältige Durchgestaltung der Alltagseinrichtungen auszeichnen. Lit.: Günther Stamm, „J. J. P. Oud, Bauten und Projekte 1906 bis 1963“, Mainz/Berlin 1984. [41, 42, 138, 158, 159]

P

PALLADIO, Andrea ( 1508–80), italienischer Architekt. Entwickelte eine Villen-Typologie, die Elemente antiker Tempelarchitektur wie Säulenportikus, Symmetrie und harmonische Proportionen auf Wohnhäuser überträgt. Im Veneto schuf er zahlreiche Villen, die einem humanistischen Ideal folgen, unter anderem Villa Rotonda (ab 1550). Bedeutende Kirchen in Venedig: San Giorgio Maggiore (1566) und Il Redentore (1576). Lit.: „Vier Bücher zur Architektur“, 1570, deutsch: hrsg. v. Andreas Beyer und Ulrich Schütte, Zürich/München 1984.

PARTHENON, Tempel der Athene auf der Athener Akropolis, 447–438 v. Chr. von Iktinos erbaut. Lit.: Manolis Korres, „Die klassische Architektur und der Parthenon“, in: Antikensammlung der SMPK Berlin (Hrsg), „Die griechische Klassik – Idee oder Wirklichkeit“, Mainz 2002, S. 364–373.

PERRET, Auguste (1874–1954), französischer Architekt. Perrets Bauten blieben trotz des Einsatzes von Eisenbeton einem klassizistischen Formenrepertoire aus kannelierten Säulen, Andeutungen von Kapitellen und Gesimsen treu: Apartmenthaus in der Rue Franklin (1903), Garage in der Rue de Ponthieu (1906–07), Kirche Notre-Dame in Le Raincy (1922–23), Hôtel de Mobilier National in Paris (1934–36), Musée des Travaux Publics (1936–48). Lit.: Roberto Gargiani, „Auguste Perret 1874–1954, teoria e opere“, Mailand 1993. [98, 217, 221]

PÖPPELMANN, Matthäus Daniel (1662– 1736), seit 1705 Landbaumeister Augusts des Starken; Erbauer des Dresdener Zwinger (1711–22), einem Meisterwerk des Rokoko. Die erfolgreiche Zusammenarbeit von Bildhauer und Architekt ergab eine prachtvolle, geschlossene Wirkung der ganzen Anlage, die allerdings nicht vollendet wurde. 1944 zerstört, wurde der Zwinger nach dem 2. Weltkrieg wiederaufgebaut. Lit.: Hermann Heckmann, „M. D. Pöppelmann (1662–1736), Leben und Werk“, München/Berlin 1972. R R.I.B.A., Abkürzung für Royal Institute of British Architects, entspricht in etwa den deutschen Architektenkammern.

S

SCHEERBART, Paul (1863–1915), Dichter phantastischer Literatur, wirkte u.a. im Kreis der Berliner Expressionisten um Herwarth Walden und dessen Zeitschrift „Der Sturm“. Seine Orientphantasien und Texte über Glasarchitektur beflügelten die Visionen von Architekten und Künstlern um Bruno Taut. Er dichtete für den Kölner Glaspavillon von Taut (1914) launige Reime. Tauts Buch „Alpine Architektur“ verdankt seine Anregungen Scheerbart. Lit.: Mechthild Rausch, „ Paul Scheerbart, 70 Trillionen Weltgrüsse. Eine Biographie in Briefen 1889–1915“, Berlin 1990.

SCHINKEL, Karl Friedrich (1781–1841), bedeutendster deutscher Architekt des frühen 19. Jahrhunderts. Ab 1815 im Dienst des preußischen Staatsbauamts. Sein streng klassizistischer Stil veranschaulicht mit architektonischen Mitteln die Trennung von tragenden und füllenden Bauteilen: u. a. in Berlin die Neue Wache (1816), das Schauspielhaus (1818–21), das Alte Museum (1822–28) und die Bauakademie (1831–36). Wichtigstes theoretisches Werk sind die Skizzen und Texte zu einem architektonischen Lehrbuch. Lit.: Goerd Peschken, „Das architektonische Lehrbuch“, Band 14 der Reihe: „Karl Friedrich Schinkel. Lebenswerk“, Berlin 1979. [7]

SCHMITZ, Bruno (1858–1916), Architekt; Erbauer zahlreicher Nationaldenkmäler der wilhelminischen Zeit, so auf dem Kyffhäuser (1896), an der Porta Westfalica (1896), am Deutschen Eck in Koblenz (1897) sowie des Völkerschlachtdenkmals in Leipzig (1898– 1913). Für den Wettbewerb Hauptstadt Groß- Berlin (1910) entwickelte er mit Otto Blum und Havestadt & Contag die Vision einer monumentalen Stadt. Lit.: Julius Posener, „Berlin auf dem Wege zu einer neuen Architektur. Das Zeitalter Wilhelms II.“, München 1979, Kapitel „Wilhelminismus“, S. 81–105.

SCOTT, Baillie M. H. (1865–1945), englischer Architekt, spezialisiert aufWohnhäuser. Er gewann den Wettbewerb „Das Haus für einen Kunstfreund“, den Alexander Koch, Herausgeber der Zeitschrift „Innendekoration“, 1901 in Darmstadt ausschrieb. Beteiligt hatten sich auch Charles Rennie Mackintosh. 1912 wurde sein Buch „Häuser und Gärten“ bei Wasmuth in Berlin verlegt, in dem er anhand eigener Häuser einfache und wohnliche Räume demonstriert.

SEMPER, Gottfried (1803–1879), Architekt und Theoretiker; wurde mit seiner Publikation über die Polychromie der antiken Architektur (1834) sowie dem Bau der Dresdener Oper (1838– 41) und der Gemäldegalerie im Zwinger (1857–54) bekannt. Wegen seiner Beteiligung am Dresdener Maiaufstand 1849 floh er über Paris nach London. 1855–71 lehrte er am neugegründeten Polytechnikum in Zürich (heute ETH), dessen Hauptgebäude (1858–64) er entwarf. 1871–76 Arbeit am Kaiserforum in Wien. Nach seiner materialistischen Theorie der Stile entstehen Ornamente und Bauformen aus den Techniken der Bearbeitung und Übertragung auf andere Materialien. So entwickelten sich aus der Verkleidung der Glossar Konstruktion die sekundären Elemente wie Fassaden, Putz oder Schmuck (Bekleidungstheorie). Hauptschrift: „Der Stil in den technischen und tektonischen Künsten“, 1860–63. Lit.: Winfried Nerdinger, Werner Oechslin, „Gottfried Semper1803–1879, Architektur und Wissenschaft“, Zürich/München 2003.

SESSHÛ TÔYÔ (1420–1506), japanischer Maler von Landschaften in Tusche. Lebte 1467–69 in China, wo er die Malerei der Song- und der Ming-Dynastie studierte. Sein berühmtestes Tuschebild im Stil des Ming- Meisters Yujian, „Haboku Landschaft“ (1495), suggeriert mit abstrakten, dynamischen Pinselklecksen und -strichen Klippen, Bäume und Häuser. Zu seinem Repertoire gehörten auch fein ausgemalte Szenenbilder.

SINAN (1489?–1588), bedeutendster osmanischer Architekt; erbaute über 300 Moscheen, Schulen, Krankenhäuser, Bäder, Brücken und Paläste. Die Hagia Sophia in Konstantinopel (heute Istanbul) diente ihm als Vorbild für die Entwicklung der Kuppelmoschee: u. a. Süleyman- Moschee in Istanbul (1550–67), Sultan Selim Moschee in Edirne (1569–75). Lit.: Ernst Egli, „Sinan, der Baumeister osmanischer Glanzzeit“, Zürich/Stuttgart 1954 (1974); Wolfgang Voigt (Hrsg.), „Die Moschee von Sinan. Sinan’s Mosque“, Tübingen/Berlin 2008.

SULLIVAN, Louis Henry (1856–1924), amerikanischer Architekt; Pionier der Chicagoer Schule, die aus den konstruktiven Bedingungen des Stahlskelettes und den funktionalen Anforderungen an ein Hochhaus die sachliche Form zu gewinnen suchte. Seine theoretischen Betrachtungen in „The Tall Office Building Artistically Considered“ (1896) kulminierten in der Formel: „Die Form folgt der Funktion“. Lit.: Sherman Paul, „Louis H. Sullivan. Ein amerikanischer Architekt und Denker“, Bauwelt Fundamente 5, Berlin 1965. [35, 37]

U

UENO, Isaburo (1892–1972), japanischer Architekt. 1922 Weiterstudium der Baukonstruktion in Berlin, ab 1924 an der Universität in Wien, anschließend Arbeit im Architekturbüro von Josef Hoffmann. 1925 Rückkehr nach Japan. 1927 Mitbegründer des „Internationalen Architektenbundes in Japan“. Ab 1929 Mitherausgeber der Zeitschrift „Arkitekturo Internacia“, dem Organ des Verbandes. Ueno wurde nach Tauts Weggang aus Japan 1936 dessen Nachfolger im Kogeisho (Werkstatt für kunstgewerbliche Gegenstände) in Takasaki.

UNWIN, Raymond (1863–1940), englischer Architekt; Planer und Erbauer der Gartenstädte Letchworth (ab 1903) und Hampstead (1905–14). Sein Ziel war es, einen Bezug zur Landschaft herzustellen sowie das „Gefühl einer lokalen Gebietsgemeinschaft“ mittels einer Ortsmitte, dem Civic Center, hervorzurufen. Sein theoretisches Hauptwerk ist „Town Planning in Practice“ (London 1909, deutsch: „Grundlagen des Städtebaus“, Berlin 1910). Lit.: Mervyn Miller, „Raymond Unwin. Garden Cities and Town Planning“, Leicester 1992.

URAGAMI, Gyokudô (1745–1820), japanischer Maler, Musiker und Dichter, entstammt einer Samurai-Familie. Um 1790 begann er mit Tusche Landschaften im Stil der Literati zu malen. Überlagerungen von grauer und schwarzer Tusche, von verwaschenen Flächen und scharfen Strichen, ausgefüllt von Linien und Punkten, kennzeichnen die Berglandschaften. Erst im 20. Jahrhundert fanden seine Bilder gebührende Anerkennung. Unter den Bewunderern war auch Bruno Taut.

V

VAN DEVELDE, Henry ( 1863–1957), belgischer Architekt und Designer. Ursprünglich Maler, entwarf er als Autodidakt 1895 sein Wohnhaus Bloemenwerf in Uccle bei Brüssel und die gesamte Innenausstattung. Sein organisches Linienornament in der Treppenhalle des Folkwang- Museums (siehe Osthaus) wurde eine Ikone des Jugendstils. Ab 1902 mit der Gründung und Leitung einer Kunstgewerbeschule in Weimar betraut, für die er die Bauten derKunstschule (1904–11) und die Kunstgewerbeschule (1905–06) entwarf. 1919 ging daraus unter der Leitung von Walter Gropius das Bauhaus hervor. Beim Werkbundstreit 1914 trat van de Velde für die Individualität der Kunst und gegen Hermann Muthesius’ Thesen zur Typenbildung und Industrialisierung ein. Spätwerk: Museum Kröller-Müller in Otterlo (1936–53). Lit.: Henry van de Velde, „Geschichte meines Lebens“, München/ Zürich 1986; Klaus-Jürgen Sembach, „Henry van de Velde“, Stuttgart 1989. [26]

VIOLLET-LE-DUC, Eugène Emanuel (1814–79), französischer Architekt und Theoretiker, einflußreicher Forscher und Restaurator der französischen Romanik und Gotik. Sah in der Gotik eine rationale Bauweise, die aus dem Skelett der Rippen und den membranartigen Füllungen der Gewölbe bestehe. Dieses konstruktive Prinzip übertrug er auf die Eisenskelettkonstruktion seiner Zeit. Veröffentlichungen: „Entretiens sur l’architecture“ (1863/72). Seine theoretischen Überlegungen beeinflußten Antonio Gaudí. Lit.: Bruno Foucart u. a. (Hrsg.), „Viollet-Le-Duc“, Ausstellungskatalog, Galeries nationales du Grand Palais, Paris 1980.

VITRUV (Vitruvius Pollio) (ca. 84 v. Chr.), römischer Architekt und Ingenieur, Verfasser der „Zehn Bücher über Architektur“ (ab ca. 33 v. Chr.), einer Sammlung des technischen und ästhetischen Wissens über die Baukunst seiner Zeit und der griechischen Antike. Deren Wiederentdeckung (Gianfrancesco Poggio Bracciolini) und Drucklegung 1486 in Rom hatte eine nachhaltige Wirkung auf die italienische Renaissance. Lit.: Günther Fischer, „Vitruv NEU oder Was ist Architektur?“, Bauwelt Fundamente 141, Basel/Berlin/Boston 2008.

W

WAGNER, Otto ( 1841–1918), österreichischer Architekt. Als künstlerischer Beirat beim Bau der Wiener Stadtbahn entstanden bis 1900 zahlreiche Stationsgebäude, Brücken und Viadukte nach seinen Plänen, u.a. das Stationsgebäude am Karlsplatz mit einer eleganten Eisenkonstruktion und Jugendstilornamenten. Beim Wiener Postsparkassenamt (1903–06) wird die sichtbare Montage der dünnen Natursteinplatten zum Fassadenornament (s. Semper: Bekleidungstheorie). Als Lehrer an derWiener Akademie (1894– 1915) warWagner der einflußreichste Künstler in der Donaumonarchie. Werk: Otto Wagner, „Moderne Architektur. Seinen Schülern ein Führer auf diesem Kunstgebiete“, Wien 1896. Lit.: Otto Antonia Graf, „Otto Wagner, Das Werk des Architekten“, Wien/Köln/Graz1985. [19, 20]

WESNIN, Alexander Alexandrowitsch (1883– 1959), russischer Maler, Bühnenbildner, Architekt; Leitfigur des „russischen Konstruktivismus“, Professor an derWChUTEMAS. 1926–30 Mitherausgeber der Zeitschrift „Sovremennaja Architektura“ („Zeitgenössische Architektur“). Werke: Arbeiterklub- und Theaterhäuser, Warenhaus MOSTORG (1927), Dnjepr-Kraftwerk (1927–32). Wettbewerbsarbeiten: u. a. Palast der Arbeit, Sowjetpalast, Gebäude des Volkskommissariats für Schwerindustrie. Lit.: Selim O Chan-Magomedow, „Alexander Wesnin und der Konstruktivismus“, Stuttgart 1987. [46, 214]

WRIGHT, Frank Lloyd (1867–1959), amerikanischer Architekt; 1888–93 bei Louis Sullivan. In Oak Park und River Forest, Chicago, entwikkelte er bis 1910 Einfamilienhäuser für den Mittleren Westen, die er „Prairie Houses“ nannte, u.a. Robie House (1908–10). Während seines Europa-Aufenthaltes 1910 publizierte er bei Wasmuth in Berlin das Mappenwerk „Ausgeführte Bauten und Entwürfe von Frank Lloyd Wright“ (1910/11), das nachhaltigen Einfluß auf deutsche und niederländische Architekten haben sollte. Ab 1911 Aufbau seines Wohnhauses samt landwirtschaftlichem Betrieb in Taliesin, Spring Green, Wisconsin. Sein bekanntestes Meisterwerk: Haus Kaufmann (Fallingwater), Bear Run, Pennsylvania (1934–37). Lit.: Peter Gössel, Gabriele Leuthäuser (Hrsg.), „Frank Lloyd Wright“, Köln 1994. [36, 37, 174]

Y

YOSHIDA, Tetsuro ( 1894–1956), japanischer Architekt. Er vertrat eine „moderate“ Moderne, die ihre Vorbilder in Paul Bonatz und Ragnar Östberg sah: Hauptpostämter in Tokio (1929–30) und Osaka (1939). Yoshida war gleichermaßen in der traditionellen japanischen Architektur versiert: Haus Baba in Tokio (1928). Er half Bruno Taut bei der Detaillierung der Gesellschaftsräume der Hyuga Villa in Atami (1935). Veröffentlichungen im Wasmuth Verlag: „Das japanische Wohnhaus“ (1935, 2. Aufl. 1954), „Japanische Architektur“ (1952), „Der japanische Garten“ (1957).

Z

ZEPPELIN, Ferdinand Graf von (1838–1917), Begründer des Starr-Luftschiffes mit Ganzmetallgerüst. 1898 gründete er eine eigene „AG zur Förderung der Luftschiffe“ und errichtete bei Friedrichshafen am Bodensee eine schwimmende Halle als Zeppelinwerft. Das erste Luftschiff startete am 2.7.1900, insgesamt wurden etwa 100 gebaut. 1909 gründete erzusammen mit Maybach in Friedrichshafen eine Fabrik zur Herstellung von Motoren für Luftschiffe. Am 19.8.1929 landete Zeppelin in Japan.   

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