ARCH+ 109/110

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Erschienen in ARCH+ 109/110,
Seite(n) 25

ARCH+ 109/110

„Die Gestalt liegt in der Sache..." – Über Otl Aicher und ARCH+

Von Kuhnert, Nikolaus

Ein Jahr später habe ich dann seinen Rat befolgt und mich an ihn als Designer für das Berlinmodell Industriekultur gewandt. Diesmal stellte sich die Zusammenarbeit leichter her.

Er entwarf das Erscheinungsbild für das Berlinmodell Industriekultur. Aber dabei blieb es nicht. Vom ersten Tag an, an dem wir in Rotis eintrafen, begann eine Auseinandersetzung um das Profil von ARCH+.

Wenn Aicher eine neue Aufgabe anging, suchte er sich als erstes zu orientieren. Und wie es seine Art war, hieß das, daß er eine Positionsdebatte provozierte. Er kannte ARCH+ eher beiläufig und schätzte deren Themenorientierung. Zutiefst mißfiel ihm aber die modernismuskritische Ausrichtung der Zeitschrift, ihr unausgesprochener Postmodernismus.

Das gefundene Fressen für den Vorwurf des Postmodernismus war das Layout der Zeitschrift. Es war ein gebundenes Layout, das mit Symmetrisierungen, Versalien und vielen schwarz/weiß umgedrehten Seiten arbeitete. Es entsprach in keiner Weise den Überzeugungen Aichers von einem modernen Layout.

Und so war es auch nicht überraschend, daß er uns zutiefst mißtrauisch gegenübertrat. Und in uns eher eine Truppe von mehr oder weniger cleveren Zeitungsmachern als von Mitstreitern sah. Aufgelöst hat sich dieses Mißtrauen durch die Zusammenarbeit.

Das Erscheinungsbild der Zeitschrift blieb der Stein des Anstoßes. Häufig endeten die Debatten mit der Bemerkung von Aicher: „Herr Kuhnert, ARCH+ wird die beste Zeitschrift der Welt werden, wenn Sie endlich lernen ..."

Ein erster Schritt auf diesem Wege war Heft 98: Otl Aicher. Entwurf der Moderne. Es stellte Aicher anders als gewohnt, nämlich umfassend vor: Als Philosoph, Designer und Typograph. Und es präsentierte sich in einer neuen Typographie und in einem neuen Layout. Es war in Rotis abgesetzt und nach den Regeln eines freien Layouts umbrochen.

ARCH+ erschien als eine moderne Zeitschrift, programmatisch geläutert und frei gestaltet.

Dieser erste Schritt löste vielfältige Debatten aus. In der Redaktion provozierte er eine heftige, bis heute offene Kontroverse um den Modernitätsbegriff des Neuen Bauens. Zugute kam uns in diesem Zusammenhang eine Hilfe aus unerwarteter Ecke: Wir lernten durch Aicher den Pragmatismus der Arbeiten von Foster und Rogers, diese sehr englische Herangehensweise an die Probleme des Bauens schätzen.

Diese Herangehensweise lenkt den ideologisierten Blick auf das Thema und zeigt, welche Möglichkeiten sich der Architektur erschließen, wenn sie sich nur uneingeschränkt auf das Thema einläßt.

Für das Ideologiebedürfnis der Redaktion war dieses pragmatische Eingehen auf die Themenstellung noch aus einem anderen Grunde heilsam. Zeigt es doch es den Ausweg aus der falschen Kontroverse zwischen Modernismus und Konservatismus und setzt ein Beispiel gegen das, für meine Generation scheinbar typische Versagen: gegen die Flucht in den Wertkonservatismus, die viele meiner Altersgenossen aus Verzweiflung über die Konsequenzen der Moderne angetreten haben.

Gegen diese verhängnisvolle Wendung der Debatte setzte ARCH+ fast schon provokativ auf einen euphorischen Pragmatismus. Sie ließ sich auf die Sache ein, unabhängig von allen Vorurteilen. Programm war, wie es Aicher formulierte: „Die Gestalt liegt in der Sache. Aber wie sie frei bekommen?"

So gab es kaum Dissens in der Themenorientierung der Zeitschrift, auch nicht in der Zielsetzung, ARCH+ zu einer konzeptuellen Zeitschrift auszubauen, also zu einer Zeitschrift, die Tendenzen aufgreift und zu Themen verdichtet. Der Dissens betraf einzig die leidige Frage der Darstellung. Hier beharrte Aicher rigoros auf der Unterwerfung der Darstellung unter die Aufgabe. Erst dann ist es erlaubt zu inszenieren.

Aufgelöst hat sich dieser Dissens beim Machen. Aicher hat sich irgendwann einfach hingesetzt und für das Projekt ARCH+ ein neues Layout konzipiert. Seit einigen Nummern suchen wir seine Vorgaben einzulösen.

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