ARCH+ 109/110

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Erschienen in ARCH+ 109/110,
Seite(n) 26-27

ARCH+ 109/110

Vom Unterworfenen zum Entwerfer – Über Vilém Flusser

Von Kraft, Sabine

Die Frage nach dem Einfluß des Computers auf das Raum- und Entwurfsverständnis der Architekten hätten wir in Heft 83 als Thema formuliert. Es wartete auf weitere Bearbeitung und hatte sich in der Zwischenzeit zu einem hübschen, kleinen Problemgebirge aus kybernetischen Räumen, elektronischen Welten und virtuellen „Realitäten" aufgefaltet, das wir etwas zögerlich umkreisten. Flussers Texte schlugen Pfade in diese terra incognita.

Der erste Text, der mir eher zufällig in die Hände fiel, war ein kleiner Artikel im Feuilleton der Baseler Zeitung: .Einiges über dach- und mauerlose Häuser mit verschiedenen Kabelanschlüssen'. Hinter diesem umständlichen Titel verbarg sich keine geringe Provokation: der Abgesang auf jede herkömmliche Konzeption von Hausbau samt der dazugehörenden Soziologie. Die Neugier war geweckt.

Als ich bei der Arbeit an Heft 104 das Script eines Vortrags von Vilém Flusser über Intelligent Buildings (,Vom Unterworfenen zum Entwerfer von Gewohntem') fand, rief ich ihn an. Dieser Vortrag war die einzige Perle in einer wenig brauchbaren Tagungsdokumentation über Intelligent Buildings. Wie konnte ein Fachfremder so genau den Kern einer Architekturkonzeption treffen, die doch die Architekten selber noch kaum greifen konnten? Es ist die Konzeption eines an die Umwelt und den Menschen angepaßten reagiblen Gebäudes, dessen Dach und Wände sich in eine mehrschichtige, energiegestützte Hülle auflösen, vergleichbar der menschlichen Haut. Aber das war eigentlich nicht Flussers Anliegen, es ergab sich nur nebenbei. Ihm ging es um das Aufrichten aus der unterworfenen, sub-jektiven Haltung, um eine neue Antropologie, die den Menschen als Knotenpunkt von Beziehungsfeldern sieht und die Gebäude als simulierte Häute derartiger Knotenpunkte.

Ich fragte ihn nach weiteren Texten zur Architektur, erhielt einige ungenaue Hinweise und ansonsten freie Hand, daraus zu machen, was ich wollte. Das war ein um seine Verwertung recht unbekümmerter Autor.

In der Folge trafen wir uns auf einigen Tagungen. Flusser war jetzt ständig unterwegs, quer durch Europa. Seine Vorträge waren jedesmal ein Erlebnis. Da schrieb und sprach er von der Ablösung des eindimensionalen Codes, der linearen Schrift durch die technischen Bilder, die auf nulldimensionalen Algorithmen beruhen und entfaltete wie zum Widerspruch ein sprachliches Feuerwerk, das taumeln machte. Er zerstäubte die in manchem Kopf säuberlich in Schein und Realität sortierten Weltbilder zu genau den Punkteschwärmen, über die er schrieb, um sie dann selbst zu alternativen Welten zu komputieren, bzw. diese Möglichkeit aufscheinen zu lassen. Das blieb nicht ohne Protest, der ihn zu schlagfertigem Witz beflügelte. Nur wenn jemand böse auf seiner Realität beharrte, ging auch er in Distanz: „Über Glaubensfragen läßt sich nicht streiten".

Vilém Flusser skizziert die „emportauchende Utopie" des elektronischen Zeitalters als eine Kritik an der Gegenwart, d.h. er entwickelt im Gegensatz zu dem leider so verbreiteten und politisch gefährlichen Kulturpessismus eine Kulturkritik aus der Zukunft, aus dem was werden könnte und nicht aus der Vergangenheit, aus der verkärenden Sicht einer angeblich heileren Welt. Das hat uns begeistert und in unserem Kurs, seitdem wir die ARCH+ vom weichen Bett des Postmodernismus aufgescheucht hatten, bestätigt. Wir lernten so einen Umgang mit der Technologie, jenseits von antimoderner Verteufelung oder blinder Technikgläubigkeit. Auch die Fundierung seiner Philosophie durch die Entwicklung der Naturwissenschaften ist Vorbild für unsere Versuche, die Ergebnisse der neueren Grundlagenforschung in die Architekturdiskussion zu transferieren. Und uns gefällt seine Methode, einen Sachverhalt zu entwickeln, indem er in einem Gang durch die abendländische Geschichte auf den Grund einer Wortbedeutung herabtaucht um den Schleier der Selbstverständlichkeit zu zerreißen. Wir versuchen ähnliches, wenn wir ein Thema historisieren in der Absicht, das Neue und Besondere herauszuarbeiten.

Wir wollten Vilém Flusser als ständigen Mitarbeiter gewinnen. Als ich ihn bat, für das Fassadenheft einen Artikel zu schreiben, lehnte er zuerst ab. Er verstünde nichts davon. Aber dann hat es ihn doch gereizt.. Und das war wohl auch der Grund, warum er sich für uns interessierte: die Herausforderungen durch neue Themenstellungen und daß wir seine Gedanken für uns nutzbar machen konnten.

Im Oktober letzten Jahres fuhren wir nach Robion, dem Refugium der Flussers in Südfrankreich. Verabredet war ein Interview für das geplante Heft über Cyberspace. Es wurde mehr, sehr viel mehr. Flusser antwortete nicht nur auf unsere Fragen nach virtuellen Räumen, sondern entwickelte die den verschiedenen naturwissenschaftlichen Betrachtungsebenen entsprechenden Raum- und Zeitbegriffe:

„Wenn wir von heutiger Architektur sprechen, müssen wir uns darüber klar werden, mit welcher Art von Räumen wir es zu tun haben. Es gibt mindestens drei Räume. Ich würde den ersten Raum Lebensraum nennen, den zweiten Weltraum und den dritten Quantenraum. Der Lebensraum erklärt sich daher, daß wir Würmer sind. D.h. wir sind Röhren, durch die die Welt reingeht und am anderen Ende rauskommt. Dadurch haben wir die Vorstellung von vorne und hinten. Außerdem sind wir bilateral symmetrisch. Dadurch haben wir die Vorstellung von links und rechts. Und da wir aufrechte Würmer sind, haben die Vorstellung von oben und unten. Der Lebensraum ist eine schmale Kiste, die theoretisch endlos lang und breit ist, aber maximal drei Meter hoch und zehn Zentimeter tief unter die Erde geht. Diese Kiste ist derart flach, daß wir kubisch gesehen nicht zu Hause sind. Wir wissen nicht, wieviel Kubikmeter unser Haus hat. Im Lebensraum ist das Interessante das Quadrat, wir wissen unser Haus hat soundsoviel Quadratmeter. Und da Quadratmeter gegen andere Quadratmeter durch Linien abgegrenzt sind, so ist die Grenze des Lebensraumes eine Linie. Die Folge ist, daß unsere Orientierung im Raum geometrisch ist. Wir können nicht topologisch denken. Der Lebensraum ist geometrisch, weil er praktisch keine Höhe und keine Tiefe hat.

Die Architektur hat sich bisher nur im Lebensraum abgespielt. Aus diesem Lebensraum sind wir ausgebrochen, als wir begonnen haben zu fliegen..." (aus dem Interview). Wir versuchten in der Diskussion Rückschlüsse für den Entwurf zu ziehen und spekulierten gemeinsam über die Architektur die aus dem Computer emportauchen würde. So entstand das Projekt eines Heftes nur mit Texten von und Gesprächen mit Vilém Flusser. Dieses Heft erscheint als nächste Ausgabe von ARCH+. Flusser wird es nicht mehr redigieren können, aber ich hoffe, daß es ein wenig von der Freude wiedergibt, die uns die Arbeit daran bereitet.  

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