ARCH+ 237


Erschienen in ARCH+ 237,
Seite(n) 120-127

ARCH+ 237

Performative Architektur

Von Kuhnert, Nikolaus

In seiner Nachschrift zum ‚Namen der Rose‘ schreibt Umberto Eco: „Die Avantgarde zerstört, entstellt die Vergangenheit: Picassos Demoiselles d’Avignon sind die typische Auftrittsgebärde der Avantgarde; dann geht die Avantgarde weiter, zerstört die Figur, annulliert sie, gelangt zum Abstrakten, zum Informellen, zur weißen Leinwand, zur zerrissenen Leinwand, zur verbrannten Leinwand; in der Architektur ist das Ende die Minimalbedingung des Curtain Wall, das Bauwerk als glatte Stele, das reine Parallelepiped, in der Literatur die Zerstörung des Redeflusses bis hin zur Collage à la Burroughs, bis hin zum Verstummen oder zur leeren Seite, in der Musik der Übergang von der Atonalität zum Lärm, zum bloßen Geräusch oder zum totalen Schweigen […].“1

Diese der Moderne eigene Tendenz zur Selbstaufhebung thematisierten wir 1998 in ARCH+ 143 Die Moderne der Moderne und in der ein Jahr später erschienenen ARCH+ 146 Die Moderne der Moderne – Die Debatte. Wir reagierten damit auf den Vorschlag von Heinrich Klotz, die Moderne als Zweite Moderne weiterzudenken und gleichzeitig von der heroischen Phase der ersten Moderne abzugrenzen. Dieses Ansinnen griffen wir auf und versuchten darüber hinaus, die Zweite Moderne nicht mehr epochal, sondern gesellschaftstheoretisch zu begründen. In unserem Editorial zu ARCH+ 143 schlossen Angelika Schnell und ich uns Jürgen Habermas’ und Ulrich Becks Forderung nach einer reflexiven Modernisierung, nach einer „Selbsttrans­formation der Industriegesellschaft“ an: „Gemeint ist damit, dass ‚moderne Gesellschaften in doppelter Hinsicht an ihre Grenzen stoßen und diesen Umstand ‚reflexiv‘ oder selbstbezüglich wahrnehmen und bearbeiten. Zum einen können sie die Nebenfolgen der gesellschaftlichen Reproduktion, die in Gestalt von systemisch erzeugten Risiken anfallen, nicht länger externalisieren, also auf andere Länder und Gesellschaften, auf künftige Generationen oder … [die] Natur abwälzen. Zum anderen können sie immer weniger auf externe Ressourcen wie Natur und Tradition zurückgreifen, sondern müssen ihre eigenen Bestandsvoraussetzungen zunehmend selber reproduzieren. … Dies gelingt nur auf ‚reflexivem‘ Wege…‘“2

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