ARCH+ 238


Erschienen in ARCH+ 238,
Seite(n) 64-69

ARCH+ 238

Archäologische Dokumentation als Ethnografie

Von Müller, Wolfgang

Das Schweizerische Institut für Ägyptische Bauforschung und Altertumskunde in Kairo führt gemeinsam mit dem Inspektorat Assuan des ägyptischen Antikenministeriums das einzige dezidiert stadtarchäologische Projekt Ägyptens durch. Ziel des Projektes ist die Rekonstruktion der historischen Topografie der Stadt und ihrer Entwicklung von den ersten Spuren menschlicher Aktivität ab der Mitte des 4. Jahrtausends v. Chr. bis in die Gegenwart.

Die älteste Darstellung von Assuan ist eine Karte aus der Description de l’Égypte (Abb. 1) von 1809. Sie zeigt Assuan und die Landschaft des ersten Kataraktes am Ende des 18. Jahrhunderts. Deutlich ist die damalige Siedlung Assuan (Syène moderne) unmittelbar nördlich des mit Syène antique bezeichneten, zu jener Zeit nicht überbauten und von der mittelalterlichen Stadtmauer umschlossenen Ruinenhügels der antiken Stadt zu erkennen. Die Karte ist nicht maßhaltig, gibt aber zahlreiche Monumente und Landmarken wieder, die heute unter der modernen Bebauung verschwunden sind, und stellt daher für jede Untersuchung zur Geschichte und Entwicklung Assuans eine unverzichtbare Quelle dar. Betrachtet man diese historische Karte, wird deutlich, wie stark Assuan im 19. und vor allem im 20. Jahrhundert gewachsen ist. Dieses Bevölkerungswachstum führt bis heute zu einer Zerstörung historischer Bausubstanz und zu immer dichterer Bebauung mit mehrgeschossigen Wohnhäusern, deren tiefe Fundamente archäologische Reste oft bis auf den gewachsenen Fels zerstören (Abb. 2–3).

Ein wesentlicher Aspekt des Projektes ist es daher, die neuen Bauvorhaben archäologisch zu begleiten, um die historischen Schichten und Strukturen zu dokumentieren, ehe sie durch moderne Bauten zerstört oder für lange Zeit versiegelt werden. Im Gegensatz zu Forschungs­grabungen finden Interventionen im Rahmen der präventiven Archäologie meist unter großem Zeitdruck und schwierigen Bedingungen statt. Vor Ort müssen Prioritäten gesetzt werden, um die vorhandene Zeit bestmöglich zu nutzen. Die Dokumentation der untersuchten Befunde muss nachvollziehbar sein.

Die Betreuung der zahlreichen Grabungen – inzwischen wurden 94 Areale untersucht –und eine ganzjährige Überwachung des Stadtgebietes kann nur durch eine enge Zusammenarbeit mit Archäolog*innen des lokalen Inspektorates gewährleistet werden, die zuvor in die besonderen Gegebenheiten von Notgrabungen eingewiesen wurden. Sie nehmen die einzelnen Befunde nach einer vorgegebenen Methode auf und fügen sie in die Gesamtaufnahme ein.

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