ARCH+ 200

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Erschienen in ARCH+ 200,
Seite(n) 6

ARCH+ 200

Die grüne Moderne

Von Sohn, Elke

Die Zusammenstellung von annähernd allen Migge-Projekten gestaltete sich mangels eines persönlichen Nachlasses schwierig und basierte auf sorgfältiger Recherche in zahlreichen Fachzeitschriften und Archiven. Haney bestätigt nicht nur, dass parallel zu den Debatten in der Architektur auch in der Gartentheorie die Topoi einer modernen Gestaltung herausgeschält wurden. Vielmehr verweist seine Arbeit auch darauf, dass maßgebliche Impulse für die Reformbewegung und Moderne von der Garten- und Landschaftsarchitektur ausgingen. Denn ihr ureigenstes Thema traf den Kern der Reformbewegung, die auf der Suche nach dem Einfachen, Natürlichen und Ungekünstelten war: Garten, Park und Landschaft wurden zu idealen Orten einer unmittelbaren Mediation zwischen Mensch und Natur.

Haney gliedert seine Werkanalyse in vier Kapitel bzw. Themen, die er chronologisch je einem Abschnitt in Migges Werk zuordnet – sie könnten jedoch ebenso als die zentralen Motive gelesen werden, wie sie die gesamte Moderne durchziehen: der architektonische, der soziale, der technologische und der biologische Garten. Der „architektonische Garten“ ab 1900 stellt die Reaktion auf den Landschaftsgarten à la Lenné dar und wendet sich gegen den ästhetisierenden Blick auf die Natur und den sie imitierenden Garten. Ähnlich der Reformbewegung in Architektur und Städtebau geht es auch Migge darum, die Gestalt über die Konzentration auf den Raum zu reformieren. Die Idee des „sozialen Gartens“ entzündet sich an den drängenden hygienischen, wohnungs- und ernährungstechnischen Fragen der Großstadtentwicklung und an der Frage nach dem Verhältnis von Stadt und Land. Kommunistischanarchistische Visionen der autarken ländlichen Siedlungsgemeinschaft verstärken bei Migge nach dem Ersten Weltkrieg die Idee, die zukünftige Stadt als „Stadt-Land-Kultur“ neu zu begründen. Der „biologische Garten“, als Modell des nach individuellen Bedürfnissen und Möglichkeiten wachsenden Hauses und Gartens stellt zudem eine Antwort auf die Krisenjahre der späten Weimarer Republik dar. Migge forciert hier planerische Biologismen sowie das Ziel der Kolonisation und bietet damit auch ideologische Anknüpfungspunkte zu nationalsozialistischem Gedankengut. Migges Tod im Jahre 1935 lässt die Frage nach einer eindeutigen Rolle in diesem politischen Geschehen jedoch offen. Haney bleibt auch hier seinem unvoreingenommenen Ansatz treu und lässt die aus heutiger Sicht heterogenen politischen Bezüge jener Moderne in ihrer Widersprüchlichkeit stehen.

David Haney, When Modern Was Green. Life and Work of Landscape Architect Leberecht Migge, Routledge, London / New York 2010, Hardcover £ 76, Paperback £ 27,99.

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