ARCH+ 236


Erschienen in ARCH+ 236,
Seite(n) 206-211

ARCH+ 236

Posthumanismus in der Architektur

Von Koolhaas, Rem /  Bratton, Benjamin H.

Seit 2017 arbeitet das Strelka Institute in Moskau an dem auf drei Jahre angelegten Themen­schwerpunkt The New Normal. Zu dem von ihnen konstatierten neuen Normalzustand gehören künstliche Intelligenz, Virtual und Augmented Reality sowie Kryptowährungen, wie sie in Zukunft fester Bestandteil unseres Alltagslebens sein werden. Rem Koolhaas, der Teil des Strelka-
Studien­­leitungsteams von 2010–12 war, nahm an der Abschlussveranstaltung des ersten Forschungs­jahres teil und tauschte sich mit Benjamin H. Bratton, dem derzeitigen Programm­direktor, Designtheoretiker und Autor von The Stack – On Software and Sovereignty, über die Paradoxien aus, die dieser neue Normalzustand hervorbringt. 

Benjamin H. Bratton: Ich möchte mit einem Thema beginnen, das heute viel diskutiert wird – dem Stadt-­Land-Gegensatz. Spielt für Sie diese Unterscheidung eine Rolle, oder anders gefragt, wo verläuft die Trennlinie zwischen Stadt und Land heute? Meine Frage zielt nicht nur auf eine potentielle Verschiebung des räumlichen Gefüges zwischen beiden Polen, sondern auch auf die Beobachtung, dass das politische Wahlverhalten zunehmend entlang der Grenze zwischen den Ballungs­zentren und dem Land gespalten ist. Was bedeutet das für das Verhältnis von Stadt und Land?

Rem Koolhaas: Natürlich könnten wir einfach behaupten, dass es sich bei Stadt und Land um ein und dasselbe Phänomen handelt und es sinnvoller wäre, sie lediglich als unterschiedliche Stadien der zivilisatorischen Entwicklung zu betrachten. Anderseits zögere ich ein wenig, dieser Darstellung zu folgen, denn je mehr wir uns mit diesem Phänomen beschäftigen, desto mehr gewinne ich den Eindruck, dass das „Land“ noch immer eine relevante Kategorie darstellt und der Gegensatz sinnvoll ist.

BB: Alternativ ließe sich auch behaupten, dass das Land heute so urban geworden ist wie niemals zuvor. Es ist keineswegs ein Hort der Natur, sondern der Ort, an dem die fortschrittlichsten technischen Systeme zum Einsatz kommen und die Schnittstellen der kulturellen Globalisierung in all ihrer Komplexität aufeinandertreffen. Hat also das Urbane das Nichturbane absorbiert?

RK: Es bringt nichts, wenn wir alles in Kategorien des „Urbanen“ zu fassen suchen. Am Begriff des Ländlichen finde ich reizvoll, dass er keine Dichte impliziert. Vermutlich kommt es vielmehr auf diesen Gegensatz an: „dicht“ und „nicht dicht“ – oder „von Menschen bewohnt“ und „von Maschinen bewohnt“. Beide Kategorien könnten so ihre Relevanz behalten.

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