ARCH+ 238


Erschienen in ARCH+ 238,
Seite(n) 60-63

ARCH+ 238

Zeichnen heißt Zuhören

Von Hall, Suzanne

Die Architektur kennt Zeichnungen unterschiedlicher Präzisionsgrade. Unpräzise Skizzen vermitteln einen Eindruck davon, wie wir uns einen Raum vorstellen; sie sind Abdruck, Idee, Möglichkeit.

Präzise Zeichnungen fertigen wir an, um Details zu kommunizieren; sie sind Maß, Anweisung, Realität. Manchmal setzen wir Präzises und Unpräzises parallel ein, um so die unscharfen Rahmenbedingungen komplexer sozioräumlicher Welten fest­zuhalten. In diesem Essay setze ich mich mit dieser Möglichkeit des präzisen und unpräzisen Zeichnens am Beispiel einer Straße auseinander, die ich als geopolitisches Gebilde und intimen Innenraum zugleich darstelle.

Als Kind habe ich viel gezeichnet. Ich habe vor allem gezeichnet, weil es mir Spaß gemacht hat. Ich konnte damit einen Raum abstecken, der keinen anderen Zweck erfüllen musste als das Vergnügen zu erleben, wie Linien und Farben auf dem Papier landen. Nach und nach wurde das Zeichnen für mich zu einem bewussteren Akt, mit dem ich etwas über mich aussagen wollte. Es ging nicht nur um das, was mir gefiel, sondern auch um das, was mir wichtig war. Mit meiner Berufserfahrung als Architektin und später auch als Ethnografin wuchs meine Faszination für die politischen Möglichkeiten, die in der zeichnerischen Darstellung gesellschaftlicher Verhältnisse und sozialer Bedingungen liegen. In diesem Sinne ist Zeichnen sowohl eine Form des Sehens, wie John Berger argumentiert hat, als auch eine Form des Zuhörens, wie Les Back es beschreibt.1 Berger verknüpft die Frage „wer bin ich“ eng mit der Frage „was kann ich sehen“. Back hingegen fordert uns dazu auf, die Frage „wen sehe ich“ mit einem langsameren, immersiven Prozess des Zuhörens zu verbinden, bei dem das Schaffen von Bildern ein möglicher Weg ist. Folglich ist das Zeichnen, wenn man es als einen Prozess des Entdeckens versteht, auch eine mögliche Form des Zuhörens.

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