ARCH+ 151

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Erschienen in ARCH+ 151,
Seite(n) 22-23

ARCH+ 151

Tokio — Stadt der Lücken

Von Suzuki, Ryoji

Einmal am Tag, und nur für wenige Augenblicke, wird die dort herrschende Dunkelheit von einem hellen Lichtschein unterbrochen. Die Intensität dieses Lichts nimmt rapide ab, und plötzlich ist die Straße wieder im Schatten versunken – ein Phänomen, wie man es in einer europäischen Stadt wohl kaum erleben dürfte.

Der Auslöser für diese sonderbare Erscheinung sind vides (Abstände oder Lücken) zwischen den Tokioter Gebäuden. Die “lineare Aura" entsteht exakt in dem Moment, wo die Sonne eine dieser Lücken passiert, denn dann kann sie, indem sie ihr Licht genau in diesem Moment im richtigen Winkel in die Straße einfallen läßt, durch den schmalen Spalt zwischen zwei Gebäuden hindurchscheinen. Blickte man aus der Vogelperspektive auf Tokio hinab, so könnte man möglicherweise das ständige Aufblinken eines komplexen, nadelähnlichen Netzes aus Lichtstrahlen wahrnehmen; diese reisen mit der Bewegung der Sonne und schneiden dabei durch die von den Gebäuden geworfenen Schatten.

In Anlehnung an Camillo Sitte hatte Colin Rowe den Einfall, sämtliche auf einem Stadtplan verzeichneten Gebäude einzuschwärzen, ohne Rücksicht auf die Unterschiede zwischen Typ, Ausmaß oder Funktion der jeweiligen Bauwerke. Auf diese Weise wollte er die für eine Stadt typischen Relationen zwischen “Figur" und “Grund" darstellen, um dann zu versuchen, diesen Zusammenhang zu entschlüsseln. Was würde man entdecken, wendete man diese Methode auf Tokio an? Es ist offenkundig, daß man in Tokio nichts von jener “Struktur" finden könnte, die Rowe in seiner Untersuchung westlicher urbaner Modelle exzemplifiziert hat, und vielleicht hat deshalb bislang noch niemand den Versuch gemacht, Tokio einer solchen Analyse zu unterziehen.

Nehmen wir einmal an, jemand führte eine analytische Untersuchung dieser Art in Tokio durch. Die dabei zutage tretenden Figur-Grund-Relationen dürften ein unveränderliches, die gesamte Stadt einbeziehendes Muster der Segmentierung und Fragmentierung ergeben. Dieses abstrakte Schema – eine planlose Ausdehnung dichter Gebäudemassen, durchsetzt von unzähligen schmalen Spalten oder Lücken – fügt sich nie zu einem Ganzen und besitzt eine Homogenität, die sämtliche Viertel der Stadt betrifft – ob Regierungsbezirk, Geschäfts- oder Wohnviertel –, so daß man unmöglich zwischen diesen differenzieren oder ihre spezifischen Eigenschaften benennen könnte. Daher würde das, was sich gemäß der Roweschen Untersuchungsmethode als das Figur-Grund-Prinzip von Tokio herausstellen müßte, weder “Struktur" noch “System" besitzen. Die zahllosen Spalten würden jede visuelle Wahrnehmung verwischen und ein Netz von vides ergeben, die das gesamte Volumen der Stadt in Fragmente aufspalten.

Gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts begann Japan mit dem Import der europäischen, auf Steinbautechniken basierenden Architekturstile, um diese an die Stelle der einheimischen Holzbauweise zu setzen. Die zuständigen Behörden schafften es jedoch nicht, die Prinzipien der Stadtplanung zu übernehmen, die untrennbar mit den europäischen Baustilen verbunden waren. Die den “Block" als grundlegende urbane Einheit begreifende Organisation der Stadt hat in Tokio nie Fuß fassen können. In ganz Japan ist der städtische Grund und Boden angesichts des Fehlens einer Planungsgesetzgebung zur Steuerung der urbanen Entwicklung im Laufe der Zeit in immer kleinere Parzellen zerlegt worden. Außerdem spielt die Kultur des privaten Grundbesitzes in Japan nach wie vor eine bedeutsame Rolle, und dies ist noch verstärkt worden durch ein Wirtschaftssystem, in dem der Grundstücks- bzw. Bodenwert an höchster Stelle steht. Der private Profit ist über das öffentliche Interesse gestellt worden – mit weitreichenden Konsequenzen für die Stadtplanung.

Die gerade beschriebene Einstellung hat dazu geführt, daß man zwischen einem Gebäude und seiner Grundstücksgrenze stets eine schmale Lücke ausspart, unabhängig vom eventuellen Größenunterschied zu den unmittelbar angrenzenden Gebäuden. Da Nachbargebäude die von der Bauordnung gesetzten Rahmenbedingungen voll ausschöpfen, werden diese Lücken so schmal wie möglich gehalten. Sie bilden Räume, die von den Menschen praktisch nicht genutzt werden können. Obwohl dadurch wertvolles Bauland vergeudet wird, richtet man überall in der Stadt fleißig derartige Lücken zwischen Gebäuden ein.

Im Unterschied zu den der Straße zugewandten Fassaden gibt man sich bei der Gestaltung der zur Lücke weisenden Gebäudeseite in der Regel keine Mühe: Das Resultat ist ein Wirrwarr aus freiliegenden Wasserrohren und Klimaanlagengehäusen, bei deren Montage allein der problemlose Zugang zählt; niemand macht sich die Mühe, diese Lücken sauber zu halten, und über kurz oder lang verwandeln sie sich in Müllhalden.

Diese unzähligen, von “Mensch" und “Raum" verlassenen (oder vielleicht befreiten) vides bilden das einzigartige Fundament von Tokio – das Produkt einer eigentümlichen Kombination aus rapidem Wirtschaftswachstum und der Kultur des privaten Grundbesitzes.

Das Sanierungsmuster für ein bestimmtes Stadtviertel führt innerhalb eines gewissen Zeitraums oft zur Konzentration der wirtschaftlichen Kräfte oder des “Willens" einer Stadt, wodurch etwas erschaffen wird, das vorher nicht existiert hatte, beispielsweise das System der Boulevards, das Haussmann während der fünfziger und sechziger Jahre des achtzehnten Jahrhunderts in Paris entwickelte, oder die Wolkenkratzer, die seit 1890 in Manhattan emporzuschießen begannen. Was wir gegen Ende des zwanzigsten Jahrhunderts in den Tokioter vides wahrnehmen, kann möglicherweise als Gegenstück zu diesen Beispielen betrachtet werden.

Übersetzung aus dem Englischen: Fritz Schneider

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