ARCH+ 218

Kostenloser Download


Erschienen in ARCH+ 218,
Seite(n) 46-53

ARCH+ 218

Die soziale Stärke informeller Wohngruppen – "Aufstieg und Fall" des Torre David

Von Brillembourg, Alfredo /  Klumpner, Hubert /  ARCH+

Sie schufen sich daraufhin zunächst mit Zelten Notbehausungen, doch nach und nach kamen immer mehr Obdachsuchende hinzu und der zum vertikalen "Slum" gewordene Turm wurde durch Mauern, Durchbrüche und Absturzsicherungen gesichert.

Im Jahr 2009 lebten nach Schätzungen bereits 200 Familien im Torre David. Da für viele Familien, auch für die von Lehrern und Polizisten, die Löhne in Caracas nicht ausreichen, um sich eine Wohnung zu mieten, war der Turm zu einem Zuhause geworden, das weniger gefährlich war als die Slums am Stadtrand. Die meisten Bewohner hatten zwei Jobs, um für ihren Lebensunterhalt zahlen zu können. Im Turm selbst hatten sich unterschiedlichste Dienstleistungsangebote angesiedelt, die neben Supermärkten und Werkstätten von selbstgemachtem Eis, über Englischstunden bis hin zu günstigen Zahnspangen für das perfekte Lächeln unabhängig von regulären Öffnungszeiten alles anboten. Einige Bewohner betrieben sogenannte Mototaxis, um sich etwas dazu zu verdienen, und brachten die Leute (mit ihren Einkäufen) für wenig Geld mit Motorrädern bis zur 10. Etage (Anzahl der Parkgeschosse). Die Aufzüge waren kurz nach Baustopp ausgebaut und verkauft worden. Zur Absicherung des Gebäudes wurden elektrische Schlösser an den vier Eingängen angebracht, zu denen nur die Bewohner einen Schlüsselchip hatten und die rund um die Uhr vom Sicherheitspersonal des Kollektivs bewacht wurden.

Die Wohnungen der einzelnen Familien wurden von ihnen selbst, je nach finanziellen Mitteln, unterschiedlich ausgebaut, während die meisten Abgrenzungen und Absicherungen aus Kostengründen aus rotem Klinker gemauert wurden. Anstriche und Tapeten sowie individuelle Dekoration, üppige Stoffe etc. sorgten für ein Erscheinungsbild, das die Bewohner als normale "Mittelklasse-Wohnung" ansahen. …

SSS Siedle Dornbracht Euroboden
Feedback erwünscht!