ARCH+ 211/212

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Erschienen in ARCH+ 211/212,
Seite(n) 189-191

ARCH+ 211/212

Die Aktualität der (Architektur-)Anthropologie

Von Trüby, Stephan

Jakob Tanner: Historische Anthropologie zur Einführung (2004) Der Zürcher Historiker Jakob Tanner legt ein Buch vor, das nur auf den ersten Blick einen tatsächlich einführenden Charakter hat. Auf den zweiten Blick entpuppt es sich als ein Plädoyer wider die Relativierung der Geisteswissenschaften im allgemeinen und der Historiografie im besonderen. Er hebt an mit dem Hinweis, dass im 18. Jahrhundert „die Geschichtswissenschaft und die Anthropologie als wissenschaftliche Disziplinen etwa gleichzeitig entstanden“ sind. Die Wissenschaft vom Menschen konsolidierte sich etwa gleichzeitig mit der Vorstellung von „‚Geschichte‘ als Kollektivsingular und Bewusstseinskategorie“. Eine separat von Geschichte gedachte Anthropologie, so suggeriert Tanner, bleibe wissenschaftlich immer in der grob fahrlässigen Spur eines Christoph Meiners, der 1785 mit seinem Grundriß der Geschichte der Menschheit „die erste Weltgeschichte“ publiziert hat, die von einem „polarisierenden Rassenstandpunkt“ aus verfasst worden war. Damit, so Tanner, „brachte er einen universalhistorischen Plot in Zirkulation, der auf der Entgegensetzung der ‚hellen schönen‘ und einer ‚dunklen hässlichen‘ Rasse basierte. Mit schrecklichen Folgen: „ Mit Meiners wurden ‚Rassenkampf‘ und ‚Rassenreinheit‘ zu Obsessionen des Abendlandes“

Beatrix Zug: Die Anthropologie des Raumes in der Architekturtheorie des frühen 20. Jahrhunderts (2007) Dass die Anthropologie bereits sehr früh von raum- und architekturtheoretischen Überlegungen begleitet wurde, klingt bei Beatrix Zug bereits im Titel an: Ihr Buch Die Anthropologie des Raumes in der Architekturtheorie des frühen 20. Jahrhunderts fokussiert allerdings – anders als der Titel vermuten lässt – weitgehend auf das theoretische Werk des deutschen Kunsthistorikers August Schmarsow (1853–1936). Zug nimmt eine Rezeptionskorrektur des lange Zeit in Leipzig lehrenden Gelehrten vor, in dem sie zeigt, dass hinter Schmarsows oft angeführter Raumtheorie ein bis dato kaum beachteter anthropologischer Ansatz steckt: „Der Mensch ist der Ausgangspunkt aller Überlegungen Schmarsows“, und zwar insofern, als er im Anschluss an Wilhelm Diltheys Philosophie der Geisteswissenschaften die Psychologie zur grundlegenden Geisteswissenschaft macht. Unter Engführung der beiden Begriffe „Psychologie“ und „Anthropologie“ entwickelt Schmarsow seine „Methode der ‚genetischen Erklärung‘ […] der Architektur“, mit der, wie Fritz Neumeyer einmal betonte, „zum ersten Mal der architektonische Raum als Wahrnehmungs- und Vorstellungsform in den Mittelpunkt der Architekturtheorie“ rückt.

Sascha Roesler: Weltkonstruktion. Der außereuropäische Hausbau und die moderne Architektur – ein Wissensinventar (2013) Während Zug mit Schmarsow das Anthropologie-Thema vergibt, schlägt der Zürcher Architekturforscher Sascha Roesler mit eben jener theoretischen Übervaterfigur architekturanthropologische Funken, von der sich Schmarsow immer abzugrenzen versuchte: Gottfried Semper (1803–1879). Während Semper mit seiner Bekleidungstheorie die Fassadenoberfläche zum architektonischen Primat machte, wollte Schmarsow mit seiner Raumtheorie eben diese Gewichtung unterlaufen. Mit seinem Buch Weltkonstruktion: Der außereuropäische Hausbau und die moderne Architektur versteht es Roesler, Semper auf fulminante Art und Weise zu aktualisieren, und zwar nicht indem er – wie dies so oft geschieht – auf dessen Bekleidungs-, sondern auf dessen Stoffwechseltheorie Bezug nimmt. In der Stoffwechseltheorie, jener Lehre vom symbolischen Weiterleben materialspezifischer Bauweisen in stabileren, prestigeträchtigeren und/oder kostengünstigeren Zuständen (Beispiel: das symbolische Weiterleben des Holzbaus im Steinbau), sieht er den zentralen Ausgangspunkt, um mit der Ethnografie des 19. Jahrhunderts ein neues Licht auf wenig beachtete architektonische Forschungsleistungen des 20. Jahrhunderts zu werfen. Roeslers Untersuchung versteht sich – wie der Untertitel bemerkt – als ein Wissensinventar, mit dem versucht wurde, „die wesentlichen Bestandteile eines modernen Wissens zum außereuropäischen Hausbau zusammenzutragen und zu formalisieren, wie es sich zwischen 1933 und 1986 auf der Grundlage der ethnografischen Forschung von Architekten und Architektinnen herausgebildet hat“. Der Anspruch des Autors ist unbescheiden: Sein Buch stelle nichts Geringeres als „die wohl erste jemals verfasste […] Wissen(schaft)sgeschichte der ethnografischen Forschung der modernen Architektur“ dar.

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