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Erschienen in ARCH+ 148,
Seite(n) 9

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In welcher Stadt wollen wir leben? - Die überwachte Stadt und der kontrollierte Raum

Von Borries, Friedrich von

Einen Tag später fordert Dieter Wiefelspütz, Innenpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, eine breite Debatte über dieses Thema. Er kann sich vorstellen, daß mit Hilfe von Videokameras in U-Bahnhöfen oder Unterführungen dem berechtigten Sicherheitsinteresse der Bürger entgegengekommen werde. Es dürfe aber keine “videoüberwachte Welt” geben. Mit solchen Forderungen reagieren Politiker auf ein gestiegenes Sicherheitsbedürfnis in der Bevölkerung. Mittels Videoüberwachung, Platzverweisen und Aufenthaltsverboten hoffen sie, Kriminalität wirkungsvoll zu bekämpfen. Dabei rechnen die Politiker mit der Zustimmung der Bevölkerung. Eine Forsa-Umfrage ergab, daß 67% der Berliner die Überwachung großer Plätze in Berlin durch Videokameras der Polizei befürworten.

Kontrolle von öffentlichem Raum führt zum schleichenden Verlust öffentlichem Raums, da in kontrollierten Räumen keine spontane Interaktion, kein unvorhergesehenes Ereignis stattfinden kann. Die sichere Stadt ist eine restriktive Stadt – sie definiert sich über Ausgrenzung und Kontrolle. In Amerika werden überwachte öffentliche Räume als “post-public spaces” bezeichnet. Parallel dazu entstehen pseudo-öffentliche Räume, in denen Öffentlichkeit inszeniert wird (wie Shopping Malls und Freizeitparks). Im Prozeß der Sicherung öffentlicher Räume spielt Videoüberwachung, wie sie von der CDU und Teilen der SPD gefordert wird, nur eine untergeordnete Rolle, besitzt aber – in Deutschland – einen hohen symbolischen Stellenwert. In Großbritannien, wo das System der CCTV (Closed Circuit Television) am weitesten entwickelt ist, reicht der Einsatz von Videoüberwachung vom automatischen, rechnergestützten Erfassen von Autokennzeichnen bis hin zum Abgleichen aufgenommener Gesichter mit der zentralen Verbrecherkartei.

Videoüberwachung ist eingebunden in ein neues komplexes System, in dessen Blick nicht mehr die Kontrolle von Subjekten steht, sondern die Kontrolle von Raum. Diesen Prozeß kann man als Verräumlichung der Kontrolle bezeichnen. Er zeichnet sich in weiteren Kontrolltechniken ab, die in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen eingesetzt werden. So ersetzt in den USA “Electronic Monitoring” Teile des klassischen Strafvollzuges. Dem Straftäter wird ein Bewegungsraum zugewiesen, der mittels eines Senders, den er an Hand- oder Fußgelenk trägt, kontrolliert wird. In Deutschland wird diese Form des Strafvollzugs als elektronische Fußfessel bezeichnet und in Hessen getestet.

Die gleiche Technik findet auch in Altersheimen Verwendung. In Amerika werden an Haustieren Hautimplantate getestet, die einen Sender enthalten, um entlaufene Haustiere wiederzufinden. Während klassische Überwachung auf die Kontrolle von Subjekten zielt (man denke an die Überwachungsmethoden der DDR), basiert die moderne Überwachung auf der Kontrolle von Räumen. Félix Guattari imaginierte eine Stadt, “in der jeder sein Viertel dank seiner elektronischen Karte verlassen kann”. Das ist zwar nicht alltägliche Realität, aber in Teilbereichen bereits Wirklichkeit. In der absolut sicheren Stadt der Kontrollgesellschaft gibt es keinen Raum und keine Zeit, die nicht erfaßt sind. Dadurch wird maximale Sicherheit ermöglicht und Risiko minimiert. Die neue Rolle des Raumes stellt eine Herausforderung im Gestaltungsprozeß dar. Es stellt sich die Frage, wie man in einem neuen, urbanen, gesicherten Raum planen kann. Architekten und Planer müssen auf Ängste reagieren, aber auch dem Bedürfnis nach Freiheit und der Furcht vor unkontrollierbarer Kontrolle gerecht werden.

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