ARCH+ 238


Erschienen in ARCH+ 238,
Seite(n) 46-59

ARCH+ 238

Architekten als Ethnografen

Von Moravánszky, Ákos

Der Dadaist Raoul Hausmann begann sich um 1920 unter dem Einfluss seines Freundes László Moholy-Nagy für konstruktivistische Fotografie zu interessieren. Gleichzeitig teilte er mit seiner Lebensgefährtin Hannah Höch, die in den 1920er-Jahren eine Reihe von an Fetische erinnernde Fotomontagen mit dem Titel Aus einem ethnographischen Museum fertigte, ein wachsendes Interesse an Völkerkunde. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland wurden seine Werke zu „entarteter Kunst“ erklärt; zwischen 1933 und 1936 lebte er auf Ibiza und fotografierte Landschaften, Häuser, Menschen und Pflanzen. Die Grundrisse und Ansichten der Häuser hat er nebst erotischen Skizzen in drei kleinen Notizbüchern festgehalten1 (Abb. 1). Das Leben in den Fischerdörfern Ibizas erschien ihm archaisch und modern zugleich: eine Ästhetik der Existenz, verwurzelt in den konkreten materiellen Bedingungen und den sinnlichen Freuden des Lebens. Mit dem Instinktiven und Obszönen wollte Hausmann dem Techniktrieb und der Intellektualität der Moderne begegnen. An Szenen des Alltags, an einer soziologisch orientierten Fotoreportage oder an der Verbindung von Menschentypen mit Hausformen war er allerdings nicht interessiert, anders als die Verfasser*innen von damals in Deutschland erschienenen Büchern über regionale Bautypologien.2 Er fotografierte die Häuser ohne ihre Bewohner*innen, die Menschen wiederum porträthaft ohne räumlichen Kontext. Diese „Sachlichkeit“, die scheinbare Nähe zur Dokumentarfotografie, täuscht: Hausmann hat seine Aufnahmen von Statuetten auf Ibiza in der Revue Anthropologique veröffentlicht,3 sie aber zugleich als Ausgangspunkt für seine Collagen verwendet. Die Dada-Bewegung und der Surrealismus sahen in ethno­logischen Artefakten eine Inspiration für die eigene künstlerische Arbeit und etliche ihrer Vertreter*innen wurden leidenschaftliche Sammler*innen. Der Transfer von Objekten zwischen Sphären der Hoch- und Populärkultur, des Ästhetischen und Kultischen, zwischen Kunstwerk und Fetisch zeugt von einer Verflüssigung früher fest gezogener disziplinärer Grenzen.

Die Ergebnisse seiner Forschung auf Ibiza veröffentlichte Hausmann in französischen und spanischen anthropologischen Fachzeitschriften. So wollte er sowohl in Ethnografen- als auch Künstler- und Architektenkreisen zeigen, wie Ethno-Fotografie die Identität einer lokalen Kultur erfassen kann. Gleichzeitig stellte er seine Aufnahmen 1936 im Zürcher Kunstgewerbemuseum aus und publizierte sie in Architekturzeitschriften, die den modernen Bestrebungen verpflichtet waren, so in A.C. – Documentos de Actividad Contemporánea in Barcelona (Abb. 2) und Tér és Forma [Raum und Form] in Budapest. Mit der Veröffentlichung unterstrichen die Herausgeber der wichtigen ungarischen Avantgardezeitschrift die internationale Bedeutung der Erforschung der sozialen und materiellen Bedingungen des dörflichen Lebens. 1937 erklärte die ungarische CIAM-Gruppe dies zur dringlichsten Aufgabe und präsentierte den Ansatz auf den Kongressen. Damit formulierte sich erstmals die zu jener Zeit noch unterschwellige Unruhe in der modernen Bewegung, ihr Unbehagen gegenüber dem technisch perfekten, ästhetisch raffinierten modernen Haus. In seinem Beitrag über die Bauernhäuser auf Ibiza beschrieb Hausmann deren räumliche Organisation, Bauprozess, Konstruktionsweise und Einrichtung, um sie in seinen Schlussfolgerungen in drei große Kulturkreise (Kleinasien, Rom, Mauretanien) einzuordnen.4 Er folgte damit der damals verbreiteten kulturmorphologischen Theorie, die der Ethnologe und Afrika-Forscher Leo Frobenius gegen Ende des 19. Jahrhunderts begründet hatte.

Hausmanns Bericht war nicht der erste Beitrag zu diesem Thema in der Zeitschrift der Gruppe GATCPAC, des katalanischen Zweigs der CIAM. A.C. druckte bereits früher Aufsätze über anonyme Bauten ab. José Luis Sert verglich im ersten Heft von 1931 die Häuserzeile der Fischer in San Pol de Mar an der katalanischen Küste mit J. J. P. Ouds Reihenhäusern in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung als Beispiele des „Standards“ und veröffentlichte 1935 einen vielbeachteten Beitrag über die mediterranen Wurzeln der modernen Architektur.5

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