ARCH+ 238


Erschienen in ARCH+ 238,
Seite(n) 168-177

ARCH+ 238

Die Kraft der Allegorie

Von Hasegawa, Yuko

Als ich im Mai 2018 die Ausstellung Architectural Ethnography im Japanischen Pavillon der Architekturbiennale in Venedig besuchte, unterhielt ich mich mit der Kuratorin Momoyo Kaijima. In unserem Gespräch ging es um Zeichnungen und Narrative und schließlich kamen wir auch auf die Kraft der Allegorie zu sprechen.

Denn aus meiner Perspektive als Kunsthistorikerin und Kuratorin konnte ich in Bezug auf den Fantasiereichtum und die Art der Narration eine gewisse Ähnlichkeit von den in der Ausstellung präsentierten Zeichnungen, die menschliche Umwelten darstellen, mit beispielweise einem vormodernen Sittengemälde feststellen. Zeichnungen, einschließlich Landkarten und Bildchroniken, können zwischen verschiedenen Raum- und Zeitschichten vermitteln und Verbindungen offenlegen, die aus dem Material vergangener Zeiten heraus einen Erkenntnishorizont für unsere Gegenwart eröffnen.

Im Zusammenhang mit dem Thema dieses Hefts soll es darum gehen, die besondere Kraft der Allegorie im Kontext der Architektur­ethnografie herauszuarbeiten und aufzuzeigen, wie sie aus Darstellungen konkreter Dinge vollkommen andere, abstrakte Begriffe extrahiert und vielfältige Interpretationen hervorbringt.

 

Ethnografie und Zeichnung

Unter Ethnografie (von altgriechisch éthnos für Volk und gráphein für schreiben) verstehen wir konkrete Aufzeichnungen über das soziale Leben der Menschen unter Anwendung empirischer Untersuchungsmethoden der Feldforschung. Diese Aufzeichnungen, sei es in Form von Texten, Skizzen, Fotos, animierten Bildern oder Film- und Audioaufnahmen, stellen das grundlegende physische Material dar, auf dem Kulturanthropologie und Ethnologie ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse aufbauen. Wie der Historiker James Clifford ausführt, stellen diese Aufzeichnungen keine objektiven Dokumentationen mit absolutem Wahrheitscharakter dar. Eine Interpretation schreibt sich, ob bewusst oder unbewusst, stets mit ein. Ethnografische Aufzeichnungen sind somit ein schöpferischer Akt, eine Form der poiesis (griech. für herstellen, hervorbringen). Im Prozess der Beobachtung und Interpretation wird eine „Poetik“ und ein kulturelles System errichtet. Aufgrund dieser Eigenschaft ist dieser Prozess sowohl ethischer als auch politischer Natur.1

Im Folgenden soll dieser schöpferische Akt der poiesis, das Erschaffen einer anderen Realität durch das Medium der Zeichnung, näher beleuchtet werden. Zeichnen ist eine manuelle und geistige Tätigkeit. Während man mit der Hand etwas zeichnet, tritt ganz unwillkürlich etwas hinzu, über das man dabei reflektiert oder das man sich vorstellt. Als Methode der Ethnografie bietet es die Möglichkeit, konkrete unbekannte Erkenntnisbereiche zu erschließen und neue Interpretationen unserer gegenwärtigen Welt in Narrativen herauszuarbeiten. Doch wie hängen Sehen und Interpretieren mit Vorstellungskraft und Kreativität zusammen?

Im Unterschied zum 3D-Rendering, das auf der Basis von Fotos, Videos und digitalen Daten entsteht, sind Handzeichnungen dem Körper viel näher. In sie fließen subjektive Wahrnehmungsfaktoren wie Geruch, Luftfeuchtigkeit und Haptik, aber auch die Stimmung einer Umgebung oder die mit einem Ort verbundenen Erinnerungen und Assoziationen mit ein. Die damit verbundenen Raumerfahrungen können digitale Geräte kaum in ihrer Ganzheit wiedergeben.

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