ARCH+ 148

Kostenloser Download


Erschienen in ARCH+ 148,
Seite(n) 8

ARCH+ 148

Blurring Architecture - Toyo Ito Ausstellung in Aachen

Von Kraft, Sabine

Zwanzig Jahre später erwies sich dieses Wohnmodell als ein zu enges Korsett für die Bedürfnisse der erwachsenen Töchter, und die einzelnen Familienmitglieder zogen in winzige über Tokyo verstreute Standardappartements. Das ‘Weiße U' erlitt dasselbe Schicksal wie andere Architekturikonen in Japan auch – es wurde abgerissen.

Während der Tagung ‘Das virtuelle Haus', die im Frühjahr ´97 im Berlin stattfand (veranstaltet von dem Klinkenhersteller FSB und ANY), berichtete Ito über das Schicksal des Hauses im Zusammenhang mit dem Lebensweg seiner Bewohner. Es war der einzige Beitrag, der die Frage der Virtualität eines Hauses an seine Nutzung band und nicht in den Unsinn verfiel, ein virtuelles Haus entwerfen zu wollen. In einem poetisch-verrätselten Video wurde noch einmal die Atmosphäre des ‘Weißen U' zurückgeholt, bevor es sich langsam vom Boden löste und seitdem wie ein Ufo im Dunst über Tokyo schwebt.

Das Highlight der Ausstellung im Aachener Suermondt Ludwig Museum, die in Zusammenarbeit mit Ito entstand, ist eine akribisch genaue Rekonstruktion des ‘Weißen U' in Originalgröße. Für den Besucher, der die Innenraumfotos kennt, überraschend: Sie geben wirklich den Raumeindruck wieder, den diese gebogene Röhre mit dem strikten, subtil im Spiel von Licht und Schatten differenzierten Weiß hinterläßt, nüchtern und geheimnisvoll zugleich. Allein wegen dieser Rekonstruktion des ‘Weißen U' lohnt sich der Besuch in Aachen, zumal es bei den weiteren Stationen der Ausstellung nicht mehr zu sehen sein wird. Die Ausstellung thematisiert das Verständnis von Architektur im Prozeß ihres Entstehens von der ersten Konzeption bis zur Ausführung, gespiegelt in der je spezifischen Realität der verschiedenen Darstellungsmedien. Für Ito sind verwirklichte Projekte weniger interessant als die ständige Veränderung, die sie in statu nascendi durchlaufen. Dies wird in fünf weiteren, den Medien Zeichnung, Simulation, Modell, Photographie und Text gewidmeten Räumen dokumentiert. Neben den unbekümmert an die Wände gehefteten Originalzeichnungen, den traumhaft schönen Modellen, von unten beleuchtet, damit ihre Transparenz besser zur Geltung kommt, und den sachlichen Photographien von Naoya Hatakemaya bildet der Simulationsraum einen zweiten Höhepunkt der Ausstellung. Er wurde vom 000/Studio realisiert. Die Pläne der Mediathek in Sendai, Grundriß, Tragstruktur und Fassade, werden als Negativ auf vier Wandsegmente eines abgedunkelten Raums projiziert und zum ‘Verschwimmen' gebracht.

Diese Simulation ist eine wunderbare Metapher für die ‘Blurring Architecture', aber keine inhaltliche Bestimmung. Es bleibt leider ziemlich unklar, was miteinander verschwimmen und welche Grenzen sich verwischen sollen. Auch der Rückgriff auf Itos Text im Katalog, der nicht sehr kongenial übersetzt zu sein scheint, macht nur deutlich, daß es sich eher um einen heuristischen Begriff als die Definition von etwas Gegebenen handelt, eine Annäherung an eine Architektur, die – in Korrespondenz mit dem fließenden Raum der elektronischen Netze den abgeschotteten, auf mechanistischen Strukturen basierenden Raum der Moderne wieder öffnend – “sich durch eine Überschneidung der Ebenen des unendlich ausgedehnten, homogenen und transparenten Raumes und der fließenden Natur ergibt". …

SSS Siedle Dornbracht Euroboden
Feedback erwünscht!