ARCH+ 238


Erschienen in ARCH+ 238,
Seite(n) 76-87

ARCH+ 238

Die beschreibende Tradition – Eine kleine Geschichte der Architekturethnografie

Von Avermaete, Tom

Architekturethnografie ist keineswegs ein neues Phänomen. Ganz im Gegenteil handelt 
es sich dabei um eine geschichtlich weit zurückreichende Praxis. 
Einer ihrer Ursprünge könnte 
in der uralten Kunst der Chorografie liegen, einer Kunst, die von antiken Geografen 
wie Ptolemäus als eine Art grafische Beschreibung 
„zur Kartierung materieller 
wie immaterieller Aspekte unerforschter Orte“ definiert wurde.1

Ptolemäus zufolge ging es der Chorografie um die Erstellung von „Ansichten“, wofür zeichnerische oder landschaftsmalerische Fähigkeiten erforderlich waren – im Unterschied zu den kartografischen Fähigkeiten, die vor allem technischer Natur sind.2 Im 15. und 16. Jahrhundert war die Chorografie unter humanistischen Gelehrten beliebt, denen sie als ein Genre galt, das sich der Darstellung eines Ortes widmete und damit eine Ergänzung zur Chronik darstellte, die mit der zeitlichen Dimension befasst war.3 Zu den berühmtesten Beispielen einer solchen grafischen Raumerfassung zählt die Überblicksdarstellung Britannia (1586) des englischen Topografen William Camden, die sich selbst als „chorografische Beschreibung“ der britischen Inseln verstand.4 

Die Tradition der Chorografie erfuhr im 17. Jahrhundert neuen Auftrieb, als Reisende, Schriftsteller und Militärs detaillierte Berichte über architektonische und urbane Gegebenheiten publizierten – wobei sie sich oftmals auf die nichtwestliche Welt konzentrierten. Diese elaborierten Berichte nannte man déscriptions, beschrijvingen oder Beschreibungen. Charakteristischerweise stellten diese nicht nur die materiellen, sondern auch die sozialen Aspekte der vorgefundenen urbanen Umwelt dar. Ein hervorragendes Beispiel geben die Arbeiten des niederländischen Geografen Olfert Dapper, der mit seiner 1668 erschienenen Beschreibung des afrikanischen Kontinents (Naukeurige Beschrijvinge der Afrikaensche gewesten) eine akribische Studie über die dortigen Städte und Siedlungen geliefert hat.5 Nehmen wir etwa Dappers Beschreibung der regionalen Hauptstadt Loango im Königreich Kongo: Hier erfahren wir nicht nur etwas über das Raster der Planstadt, ihre alltäglichen Einrichtungen und ihre Monumente, sondern auch, wie die Plätze, Straßen und Tore der Stadt durch die Bewohner*innen genutzt und angeeignet werden. Mit anderen Worten: Wir erhalten auch Informationen über die räumliche Praxis (Abb. 1, 2).

Ein weiteres wichtiges Beispiel – diesmal aus dem 19. Jahrhundert – stellt die Déscription de l‘Égypte dar, eine 23-bändige Untersuchung, die zwischen 1809 und 1828 infolge der napoleonischen Militärexpedition in Ägypten als ein Gemeinschaftswerk von 160 zivilen Gelehrten entstanden ist, von denen die meisten die École des ponts et chausées oder die damals gegründete École polytechnique in Paris absolviert hatten.6 Bemerkenswert an der Déscription de l‘Égypte ist ihr gleichzeitiges Interesse an der gebauten Umwelt und an deren Nutzung.7 Schon auf den ersten Seiten wird diese Ambition ausdrücklich bekundet: Nicht nur die „Monumente“, so heißt es dort, sondern auch die „Sitten und Bräuche der Bewohner“ sollen untersucht werden.8 Betrachten wir die Ergebnisse dieser Mission – veröffentlicht in einem übergroßen Format von 80 x 100 Zentimeter –, so begegnen uns lebendige Darstellungen des urbanen Lebens in Städten wie Kairo und Alexandria. In diesen Tableaus werden nicht nur Plätze und Straßen präzise dargestellt, sondern auch die dortigen Praktiken wiedergegeben: die Illustrationen zeigen Menschen, die Handel treiben, sich versammeln oder sich ausruhen. Das Hauptaugenmerk der Beschreibung liegt demnach nicht nur auf dem Gebauten, sondern ebenso sehr auf dessen Nutzung und Aneignung durch die Menschen.

Zahlreiche Beschreibungen entstanden im 18. und 19. Jahrhundert, so etwa Carsten Niebuhrs Beschreibung von Arabien (1772) oder Der Ursprung der afrikanischen Kulturen von Leo Frobenius (1898).9 Die Erfassung von Gebäuden und Städten etablierte sich in dieser Zeit als eigenständiges Genre, das sich in erster Linie durch seinen empirischen Charakter auszeichnete: Das Gros der Arbeiten hatte profunde Feldbeobachtungen zur Grundlage. Niebuhr beispielsweise erwähnt auf dem Titelblatt seiner Arbeit, dass diese „auf eigene Beobachtungen und im Lande selbst gesammelte Nachrichten“ zurückgeht;10 auch die Déscription de l‘Égypte erklärt, dass es sich um eine „Zusammenstellung von Beobachtungen und Forschungen, die in Ägypten vorgenommen wurden“, handele.11

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