ARCH+ 238

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Erschienen in ARCH+ 238,
Seite(n) 162-167

ARCH+ 238

Gare du Nord

Von Fassler, Larissa

In meiner künstlerischen Arbeit untersuche und dokumentiere ich kritisch öffentliche Räume, die umstritten sind. Meine Tätigkeit basiert dabei auf genauen Beobachtungen sich verändernder städtischer Geografien und der komplexen Beziehungen zwischen Mensch und Raum. Ich kombiniere Feldstudien, Onlinerecherche, Malerei und Zeichnungen, um analytische Portraits individueller öffentlicher Orte zu schaffen, die aufzeigen sollen, welchen Einfluss die urbane Umwelt auf Psyche und Körper der Menschen hat, und umgekehrt, inwiefern sich in der gebauten Umwelt widerspiegelt, wie die Menschen die Orte wahrnehmen, verstehen und nutzen.

Jede meiner Arbeiten ist sowohl minutiöse Beschreibung als auch poetische Interpre­tation des Ortes. Zu diesem Zweck greifeich auf Methoden der urbanen Anthropologie, der Stadtplanung, der Stadtsoziologie und der Architektur zurück, um wirtschaftliche und politische Aktivitäten, allgemeine Entwicklungsmuster sowie die Flüsse von sozialem, wirtschaftlichem und kulturellem Kapital zu kartografieren. Ich erfasse Augenblicke kollektiver Erinnerung und kollektiven Vergessens. Ich lege die jeweils herrschenden Regeln von Ein- und Ausschluss offen, die eine Folge zeitgenössischer Über­wachungstechnologien sind. In der Tradition psychogeografischer Studien setze ich zur Beobachtung und Kartierung der städtischen Landschaften meinen eigenen Körper und meine subjektive Wahrnehmung ein. Ich erkunde öffentliche Räume, indem ich ihre Ränder ablaufe, die Schritte zähle und meine körperlichen Empfindungen aufzeichne. Diese recht intime Vorgehensweise verhilft mir zu einem tieferen Verständnis und einem differenzierteren Blick. Denn sie hilft mir dabei, vorgefasste Meinungen und Vorurteile über einen Ort und die sich dort aufhaltenden Menschen infrage zu stellen.

Für eine meiner Arbeiten verbrachte ich beispielsweise über drei Monate in Paris und ging in dieser Zeit jeden Tag zur Gare du Nord. Ich blieb dort jeweils zwischen eine und sechs Stunden, beobachtete und kartografierte den Kopfbahnhof. Die Gare du Nord ist ein wichtiger Transitknotenpunkt, der jeden Tag von Hunderttausenden von Menschen passiert wird. Sie verbindet Paris mit seinen nördlichen Vororten und darüber hinaus mit Großbritannien, den Niederlanden, Belgien und Deutschland. Dieser Ort ist in vielfacher Hinsicht sinnbildlich für Frankreich: Man wird hier unentwegt mit Fragen der Zugänglichkeit, der Gleichheit, der ethnischen Zugehörigkeit, der Identität, der Sicherheit und der Kontrolle konfrontiert. Die Gare du Nord ist ein komplexer, chaotischer und sich beständig wandelnder Ort, ein Ort der Begegnung und der Konfrontation zwischen zwei parallel existierenden Pariser Welten, eine innerhalb und eine außerhalb des Périphérique.

Auf DIN-A4-Blättern, die auf einem Klemmbrett fixiert sind, zeichnete ich Karten der Innenräume des Bahnhofs. Ich lief die Wände ab und zählte meine Schritte, um Grundrisse von allen mir zugänglichen Bereichen anzufertigen: Bahnsteige, Unterführungen, Passagen, Treppenhäuser, Rolltreppen, Aufzüge. Dieses Vorgehen wiederholte ich immer und immer wieder, ich lief, zählte und kartografierte und erfasste auf diese Weise viele Bereiche mehrfach. So entstand eine Reihe von Lesarten desselben Raumes, die sich hinsichtlich der Genauigkeit und in den Größen sowie Proportionen unterschieden. Diese subjektiven Karten werden dann überein­andergelegt und zur finalen Arbeit verschmolzen. In einem kleinen Notizbuch hielt ich alle meine Beobachtungen fest, so etwa, wer sich zu einer bestimmten Zeit im Bahnhof aufhielt, Geschlecht, Alter, die vermutete ethnische Zugehörigkeit, Sprache et cetera. Ich notierte auch, was die Menschen dort taten (küssen, mit den Fingern schnippen, Taschen tragen, betteln), welche Kleidung sie trugen (Saris, westafrikanisch-­niederländische Batiken, Tschadors, Kaftans, Schmuck, Hosen mit tiefem Schritt, Kapuzenpullover, Anzüge) sowie die Geräusche, Farben und Gerüche (Urin, Weihrauch, Parfüm, Metall bei Schweißarbeiten, Körperschweiß, gegrillter Mais). Ich verfolgte die Bewegungen der Armeeangehörigen, der Polizei und des an orangefarbenen Westen erkennbaren Sicherheitspersonals. Ich verzeichnete polizeiliche Kontrollen und Durchsuchungen sowie die Standorte der Sicherheitskameras. Ich dokumentierte die breite Palette von Techniken, mit denen die Menschen die Fahrkartenkontrollautomaten überlisteten, und viele verblüffende Momente, etwa als eine Gruppe von rund vierzig Müttern mit ihren Kindern in Schlafanzügen und mit Micky-Maus-Ohren den Eurostar-Zug bestieg.

In den darauffolgenden acht Monaten malte ich fünf große Bilder, eine Synthese hunderter handgezeichneter Grundriss­skizzen und Notizen. Grundrissfragmente überlagern sich zu einer Komposition, die unser landläufiges Raumverständnis in Frage stellt. Farbe und Muster sind ebenfalls wichtige Mittel der Interpretation. Die Steinfassade des Bahnhofs etwa wird in ein grünliches Gelb mit Bleistiftsschraffuren übersetzt. Das warme Ocker und blasse Blau der afrikanisch-niederländischen Batiken vermischt sich mit dem Neonorange der Sicherheitswesten.

Die Endfassungen der Arbeiten verdanken sich einer unermüdlichen Sammlung und Verdichtung von Daten. Sie vermitteln den Eindruck einer totalen Reizüberflutung mit Informationen, einer Art Grundrauschen. Viele scheinbar irrelevante Details werden hier zu einem einzigen kakofonischen Objekt kondensiert, dessen komplexe Semantiken einer subjektiven Erfahrung der Gare du Nord zum Ausdruck verhelfen.

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