ARCH+ 206/207

Kostenloser Download


Erschienen in ARCH+ 206/207,
Seite(n) 94-97

ARCH+ 206/207

Wanderarbeiter in den Golfstaaten

Von Reisz, Todd

Workers City

... In Al Quoz, wo viele der Bauarbeiter leben, findet man eine sorgfältig gepflegte Umgebung. Saubere Küchen, eine fast schon militärische Ordnung in den Mehrbettzimmern, penibel geschrubbtes und aufgeräumtes Kollektivgerät. Hier gibt es eine Gemeinschaft. Für gewöhnlich von kleinen, unauffindbaren Vertragsunternehmen finanziert, leben die Gastarbeiter in firmeneigenen “labor camps”, so der offizielle Name der barackenartigen, auf offener Strecke gelegen Behausungen, nur wenige Minuten von den Wolkenkratzern längs der Sheikh Zayed Road entfernt. Hier gehen die Menschen die Straßen entlang, grüßen einander und plaudern in den engen Gängen der Lebensmittelgeschäfte. Solche Verhaltensweisen mögen alltäglich erscheinen, aber in der Neuheit Dubais fehlen sie in sehr befremdlicher Weise. Gerade diese soziale Komponente wird in den Medien gern übersehen. Die Reportagen mögen die Interessen der über 500.000 dort tätigen Gastarbeiter im Sinn haben, doch mangelt es ihnen an einer über unanschauliche demografische Daten hinausgehenden persönlichen Sicht und an der Wahrnehmung, dass diese Männer trotz ihrer instabilen Existenz und der Undurchsichtigkeit von Regierung und Unternehmen eine Solidargemeinschaft bilden. Selbstverständlich treten auch in Al Quoz und anderen Camps, wie in jeder größeren Gruppe, Extreme und Pannen auf. Was aber bei einem Besuch dieser Lager hervorsticht, ist, dass die beengten, teilweise schlimmen räumlichen Verhältnisse nicht die Oberhand über Menschlichkeit und freundliche Umgangsformen gewonnen haben.

Als Nachrichtenagenturen begannen, über Dubais Abstieg in die globale Krise zu berichten, wurde häufiger auch gefragt, was mit den Tausenden von Hilfsarbeitern geschehe, deren Schicksal vom Boom abhängt. Viele dieser Hilfsarbeiter (“laborers”) – wie die ungelernten Werktätigen meist genannt werden, die im Golf auf Baustellen, in der Straßenreinigung oder als Haushaltshilfen arbeiten – kommen aus Südasien, Statistiken zufolge sind es 60 % der Bevölkerung von Dubai. Darunter wiederum entstammen nach anderen Statistiken 60 % der indischen Provinz Kerala. Dies würde bedeuten, dass einer von drei Arbeitern, die man in Dubai trifft, aus Kerala kommt. Eine solche Berechnung dürfte auch für jede andere Golfstadt nicht abwegig sein. Es hieß, ganze Flugzeuge seien gebucht worden, um nicht mehr benötigte Hilfsarbeiter aus Dubai wegzubringen. Unausgesprochen wurde dabei unterstellt, die Flüge nach Kerala seien voll, die Rückflüge leer gewesen. In der Presse von Kerala reagierten sogar Lokalpolitiker auf diese Ankündigung und forderten, Nation und Provinz müssten Geldmittel bereitstellen, um die Rückkehrer zu unterstützen. Der große Exodus ist jedoch bislang ausgeblieben, was freilich nicht heißt, dass er nie stattfinden wird.

Oft ist unklar, wohin Arbeiter und Angestellte gehen. In die Heimat? Auf eine andere Baustelle? In eine andere Stadt? Es gibt jede Menge Agenturbilder, die Südasiaten zeigen, wie sie mit ihren auf der Pritsche eines Toyota-Pickups aufgetürmten Habseligkeiten zum Flughafen von Dubai fahren. Kehren sie endgültig in die Heimat zurück, oder nehmen diese Männer ihren einmonatigen Urlaub? Sehen wir ihre minimale Existenzausstattung, die in die Ecke eines Pickups passt, oder die großzügigen Geschenke, die ein Besuch in der Heimat nun einmal unabhängig vom Lohnniveau erfordert?

Im Februar schaute ich mich auf dem Flughafen nach Männern um, die solche Flüge nehmen könnten. Die Toyota-Pickups, die an der Abflugrampe vorfuhren, bildeten eine actiongeladene Szenerie wie an jedem beliebigen Abend während der Boom-Jahre. Ganze Scharen halfen den Abreisenden, indem sie schmale Stapel von Besitztümern auf Gepäckwagen bauten, die eher für Touristenkoffer ausgelegt sind als für solche massiven Lastentransporte. Gefühlvoll nahm man Abschied voneinander, mit Schulterklopfen, Umarmungen, Küssen. Die Abreisenden, mit denen ich reden konnte (diejenigen, die ein wenig Englisch für mich zusammenkratzen konnten), gingen jedoch nicht für immer. Sie nahmen ihren ein- oder zweimonatigen Urlaub – jedenfalls sagten sie das.

Schaut man die Zeitungen in Kerala durch, so findet dort eine Debatte statt, die der Sicht der westlichen Zeitungen, die ich gewöhnlich lese, diametral entgegengesetzt ist. Während Menschenrechtsaktivisten internationale Gerichtsbarkeit fordern und die Journalisten, die sie interviewen, für die ausgebeuteten und unterbezahlten Hilfsarbeiter eintreten, konzentriert sich die Diskussion in Kerala auf den grassierenden Materialismus und verschwenderische Ausgaben – auf die Furcht vor einem Verlust islamischer, christlicher oder hinduistischer Werte infolge des leichten Geldes. Handelt die Kerala-Golf-Geschichte von den ausgebeuteten Armen oder von zügellosem Kapitalismus? Es war, als zeigten die westliche und die örtliche Presse auf dieselbe Region, doch mit einander widerstreitenden Bedürfnissen und ohne einander zur Kenntnis zu nehmen. Welche der beiden traf den Nerv? Ich besuchte Kerala, um eigene Erkenntnisse zu gewinnen.

Wie geht die indische Provinz mit der Krise im Golf um? Die betreffenden Familien schicken ihre Kinder auf Universitäten in Europa, im Nahen Osten und in Asien; sie bauen teure Häuser in Kerala, während sie in Dubai in bescheidenen Unterkünften leben. Es sind Familien, die für die Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse hart arbeiten. Schon eine oberflächliche über Arbeitslager und Taxistände hinausgehende Nachforschung zeigt eine Reihe von Malayali, die die Golfstädte “brummen” lassen; das reicht von einigen der wohlhabendsten Unternehmern Dubais über gebildete Schullehrer und hart arbeitende Ärzte bis zu schwer beschäftigten Kaufhaus- und Ladenbesitzern. Zuhause in Kerala gelten sie als eigener Menschenschlag, als Golf-Malayali.

Abreise und Ankunft sind fester Bestandteil der Kultur Keralas. Ich nahm einen Nachtflug und trug deshalb locker sitzende Kleidung, die ein paar Knitterfalten vertragen konnte. Mit dieser Entscheidung war ich in der absoluten Minderheit. Als wir in Dubai an Bord gingen, waren die meisten Passagiere elegant gekleidet, frisch geduscht und zurechtgemacht. Manche feilten sich die Fingernägel, während wir an der Rollbahn warteten. Wer konnte, sorgte dafür, dass seine Kleidung das am Körper getragene Gold nicht verbarg; eng anliegende, aufgekrempelte Ärmel und aufgeknöpfte Hemden eignen sich gut dazu, schwere Golduhren und -ketten zur Schau zu stellen.

Einen Monat vor der Reise hatte ich Sahil Latheef kennen gelernt, einen in Mumbai und Rotterdam ausgebildeten Architekten, der eine Namensliste von Leuten zusammenstellte, die mir ihre Lebensgeschichte erzählen und einen Einblick in die Situation geben konnten. Bevor wir versuchten, im Flieger ein paar Stunden Schlaf zu bekommen, gingen Sahil und ich unseren Plan für die anstehenden Tage durch. Auf einer Karte von Kerala hatte er unsere Reiseroute eingezeichnet. Im Süden, in Trivandrum (Thiruvananthapuram), würden wir starten und anschließend gen Norden fahren. Die Küstenautobahn war von Punkten gesäumt, die Orte für einen Halt vorsahen, um mit Soziologen, Psychologen, Ärzten, Unternehmern, Schullehrern und Schriftstellern zu sprechen, die Sahil für unsere Studie zusammengesucht hatte. Sahils Karte konzentrierte sich auf die Küstenautobahn von Kerala – die einzige Straße, die die schmale Provinz durchmisst.

Bald sollte sich herausstellen, dass diese Küstenautobahn eines der größten Exporterzeugnisse des Golfs ist. Die nationale Autobahn, die sich unter dem unverfänglichen Namen NH17 verbirgt, ist das, was Städte und Ortschaften in Kerala zusammenhält. Wenn man wissen will, wie sich der Golf – sein Geld, seine Ambitionen, seine Botschaft – auf Kerala ausgewirkt hat, muss man nur dieser Straße folgen. Die NH17 fühlt sich wegen ihrer mangelhaften Instandhaltung wie eine Hinterlandpiste an. In das wichtigste Stück Infrastruktur der Provinz fließt kein Geld, doch aus den Autofenstern sehen wir wie in einem Film ein ganzes Sortiment von Werbetafeln vorbeirauschen, die luxuriösen Lebensstil, grenzenloses Gold und feine Seidenstoffe verheißen. Und dann sind da die Gebäude, die längs der Straße aus dem Boden schießen – manche fertiggestellt, manche bewohnt, aber halbfertig, andere angefangen und liegengeblieben. Dies sind die Produkte des Golfgelds.

Auf die Frage, die mich zu meiner Reise bewogen hatte, “Hat die Krise hierzulande Auswirkungen? Strömen Angehörige zurück?”, bekam ich bestenfalls ein Achselzucken zur Antwort. In einem waren sich offenbar alle einig. Golfgeld regt den Bautrieb an. Und dessen Wirkung hatte noch nicht nachgelassen. Erst baut man sich sein eigenes Haus – ein Golfhaus. Wenn dann noch Geld übrig ist, errichtet man ein Geschäftshochhaus. Selbst Malayali, die nicht in den Bereichen Städtebau und Entwicklungsplanung tätig sind, betonen ihre regionale Verbundenheit: Wenn es an der Zeit ist, Geschäftshochhäuser zu bauen, wird der zurückkehrende Bauherr nicht an einen Standort in der Stadt denken, sondern das Unternehmen in seinem Heimatort ansiedeln. Dort ist die Wirkung größer, die Botschaft lauter zu hören. Noch besser ist es, längs der NH17 zu bauen, dann ist das Bauwerk nicht nur für jeden im Dorf, sondern auch für jeden anderen Malayali zu sehen, der Keralas einzige Autobahn befährt. Golfrückkehrer müssen eine sich vergegenständlichende Erfolgsgeschichte bieten, um all jene zu beeindrucken, die sie noch als hoffnungslose Teenager kannten. Infolgedessen haben sie die Ränder der NH17 von einem Ende bis zum andern mit ihren gesammelten Ambitionen besetzt. Doch statt einer linearen Metropole haben sie etwas gebaut, das sich eher wie ein Friedhof der Träume ausnimmt.

Die Beziehung zwischen Kerala und dem Golf prägt das Leben von Hunderten, die sich im Golf aufhalten und für die Bewohner von Kerala ist es ein tägliches, unausweichliches Thema, das jeden Aspekt des Lebens in der Provinz betrifft, ob man es will oder nicht. Der Laden, in dem man sein Obst gekauft hat, wird von einem Golfrückkehrer betrieben; die Klinik, in der eine erkrankte Tante liegt, ist die Investment-Strategie eines Golfrückkehrers; sogar das beliebteste Sommergetränk – der Sharjah Shake – birgt Erinnerungen und Gedanken an den Luxus eines fernen Landes, das jedem erreichbar ist, sofern er bereit ist, im Tausch dafür etwas aufzugeben.

Die größten Aufwendungen für einen Golf-Malayali sind, so heißt es, die Mitgift für seine Tochter und sein Haus. Beide sind mit Begriffen verbunden, die zu Termini der Sozialwissenschaften geworden sind: Golffrauen und Golfhäuser. Die Golffrauen verbleiben im Land, um die Familie aufzuziehen, während der Ehemann am Golf arbeitet; Golfhäuser sind Gebäude, die auf dieser Beziehung beruhen. Während der eine Begriff für Abwesenheit steht, signalisiert der andere überkompensierte Anwesenheit. Beide tragen dazu bei, ein tiefsitzendes indisches Phänomen, die zementierte soziale Hierarchie, im Kern zu erschüttern: Wer gelangt zu Geld, wer kann seine Kinder ausbilden lassen und in wessen Familie können die eigenen Söhne und Töchter einheiraten? Dank der Möglichkeiten am Golf sogenannte “Golfhäuser” in Kerala, gebaut mit dem in den Golfstaaten verdienten Geld wird soziale Mobilität nicht mehr durch die Herkunft aus armen Verhältnissen und durch mangelnde Bildung beschränkt. Wer mit wenigstens ein paar Qualifikationen zum Golf aufbricht, ist in der Lage, ein Einkommen erwirtschaften, das in der Heimat eindrucksvolle Kaufkraft besitzt. Das verdiente Geld kann Familien mit den Mitteln versorgen, die Zukunft ihrer Kinder zu verbessern, häufig jedoch dient es nur der Repräsentation des sozialen Aufstiegs.

Das Golfhaus soll wie eine sich selbsterfüllende Prophezeiung fungieren: je größer das Haus, desto fortgeschrittener die Stellung in der gesellschaftlichen Rangordnung. In seiner physischen Präsenz steckt die ganze Ambivalenz zwischen dem, was der Golf gibt und was er nimmt. Diese Häuser bringen Probleme mit sich. Wenn die Familie am Golf lebt, steht das Haus wenigstens zehn Monate im Jahr leer, unbewacht und einem Klima ausgesetzt, das ständige Instandhaltung erfordert. Bleibt die Familie – unter Leitung der Golffrau – in der Heimat, um das Haus zu bewohnen, während der Ehemann im Ausland ist, so erzeugt das zwei einander widerstreitende Gefühle: die Frustration, dass er nicht da ist, und die verzweifelte Hoffnung, er möge fortbleiben, damit die Instandhaltung finanziert werden kann.

Der künftige Eigentümer, der oft den Hausbau aus der Ferne lenkt, wird häufig mit überhöhten Rechnungen konfrontiert, da er mit kleinen Auftragnehmern arbeitet, die das “Hausbauspiel” besser kennen als er. Die Bautätigkeit wächst sich zu einem endlosen Prozess aus, in dem die Fehler oder Nachlässigkeiten des jeweils vorherigen Bauunternehmens ausgebügelt werden müssen. Ein Hausbau kann ein hart erarbeitetes Vermögen aufzehren, noch bevor er beendet ist.

Die Häuser selbst veranschaulichen die Widersprüchlichkeit der Gefühle ihrer Besitzer: das Spiel zwischen Zurschaustellung und Verstecken hinter Zäunen und Mauern, zwischen Eitelkeit und Sicherheit. Der Wunsch, ein Haus zu besichtigen, löst beim Eigentümer sowohl eine Abwehrhaltung aus wie ein Entgegenkommen im Bedürfnis, das Erreichte mit Stolz vorzuzeigen. Sieht man nur die Erfolgsgeschichte – ein Wanderarbeiter, der es mit seinen Ersparnissen zu einem komfortablen Haus für seine ausgedehnte Familie gebracht hat –, ist das Glück übergroß, sieht man, was sich hinter der Fassade verbirgt – ein unfertiges Obergeschoss, ein von Wasser geschädigtes Parkett, ein undichtes Fundament – so zeigt sich die ganze Fragilität dieser auf globalen Beziehungen beruhenden Existenz.

 

Übersetzung: Stefan Barmann, Sabine Kraft

Rem Koolhaas, Ole Bouman, Mark Wigley (Hrsg.): “Volume 12: Al Manakh”, Columbia University GSAPP/Archis, Amsterdam, 2007 sowie

Todd Reisz (Hrsg.): “Volume 23: Al Manakh 2: Gulf Continued”, Archis, Amsterdam 2010  

SSS Siedle Dornbracht Euroboden
Feedback erwünscht!