ARCH+ 238


Erschienen in ARCH+ 238,
Seite(n) 70-75

ARCH+ 238

Zeit im Material, Bewegung in Linien – Architekturzeichnungen in der Archäologie

Von McFadyen, Lesley

Die Völker, mit denen ich mich als Archäologin und Prähistorikerin beschäftige, haben keine Texte und Zeichnungen hinterlassen, sondern nur Gebautes und ihre Umwelten.

Mein Verständnis dieser vergangenen ­Kulturen beruht auf der Auseinandersetzung mit ihren materiellen Hinterlassenschaften, das heißt mit den Spuren ihres Handelns in Raum und Zeit im Rahmen von Ausgrabungen. Zur Arbeit von Archäolog*innen gehören das Graben, Zeichnen und Schreiben. Eine Ausgrabung ist ein systematischer, aber auch ein kreativer Prozess. Sie ist zugleich zwiespältig, da wir einen großen Teil der materiellen Spuren jener Menschen zerstören, die wir eigentlich kennenlernen wollen. Deshalb hat eine zeichnerische Dokumentation der Bauwerke in der Archäologie immense Bedeutung. Archäologische Zeichnungen sind keine baugeschichtlichen Darstellungen, sondern ein Schlüssel­medium zum Verständnis eines Gebäudes, das nicht mehr existiert. Aber wie lassen sich verschiedene zeitliche Stufen der gebauten Umwelt in einer Zeichnung darstellen? Um diese Frage zu beantworten, dürfen wir archäologische Zeichnungen nicht als reine Bestandsaufnahmen betrachten. Einerseits handelt es sich um sorgfältig ­maßstäblich angelegte Dokumentationen, andererseits sind es bis zu einem gewissen Grad auch zeichnerische Inter­pretationen, die nicht nur mit Papier und Bleistift, sondern auch mit Kelle und Schaufel angefertigt werden. Die Archäologie hat im Allgemeinen die Fähigkeit, einst genutzte Räume zu erkennen und zu lesen. Sie verfügt aber nicht über die Mittel, diese Lebendigkeit in ­ent­sprechende Zeichnungen zu übertragen. Hier kann meiner Meinung nach die Sprache der Architekturzeichnung weiterhelfen.

Ein Beispiel findet sich in dem Buch The Everyday and Architecture von Sarah Wigglesworth und Jeremy Till von 1998. Darin hat Wigglesworth eine Serie von Zeichnungen von sich zum Thema „Tisch­manieren“ publiziert (Abb. 1). Die erste Aufsicht zeigt den eingedeckten Tisch mit seiner klaren architektonischen Ordnung; die zweite stellt die Dynamik auf dem Tisch während des Essens dar; und die dritte zeigt die Unordnung nach der Mahlzeit. Durch die Bewegungen beim Essen und Trinken sowie bei der Konver­sation am Tisch entsteht ein lebendiger und ungeordneter Raum jenseits normativer architektonischer Grenzen.

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