ARCH+ 218

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Erschienen in ARCH+ 218,
Seite(n) 14-16

ARCH+ 218

Die Soziale Wirklichkeit des Wohnens

Von Kraft, Sabine

Die vorliegende ARCH+ Ausgabe ist der letzte Teil eines Zyklus’, der sich mit der Bedeutung von Empirie für die Arbeit von (nicht nur) Architekten und Stadtplanern beschäftigt. Architekturzeitungen präsentieren in der Regel auratische Fotos frisch realisierter Gebäude, die von keinen Spuren des Gebrauchs "verunstaltet" sind, und auch der Planungsdiskurs bewegt sich eher auf der konzeptionellen Ebene – sicher auch, ob etwas funktionieren kann, so wie es gedacht ist –, aber nicht wie bzw. ob es tatsächlich funktioniert und ob es angenommen wird. Konzepte beinhalten ein Versprechen für die Zukunft, demgegenüber ist Empirie ein mühsames Geschäft, vor allem wenn die Realität sich nicht an diese Versprechen hält.

Das erste Heft des Zyklus’, ARCH+ 203, beschäftigt sich am Beispiel der Großsiedlungen der 60er und 70er Jahre mit der Diskrepanz zwischen Planung und Realität. Gerade in den Großsiedlungen haben sich die sozialen Verhältnisse und mit ihnen das Wohnen anders als geplant entwickelt, wobei die nachträglichen sozialwissenschaftlichen Untersuchungen der Wohnsituation in diesen Siedlungen noch solange als Bestätigung der Planung fungierten – bis die abweichende Realität nicht mehr zu übersehen war. Sie sind ein Lehrbeispiel dafür, wie eine Wohnempirie nicht beschaffen sein sollte. Das zweite Heft, ARCH 206/207, thematisiert in der Gegenüberstellung der katastrophalen hygienischen und sozialen Verhältnisse der europäischen Stadt des 19. Jahrhunderts mit der Situation in den heutigen Megacities der Dritten Welt die empirische Annäherung an Realität als eine politische Voraussetzung des gesellschaftlichen Wandels. Es wird deutlich, in welchem Ausmaß die Herausbildung der modernen Gesellschaft und das heißt: die moderne Stadt auf der Entwicklung der verschiedenen empirischen Methoden basiert, die im ausgehenden 18. und 19. Jahrhundert erstmalig ausprobiert wurden, und in welchem Ausmaß Stadt und Gesellschaft heute auf valide empirische Informationen angewiesen sind, um zu funktionieren.

Das dritte, nun vorliegende Heft schließlich versteht sich als Annäherung an die anspruchsvolle und ambitionierte Aufgabe einer Wohnempirie, wohlgemerkt als Annäherung, da es bereits ein Glücksfall ist, wenn für realisierte Wohnprojekte auch nur Facetten aus dem breiten thematischen Spektrum, das Wohnen beinhaltet, vorliegen. Was ist unter Wohnempirie zu verstehen und wozu braucht man sie? Die letzte Frage lässt sich recht schnell beantworten: Seit Architekten für das Wohnen zuständig sind und das Bauen zu einer Angelegenheit von Spezialisten geworden ist, braucht es Informationen über die Wohnvorstellungen und das tatsächliche Wohnverhalten der künftigen Nutzer, die aus den statistischen Bevölkerungsdaten nicht ablesbar sind – eine Konfrontation mit der Realität für die Entwicklung sozialer Phantasie. Demgegenüber ist die erste Frage, was unter einer Wohnempirie zu verstehen sei, nicht so leicht zu beantworten, da das "Was" untrennbar mit dem "Wie" verbunden ist. Die empirische Untersuchung egal welcher Tatbestände, ob sozial oder naturwissenschaftlich, setzt eine Hypothese über die inneren Zusammenhänge des untersuchten Gegenstandes voraus, letztlich also eine Theorie, in welche die Untersuchung eingebettet ist, um die richtigen Fragen stellen zu können. Es gibt keine solche allgemeine Theorie, aber verschiedene Ansätze und Studien, auf die im Folgenden eingegangen werden soll.

Wohnen bestreitet – zumindest in modernen Zivilisationen – einen beträchtlichen Teil des Lebens. Eine Untersuchung des Wohnens sollte daher auf der – hier erst einmal pauschal so bezeichneten – Lebensweise aufbauen. Dieser Begriff steht für die sozialkulturellen und sozialökonomischen Verhältnisse der Bewohner. Darüber hinaus spiegeln sich im Wohnen (fast) alle gesellschaftlich relevanten Prozesse mehr oder weniger direkt wider – das betrifft die rasanten technischen Entwicklungen und die Rolle der Medien, Veränderungen in der Sozialstruktur, in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung, im kommunikativen Verhalten, im kulturellen Selbstverständnis usw. Sie verändern das Alltagsleben in seinen Gepflogenheiten. Wohnen entfaltet sich in der Verflechtung der beiden Pole “Raum” und “soziales Verhalten” und im Spannungsfeld zwischen Beharrungstendenzen – der Konservativismus des Wohnens ist groß – und Veränderungsdruck. Ersteres ist keine so selbstverständliche Erkenntnis, wie die bereits erwähnten Studien der 60er und 70er Jahre belegen. Obwohl es dort um die Zufriedenheit mit der Wohnsituation ging, spielte die konkrete Beschaffenheit des Raums, wenn überhaupt, nur eine marginale Rolle. Das ändert sich erst mit dem sogenannten spatial turn der Sozialwissenschaften zu Beginn der 90er Jahre, der unter anderem von Michel Foucault angestoßen wurde: "Anders gesagt, wir leben nicht in einer Leere, die wir mit Menschen und Dingen füllen könnten. Wir leben nicht in einer Leere, die verschiedene Farben annähme. Wir leben vielmehr innerhalb einer Menge von Relationen, die Orte definieren, welche sich nicht aufeinander reduzieren und einander absolut nicht überlagern lassen." Der spatial turn war weniger eine Wende als eine Rückbesinnung…

 

 

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