ARCH+ 238

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Erschienen in ARCH+ 238,
Seite(n) 126-133

ARCH+ 238

The Arsenal of Exclusion & Inclusion

Von Interboro Partners

The Arsenal of Exclusion & Inclusion ist ein Verzeichnis von Dingen, die wir als „Waffen“ der Inklusion und Exklusion betrachten. Es handelt sich um Codes, Konventionen, Regeln, Praktiken und physische Artefakte, die, bisweilen kaum wahrnehmbar, die zeitgenössische US-amerikanische Stadt prägen.

Auf der einen Seite dienen sie einer ver­besserten Zugänglichkeit; auf der anderen Seite werden verschiedene Bevölkerungsgruppen – oft auf Grundlage ihrer Gruppen­zugehörigkeit, ihrer Herkunft oder ihres Aussehens – ausgeschlossen. Im Arsenal werden derartige Waffen identifiziert, ihr Einsatz durch verschiedene Akteur*innen untersucht und ihre unmittelbaren Aus­wirkungen und langfristigen Folgen bewertet. Zudem gehen wir der Frage nach, wie sich Städte durch ihren gezielten Einsatz oder ihre Beseitigung offener gestalten lassen.

Ausgangspunkt der Feldforschung für das Arsenal waren zwei unscheinbare Hinweisschilder, die uns im Schaufenster eines Immobilienmaklers unweit unseres Büros in Brooklyn auffielen: „No Loitering“ (Herumlungern verboten) stand hier direkt neben „Equal Opportunity“ (Chancen­gleichheit); letzteres ist ein Hinweis darauf, dass das Büro sich an die rechtlichen Vorgaben des Fair Housing Act hält, der Diskriminierung aufgrund von Rasse, Hautfarbe, Religion, Geschlecht, Behin­derung, Familienstand oder nationaler Herkunft verbietet. Diese beiden Schilder enthalten unterschiedliche – wenn nicht sogar sich widersprechende – Aussagen über den städtischen Raum und seine Nutzung: Das eine betrifft den Zugang zu Wohnraum, das andere die angemessene Nutzung des öffentlichen Raums; das eine fällt in den Bereich der Politik, das andere in den Bereich der Praxis; das eine drückt eine Rechtsnorm aus, das andere hat zunächst einmal keine juristische Wirkung (schließlich ist der Hinweis „Herumlungern verboten“ bestenfalls eine Art Guerilla­taktik gegen ein vage definiertes Verhalten). Denn das Anbringen des Schildes zur Regulierung des Raums ist nicht zwangs­läufig autorisiert. In diesen beiden Hinweisschildern zeigt sich auf anschauliche Weise, dass der Zugang zum städtischen Raum durch eine Vielzahl beliebiger und oft widersprüchlicher Vorschriften, Praktiken und physischer Artefakte geregelt ist, die rechtmäßig oder unrechtmäßig, offiziell oder inoffiziell, strategisch oder taktisch, bewusst oder gewohnheitsmäßig sind.

Die Einträge im Arsenal erforderten teilweise umfassende Feldforschung. So beruht zum Beispiel der Eintrag „Fire Zone“ (Feuerwehrzufahrt) auf der Beobachtung einer eigentümlichen Parkvorschrift auf der Rockaway­halbinsel in Queens. Zwei wohlhabende Wohnquartiere mit mehrheitlich weißer Bevölkerung teilen sich einen naturbelassenen Strand, der bereits seit 1939 dem New Yorker Department of Parks and Recreation untersteht. Für nicht Ortsansässige ist es aufgrund fehlender öffentlicher Verkehrsmittel und sehr eingeschränkter Parkmöglichkeiten jedoch nicht einfach, zu dem öffentlichen Strand zu gelangen. In den meisten unmittelbar angrenzenden Wohn­gebieten ist das Parken auf der Straße vom 15. Mai bis zum 30. September untersagt; an anderen Stellen darf an Wochenenden und Feiertagen nicht geparkt werden. In wieder anderen Straßen weisen Schilder mit der Aufschrift „No Standing/Fire Zone“ (Park­verbot/Feuerwehrzufahrt) darauf hin, dass das Parken ganzjährig verboten ist. Die Häufung dieser Hinweiszeichen erschien uns merkwürdig, denn in den übrigen, weniger wohlhabenden Teilen der Halbinsel sind sie nirgends zu finden; und so dokumentierten und kartierten wir alle Schilder, die zu diesem Zeitpunkt nicht auf der Webseite der Verkehrsbehörde aufgeführt waren. Von angeblichen Feuerwehrzufahrten über falsche Garagen (mit echten Bordstein­absenkungen, die das Parken einschränken) und überflüssige Hydranten (die dem gleichen Zweck dienen) bis hin zu strategisch platzierten Sprinklern zur Vertreibung Obdachloser ist die gebaute Umwelt vielerorts übersät mit taktischen Waffen zum Ausschluss bestimmter Gruppen. Doch bleiben diese Einrichtungen gemeinhin unter dem Radar und können nur durch Detektivarbeit vor Ort wahrnehmbar gemacht werden.

Für andere Einträge wählten wir einen ethnografischen Ansatz, der neben Beobachtungen auch Gespräche umfasste und sich über einen längeren Zeitraum hinzog. So wurden beispielsweise für den Eintrag „Naturally Occurring Retirement Communities, NORCs“ (etwa: sich auf natürliche Weise bildende Rentnerwohnviertel) eine große Anzahl von Senior*innen befragt sowie deren Umgebung und Alltag beobachtet. Unter einer NORC versteht man einen Ort mit überwiegend älterer Bevölkerung, der nicht eigens für sie gebaut wurde. Gleichzeitig ist NORC eine offizielle Bezeichnung: Ab den 1980er-Jahren setzten sich in New York die immer älter werdenden Bewohner*innen großer Hochhausviertel – der sogenannten towers in the park – für eine seniorengerechte Umgestaltung der Anlagen durch den Einbau von beispiels­weise Haltegriffen, Rampen und besserer Beleuchtung sowie durch Bereitstellung zusätzlicher Dienstleistungen wie Programme zur Gesundheitsvorsorge ein, damit sie am gewohnten Ort alt werden konnten. Durch ihr Engagement sorgten diese Bewohner­*innen dafür, dass ihre Umgebung an ihre Bedürfnisse angepasst wurde, und ermöglichten auf diese Weise, dass andere Menschen ebenfalls in ihren Wohnungen alt werden konnten. Interessanterweise verhalfen sie damit gleichzeitig einem Gebäudetypus zu neuer Relevanz, der vielfach als entmenschlichend und monoton abqualifiziert worden war, denn sie konnten zeigen, dass er für die Bedürfnisse einer alternden Bevölkerung recht gut funktioniert. Unsere Arbeit beschränkte sich nicht darauf, die kleinen, aber bedeutsamen architektonischen und programmatischen Eingriffe und ihre Auswirkungen auf das Leben der Bewohner­*innen zu dokumentieren, sondern bestand auch darin, auf der Grundlage von zahllosen Gesprächen die ungeschriebene Geschichte der Entwicklung der NORCs aus der Perspektive der Bewohner*innen, Orga­nisator­­­*innen und Aktivist*innen niederzuschreiben.

Bei der Erarbeitung des Arsenals gelang es in vielen Fällen, durch genaues Beobachten und Zuhören sowie durch das Erfassen und Kartieren unterschiedlichster Aspekte – wie barrierefreie oder nicht barrierefreie U-Bahnhöfe, die ethnische und wirtschaftliche Bevölkerungszusammensetzung in Einbahnstraßen oder die provisorische Architektur polizeilich ausgewiesener „Free Speech Zones“, in denen politischer Protest erlaubt ist – die materiellen Auswirkungen abstrakter Ideologien zu lokalisieren und zu verstehen, durch die Hierarchien reproduziert oder aufgelöst werden.

Das Arsenal umfasst 153 Waffen, die wie in einem Lexikon in alphabetischer Reihenfolge aufgeführt sind. Sie werden anhand unterschiedlichster Materialien wie Karten, Fotos, persönliche Berichte, axonometrische Darstellungen, historische Zeitleisten und Interviews präsentiert. Darüber hinaus enthält das Arsenal eine Illustration von Lesser Gonzalez Alvarez, die von dem Gemälde der Niederländischen Sprichwörter von Pieter Bruegel dem Älteren inspiriert ist. Die Zeichnung nutzt zudem den Verzerrungseffekt einer Über­wachungskamera, um alle Waffen in einem imaginären Raum zu versammeln und die komplexe, sich ständig weiterentwickelnde Politik der kleinteiligen Stadtproduktion zu illustrieren. Diese Überblicksperspektive vermittelt einen Eindruck davon, wie die einzelnen Waffen – unabhängig davon, ob sie inklusiv, exklusiv oder irgendetwas dazwischen sind – in verworrenen Wechselbeziehungen mit anderen Waffen stehen und dadurch eine städtische Realität in Amerika produzieren, die über einzelne ideologische Aussagen weit hinausgeht.

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Beispiele:

9. Wohnungsgröße

Die Wahl der Wohnungsgröße ist die wirksamste Waffe der Immobilienentwicklung, um die Zusammensetzung der zukünftigen Mieterschaft zu steuern. In New York etwa gab es 2011 laut der New York Times immerhin 14 Prozent Mietwohnungen mit 3 Zimmern, jedoch nur 2 Prozent der 2,1 Millionen Apartments waren mit mehr Räumen ausgestattet. Natürlich sind kleine Wohnungen erschwinglicher, aber sie schließen Familien mit größerem Platzbedarf aus. Umgekehrt können auch große Wohnungen als Waffe der Exklusion fungieren, da sie für Gruppen mit weniger Platzbedarf nicht bezahlbar sein können. In Brooklyn konnte ein Kläger den Bau einer Wohnanlage stoppen, indem er das Gericht davon überzeugte, dass der dort am häufigsten geplante Wohnungstyp nur von der chassidisch-orthodoxen jüdischen Gemeinde nachgefragt wird und somit Personen lateinamerikanischer und afroamerikanischer Herkunft ausschließt. 

89. Beschilderung „Herumlungern verboten“

Das in den USA weit verbreitete Schild mit der Aufschrift „No Loitering“, zu Deutsch etwa „Herumlungern verboten“, soll verhindern, dass sich Menschen ohne konkreten Anlass in Grünanlagen, Hinter­höfen, vor Schulen oder Hauseingängen aufhalten. Zwar variiert die Definition, was als „Herumlungern“ angesehen wird, von Bundesstaat zu Bundesstaat, führt jedoch zur Festnahme immer gleicher Personengruppen: Menschen lateinamerikanischer und afroamerikanischer Herkunft und Jugendliche. In Chicago etwa wurden auf dieser Basis innerhalb von drei Jahren 45.000 Personen festgenommen. Nachdem der Supreme Court der USA diese rechtliche Verfolgung für verfassungswidrig erklärt hatte, erließ die Stadt ein neues Gesetz, das spezifisch auf Handel und Konsum von Drogen sowie Gangbildung abzielt.

145. Ultraschall-Lärm

Ein Geschäftsinhaber in der Kleinstadt Barry im Süden von Wales (Großbritannien) wollte aufsässige Jugendliche vertreiben, die sich regelmäßig vor seiner Tür aufhielten. Nachdem Beschallung mit klassischer Musik keinen Erfolg erzielt hatte, entwickelte ein Bastler aus der Nachbarschaft den sogenannten Mosquito. Ein Lautsprecher spielt einen unerträglichen, hochfrequenten Ton ab, der nur für Personen unter 25 hörbar ist. Der Mosquito verbreitete sich zügig in Europa und den USA, um Jugendliche von einem längeren Aufenthalt an U-Bahnhöfen, Parkplätzen, in Einkaufszentren und an anderen öffentlichen Orten abzuhalten.

10. Armlehne

Armlehnen von Parkbänken sind ein sehr anschauliches Beispiel dafür, wie Nutzungen mit geringem Aufwand wirkungsvoll kontrolliert werden können. Lehnen erhöhen den Komfort, da sie das Sitzen und Aufstehen für körperlich eingeschränkte Personen unterstützen. Eher dekorative Armlehnen, insbesondere wenn sie in der Mitte der Bank montiert sind, sollen jedoch Obdachlose davon abhalten, sichtbar im öffentlichen Raum zu schlafen.

131. Gehwegverwaltung

Um längere Aufenthalte von unerwünschten Personen im öffentlichen Raum zu verhindern, haben Städte wie San Francisco, Portland, Seattle oder Santa Cruz strategische Verbote eingeführt. In Seattle beispielsweise sollen diese Maßnahmen Läden und Büros zurück nach Downtown locken. Im Zeitraum zwischen August 2007 und Juni 2008 waren es in deutlich über zwei Dritteln der 159 Fälle Obdachlose, die verwarnt oder vorgeladen wurden. Noch heute ist in Portland eine Regelung gültig, die vorgeblich eine einwandfreie Nutzbarkeit der Gehwege auch durch behinderte Menschen garantieren soll. Da diese Zone bereits unmittelbar an der Hauswand beginnt, wird so unter­bunden, dass sich Obdachlose oder Bettler auf den Gehwegen niederlassen. 

148. Mauer

Während der Zeit der Wirtschaftskrise der 1980er-Jahre erstellte die US-Regierung sogenannte Residential Security Maps, um im Rahmen der Federal Housing Administration private Hypothekengeber abzusichern und die Vergabe von niedrig verzinsten Darlehen anzukurbeln, damit die Immobilienbranche sich erholen konnte. Farbmarkierungen visualisierten die Risiken von Investitionen in den einzelnen Nachbarschaften. Dieses Kartenwerk führte aber auch dazu, dass die rot gekennzeichneten, armen und dicht besiedelten Bereiche von Investitionen ausgeschlossen wurden. Um die Kreditvergabe in angrenzenden, wohlhabenderen Gebieten zu gewährleisten, ließen Immobilienentwickler daraufhin an einigen Stellen 1,80 Meter hohe Mauern zu benachteiligten Nachbarschaften errichten.

 

 

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