ARCH+ 237


Erschienen in ARCH+ 237,
Seite(n) 92-101

ARCH+ 237

Die Digitalisierung der Gesellschaft

Von Kuhnert, Nikolaus

Wie bereits kurz erwähnt, waren Ungers und Colin Rowe in der Frage der Bedeutung des Computers aneinandergerasselt. Ungers’ Studie für die „Bauten des Bundes und ihre Integration in die Stadt Bonn“ hatte ihm den Vorwurf Rowes eingebracht, vor der Herrschaft des Computers kapituliert zu haben. Ungers versuchte jedoch, in dem Projekt des Computers Herr zu werden, indem er explizit auf formale Fragen verzichtete und methodisch mithilfe des Computers vorging. Dazu standen ihm damals nur fast vorsintflutliche Programme wie FORTRAN V und PL1 zur Verfügung. Es ging dabei, wie Werner Goehner, der bei Ungers studiert hatte und am Bonner Projekt mitarbeitete, schreibt, nicht um eine explizite Form, sondern um die Entwicklung eines offenen Systems, das fähig war temporale Aspekte und örtliche Idiosynkrasien zu integrieren. Zu diesem Zweck wurden Karten produziert, die erlaubten, den Entwurf im Zusammenhang mit urbanen Kriterien und temporalen Szenarien grafisch darzustellen.1 Diese Karten, also die Computerausdrucke per FORTRAN V, waren der Konfliktfall. Inhaltlich gesprochen zeigten sie, dass Nutzungen sich im Lauf der Lebensdauer des als System verstandenen Gebäude verändern und dieses auch lokale Idiosynkrasien reflektieren kann.2 Nur in diesem Sinne traf der Vorwurf von Rowe. Er meint eigentlich etwas anderes, nämlich den vermeintlichen Angriff des Computers auf die Selbstherrlichkeit des Architekten, ausgetragen als Frage der Endgültigkeit der Form, die Rowe verteidigte. In einem Missverständnis berührten sich also Fachdiskurs und Realität von damals, hier brach die Berufsrealität der sich zeitgleich vollziehenden Digitalisierung der Architektur in die Idealwelt der Architekturdiskurse ein.

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