ARCH+ 206/207

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Erschienen in ARCH+ 206/207,
Seite(n) 5-6

ARCH+ 206/207

“wirkt”. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Projektentwickler oder Architekten

Von Krause, Jan R.

Initiiert vom Masterstudiengang MAE – Architektur: Projektentwicklung sprachen Stadtplaner, Architekten, Investoren und Journalisten über den Zustand der Städte und der Gesellschaft. In weißen Kitteln traten die Referenten vor das Auditorium, um ihre Diagnosen und ihre Therapien vorzustellen. Fazit: Architektur kann etwas bewirken, das über reine Funktionserfüllung hinausgeht. Ob man tatsächlich von einem heilsamen Effekt sprechen kann, bleibt am Einzelfall zu überprüfen. Es gibt sie jedenfalls, diese erfolgreichen bzw. folgenreichen Einzelfälle.

Wurde beim letztjährigen MAE-Symposium die Frage gestellt, wem die Stadt gehört, so wurde dieses Jahr kritisch hinterfragt, wie Architektur wirkt. “ Lassen Sie uns politisch sein, da Architektur immer ein gebautes Manifest ist und somit politisch”, forderte Gastgeber Xaver Egger die Referenten und Zuhörer auf. Er verwies auf die Eigendynamik der Elbphilharmonie in Hamburg und fragte, welches andere Gebäude, das noch nicht einmal fertiggestellt ist, bereits solche Wirkung zeige.

Andreas Röhring vom Leibniz Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung aus Berlin eröffnete die Veranstaltung mit Ergebnissen der raumwissenschaftlichen Forschung über demographischen Wandel und Abwanderung. “Nachnutzung durch Strukturwandel” sieht er als große Herausforderung und die künftigen Handlungsfelder in der Stadt- und Regionalentwicklung. Beispiele: die Konversion ehemals militärisch genutzter Areale und die Bergbaufolgelandschaften in Deutschland.

Andrea Hofmann von raumlabor berlin erklärte Architektur zum Forschungsgegenstand: “Wir bilden ein Aktionsbündnis zwischen lokalen Akteuren und externen Spezialisten. So entdecken wir neuen Handlungsraum und öffnen Pionierfelder, die wir gemeinsam testen und auf ihre Zukunftsfähigkeit untersuchen. Wir nennen das forschungsbasiertes Gestalten.” Orte, die aufgegeben sind, aber für die Stadtgestalt noch immer eine Relevanz haben, bieten ungenutzte Potenziale, die das raumlabor zu aktivieren versucht. Bekannt wurde raumlabor vor allem mit dem “Küchenmonument”, einer mobilen Skulptur, die in zwei Zuständen existiert: eine mit Zinkblech verkleidete Box und eine pneumatische Raumhülle, die die Skulptur im öffentlichen Raum zum Werkzeug temporärer Gemeinschaften erweitert. In Parks, unter Brücken, auf Brachen und auf Spielplätzen hat raumlabor mit diesem Experiment auf die verborgenen Qualitäten von Orten aufmerksam gemacht: Architektur hat hier tatsächlich etwas bewirkt.

Christoph Twickel, Journalist, Radiomoderator, Aktivist im Netzwerk “Recht auf Stadt” in Hamburg und Autor des Buches “Gentrifidingsbums – oder eine Stadt für alle” sprach über die unerwünschten Nebenwirkungen von Architektur. Er beschrieb die Folgen der Architektur und Stadtplanung der 1960er Jahre in Hamburg, die seinerzeit als modern gefeiert und heute als Fehler geächtet werden. Die Freie und Hansestadt Hamburg funktioniere mittlerweile “mehr als Unternehmen denn als Kommune”, was soziale Ängste schürt und eine engagierte Bürgerschaft gegen Großprojekte und die damit oft verbundene Verdrängung formt. Am Beispiel von Stuttgart 21 illustrierte er, dass die Bürger wieder mehr Einfluss auf die Stadtentwicklung haben wollen. Wirken – im Sinne des Konferenztitels – kann hier als mitwirken interpretiert werden.

Eine ganz andere Dimension des Wohnungsbaus stellte Stefan Höglmaier, Geschäftsführer der Bauträgergesellschaft Euroboden aus München vor. Für ihn ist Architektur die “kulturelle Zusammenkunft von Ort, Raum, Geist und Zeit”. Von Euroboden engagierte Architekten, darunter Hild und K, Muck Petzet und Jürgen Mayer H, schaffen Orte mit unverwechselbarer Identität – besondere, teils aufmerksamkeitsstarke Projekte, die sich von der Banalität mancher Investorenarchitektur abheben. Wie nachhaltig aber ist dieses Konzept? Handelt es sich um eine vorübergehende Erscheinung oder um Architektur mit Beispielcharakter für den zeitgenössischen Wohnungsbau?

Katharina Feldhusen hat mit ihrem Berliner Büro ff Architekten bemerkenswerte Bauten für die öffentliche Hand realisiert. Trotz der schwierigen Haushaltssituation vieler Kommunen ist es ihr gelungen, Raumkonzepte umzusetzen, die einen erheblichen gesellschaftlichen Nutzen bringen wie die Wilhelm-LiebknechtBibliothek am Kottbusser Tor in Berlin. Der Ort hatte sich zu einem sozialen Brennpunkt mit hohem Gewaltpotenzial entwickelt. Ursprünglich nur als Fassadensanierung geplant, konnten die Architekten den öffentlichen Bauherrn früh davon überzeugen, dass auch neue Raumqualitäten im Innern zu schaffen seien, da die Bedeutung der Bibliothek als Ort zum Lesen sich grundsätzlich verändert hatte – eine sinnvolle Auftragserweiterung, für die Fördermittel erwirkt werden konnten. Das Haus entwickelt als Treffpunkt eine stabilisierende Funktion.

Der Rolle des Architekten widmete sich Klaus Ronneberger, Soziologe und Experte für das Werk Henri Lefebvre’s, im Schlussvortrag des MAE-Symposiums. Nach einer Tour de Force durch die vergangenen einhundert Jahre Architektur- und Sozialgeschichte und deren Wechselwirkung dechiffrierte Ronneberger Jacques Tatis filmische Meisterwerke “Playtime“ und “Mon Oncle“ als Architekturkritik und als Beispiel des Bilds des Architekten in der Öffentlichkeit.

Dass Architektur “wirkt”, haben die Referenten des MAE-Symposiums mit ihren Diagnosen und Therapieansätzen gezeigt. Ist der Architekt nun aufgrund seines schöpferischen Einflusses ein “Halbgott in Schwarz”? So weit würde Veranstalter Xaver Egger wohl nicht gehen. Er verwies auf die zufälligen, nicht geplanten und nicht zu steuernden Wirkungen in der Architektur. Doch im Wesentlichen ging es ihm um die Verantwortung und um die Chance, die damit verbunden ist, sich von vornherein über die geplante Wirkung der Architektur Gedanken zu machen. Wer in der Lage ist, diese Perspektiven den Städten, Kommunen und potenziellen Bauherren zu kommunizieren, der kann sich als Architekt und Projektentwickler attraktive neue Handlungsfelder erschließen.   

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