ARCH+ 237


Erschienen in ARCH+ 237,
Seite(n) 70-83

ARCH+ 237

Der Ungerskomplex

Von Kuhnert, Nikolaus

Eine weitere wichtige Person, die mich über einen großen Teil meiner Karriere bei der ARCH+ begleiten sollte, war Oswald Mathias Ungers. In der Debatte um die Autonomie der Architektur, die uns in den 70er- und 80er-Jahren beschäftigte, nimmt er eine ambivalente Position ein. Ungers war 1968 von Colin Rowe nach Cornell in Ithaca, New York, geholt worden, der von Thema, Methode und Zeichenstil der Arbeiten von Ungers Studierenden an der TU Berlin überzeugt war. Cornell wurde damals von Rowe und den um ihn gruppierten „Texas Rangers“ (unter anderem Bernhard Hoesli, John Hejduk, Robert Slutzky und Werner Seligmann) beherrscht – einer ursprünglich an der University of Texas zusammengekommenen Schule von Neo-Corbusianern mit einem (im Widerspruch zu Corbusier stehenden) kontextualistischen Stadtverständnis. Die Entscheidung, Ungers nach Cornell zu rufen, kam jedoch für beide Seiten zu spät. Denn Ungers hatte mit dem städtebaulichen Gutachten Ruhwald und den folgenden Studien zur Optimierung der Wohngebietsplanung, die er zusammen mit dem Ökonom Horst Albach erstellt hatte, einen Weg eingeschlagen, der mit dem Formalismus der Texas Rangers kaum kompatibel war. Er suchte Konsequenzen aus dem russischen Konstruktivismus zu ziehen und diese auf die Gegenwart zu übertragen, gerade auch angesichts der kapitalistischen Verhältnisse in den USA. Das brachte ihm den Vorwurf von Seiten Rowes ein, „Marxist“ zu sein – in Zeiten des Kalten Krieges eine schwerwiegende Anschuldigung. Die Studie für die „Bauten des Bundes und ihre Integration in die Stadt Bonn“, sein „angeblicher Kniefall vor dem Computer“1, wie Rem Koolhaas den Vorwurf von Rowe zusammenfasst, war der zweite Schritt in einen offenen akademischen Krieg Rowes gegen Ungers.

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