ARCH+ 238


Erschienen in ARCH+ 238,
Seite(n) 8-17

ARCH+ 238

Linien, Zeichnungen und die Bedingungen des Menschseins

Von Ingold, Tim /  Kaijima, Momoyo /  Andreas Kalpakci /  Ngo, Anh-Linh

Momoyo Kaijima: Das Thema dieser ARCH+ Ausgabe ist Architektur­ethnografie. Wir versuchen zu erfassen, welche Zeichenmethoden, -techniken und -praktiken man entwickelt, wenn man die Welt um sich herum beobachtet. Sie hingegen interessieren sich nicht vorrangig für das Zeichnen, sondern für die Linie selbst, die auch die Form einer Schrift oder eines Textes annehmen kann.

Tim Ingold: Alles sind Linien.

MK: Wenn alles Linien sind, erweitert das Nachdenken über Linien unsere Vorstellung von der Zeichnung als Werkzeug der Weltbeobachtung. Sie bezeichnen dies als „Anthropografie“. Manchmal benutzen Sie auch das Wort „Linealogie“. Wie sind Sie auf diese Bezeichnungen gekommen?

TI: Ich bin von der Ausbildung und vom Temperament her Anthropologe. Allerdings bezeichnen viele Anthropolog*innen sich selbst als Ethnograf*innen. Ich hatte lange Diskussionen mit meinen Kolleg*innen, ob Anthropologie und Ethnografie dasselbe sind oder nicht. Ich behaupte, dass sie sich deutlich unterscheiden, insofern die Ethnografie prinzipiell beschreibend vorgeht. Die Anthropologie hingegen stellt Fragen nach den Bedingungen und Möglichkeiten des menschlichen Lebens. Die Ethnografie nimmt die Welt so, wie sie sie vorfindet, und versucht, sie detailliert darzustellen. Dafür kann das Zeichnen ein wunderbares Werkzeug sein. Wir sollten es allen Ethnograf*innen beibringen, denn es ist eine grundlegende Methode der Beobachtung. Die Schönheit der Zeichnung speist sich daraus, dass sie Beobachtung und Be-Schreibung kombiniert. Für die Ethnografie ist deskriptive Genauigkeit von zentraler Bedeutung. Man muss die Welt wirklichkeitsgetreu wiedergeben, was wiederum ein experimentelles oder spekulatives Denken erschwert. Deshalb denke ich, dass zwischen Anthropologie und Ethnografie unterschieden werden sollte.

Der Begriff „Anthropografie“ wurde eigentlich im frühen 19. Jahrhundert vom Dichter Samuel Taylor Coleridge geprägt, der sich damit auf die Beschreibung der ethnischen Unterschiede der Menschheit bezog.1 Das war mir allerdings gar nicht bewusst, als ich diese Formulierung zum ersten Mal verwendete. Ich stellte mir „Anthropografie“ als eine Möglichkeit vor, eine hypothetische Untersuchung mit einer Methode durchzuführen, die auf die eine oder andere Weise Spuren hinterlässt. Auch das Wort „Linealogie“ habe ich schon verwendet – aber nicht wirklich ernsthaft: Wenn man sich wissenschaftlich mit Linien beschäftigen würde, würde man es wohl so nennen. Beim Nachdenken über Linien wird eine prozesshafte Perspektive eingenommen, mit der Idee von einer Welt im Werden. Denn eine Linie ist etwas, das nicht nur nachvollzieht, wie Dinge gewesen sind, sondern auch auf Wege verweist, die sie möglicherweise einschlagen werden. Eine Linie zu zeichnen ist spekulativ und experimentell. Das wollte ich mit den beiden Wörtern „Linealogie“ und „Anthropografie“ zum Ausdruck bringen: Ich wollte eine Vorstellung von Bewegung beschreiben, die nicht abgeschlossen sondern offen ist, die noch andauert und im Werden begriffen ist.

Andreas Kalpakci: Welche Bedeutung hat dieser Unterschied zwischen Anthropologie und Ethnografie für das Zeichnen? Sie sagen ja, dass die Anthro­pologie einerseits einen spekulativen Aspekt hat. Andererseits baut sie auf der Ethnografie auf und besitzt daher auch eine deskriptive Dimension.

TI: Letztendlich geht es darum, wie wir die Beziehung zwischen dem Teil und dem Ganzen verstehen – oder zwischen Individuum und Gesellschaft. In der Anthropologie gab es einen gewissen Paradigmenwechsel, wir haben die vom Strukturalismus geprägte Denkweise hinter uns gelassen, die davon ausging: Hier gibt es eine soziale Struktur und da Menschen, die innerhalb dieser Struktur ihren Platz finden müssen. Heute steht viel mehr die Erkenntnis im Mittelpunkt, dass die Menschen mit einer eigenen Handlungsmacht ausgestattet sind und ganz gleich welche Strukturen existieren, diese aus persönlichen Bewegungen und Beziehungen hervorgehen. Bei diesem Ansatz sind Personen und Beziehungen nicht derart in einen Deutungsrahmen eingebettet wie bei dem erstgenannten.

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