ARCH+ 237


Erschienen in ARCH+ 237,
Seite(n) 112-119

ARCH+ 237

Die konservative Wende

Von Kuhnert, Nikolaus

Avantgarde- oder Retroarchitektur – das ist hier die Frage. Um diese Pole wird es fürderhin gehen, architektonisch wie politisch. Der in Ungers latent angelegte Konflikt zwischen beiden Perspektiven wird manifest werden in den Lebensläufen, die Rem Koolhaas und Hans Kollhoff nach der Zusammenarbeit mit Ungers eingeschlagen haben. Während Koolhaas schon durch seine frühen Projekte zu einem Protagonisten der internationalen Architektur aufsteigt, geht Hans Kollhoff von Cornell nach Berlin, wird dort Assistent an der TU, schart eine Schülerschaft um sich und realisiert einige wenige Projekte, die ihn schlagartig zwar nicht berühmt, aber bekannt machen. Einige sind außergewöhnlich gut, wenn man an die Bebauung am Charlottenburger Schloss oder andere unauffällig in der Stadt verstreute Wohnhäuser denkt.

Berühmt wurde er erst nach der Wende mit den Wettbewerben zum Potsdamer Platz, eine amerikanische Hochhausarchitektur im Gewand der 30er-Jahre: vier unterirdische Geschosse, sieben überirdische Geschosse, um die Traufhöhe zu respektieren, und drei zurückgestaffelte Attikageschosse. Es sollte der Prototyp der Berliner Camouflagearchitektur werden. Verkauft wird diese Camouflage als „Europäische Stadt“ (als Gegenbild zur amerikanischen Stadt), als Haus aus Stein (als Gegenbild zum Haus aus Stahl und Glas) und architekturtheoretisch als Rückkehr zur Tektonik des Lastens und Tragens (als Gegenbild zur Leichtigkeit der Moderne und zu ihrer Faszination für den zivilisatorischen Fortschritt). Die Gegensätze, mit denen sie sich legitimiert, wie diejenigen zwischen Amerika und Europa, zwischen Stahl/Glas und Stein, sind lediglich konstruiert. Die Tragstruktur aller Bauten bildete Stahlbeton, während die Verkleidung so tut als ob.

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