ARCH+ 151

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Erschienen in ARCH+ 151,
Seite(n) 20-21

ARCH+ 151

Editorial: Minihäuser in der Megacity Tokio

Von Knebel, Nikolaus /  Hoffmann, Mahoko

Das Bild der Stadt ist gezeichnet von niedrigen Einfamilienhäusern, die oft nicht mehr als einen halben Meter auseinanderstehen, und engen Straßen, die nur wenige Schritte breit sind. In den Wohngebieten gleicht die Weltstadt Tokio einem Dorf.

Seit der Modernisierung Japans in der Meiji-Zeit Ende des 19. Jahrhunderts ist Tokio einerseits von den Parallelwelten der großen, modernen Subzentren an den Knotenpunkten der Infrastruktur (siehe 123 ARCH+) und andererseits von den kleinen, traditionellen Nachbarschaften geprägt, die sich wie ein pointillistisches Bild aus Millionen von einzelnen Wohnhäusern zusammensetzen. Der Wandel der Stadt spielt sich hier im festen Rahmen der winzigen Parzellen ab und ein kleines Haus wird nach höchstens zwei Jahrzehnten durch ein nächstes kleines Haus ersetzt. Die Typologie des kleinen Wohnhauses hat in der japanischen Architektur Tradition und wird doch von jeder Architekten-Generation neu interpretiert.

Dieses Heft entstand aus Neugier auf die Arbeiten der jungen Generation von Architekten in Japan, alle um die dreißig Jahre alt. Es handelt sich um eine Generation, die Ende der achtziger Jahre während der wilden Jahre der “bubble economy" ausgebildet wurde und die heute in den nüchternen Zeiten anhaltender Wirtschaftsflaute auch als “bescheidene Generation" bezeichnet wird. Während vor 30 Jahren die jungen Architekten mit Megastrukturen aufwarteten, beschäftigen sie sich heute mit Minihäusern. Man entdeckt bei den Arbeiten der jungen Architekten keine metropolitanen Visionen für die Stadt der Zukunft mehr, keine computergenerierten Formorgien, keine herausfordernden Konstruktionen, dafür aber eine Verfeinerung der Frage, wie ein Haus neben dem anderen steht und wie Zimmer, Küche und Bad organisiert sind. So konventionell diese Fragen klingen mögen, die Antworten sind alles andere als konservativ.

Die moderne Architektur in Japan litt lange Zeit unter einer Selbstkolonisierung durch die unkritische Übernahme westlicher Modelle, angefangen mit den an deutschen Vorbildern orientierten Repräsentationsbauten, die in Japan gegen Ende des 19. Jahrhunderts en vogue waren, bis hin zu Le Corbusiers Museum der Westlichen Kunst in Tokio, das Ende der fünfziger Jahre einflußreich war. Erst in den sechziger Jahren setzte die japanische Gruppe der Metabolisten der gegebenen Struktur der Stadt eine eigene Vision von neuen Megastrukturen entgegen. Experimentierfeld dieser Generation war nicht das Wohnhaus in der Stadt, sondern die mobile Wohnkapsel als technisch aufgerüstete, autonome Zelle. Doch während sich die Metabolisten dem Kontext der Stadt durch Flucht nach vorn in ein neues Zeitalter entziehen wollten, entwickelte sich gleichzeitig ein Rückzug in eine ästhetisierende Haltung, die sich jeglicher sozialen Aussage verweigerte. Shinohara deklarierte das Wohnhaus zum Kunstwerk und entwickelte eine Architektur des Wohnens an der Grenze zur Unbewohnbarkeit. Beide Tendenzen – utopisch-gesellschaftlicher Aufbruch und weltabgewandter Rückzug – sind auch in der Architektur der Wohnhäuser der siebziger und achtziger Jahren ablesbar. Exemplarisch wird dies an den beiden Häusern deutlich, die Toyo Ito in unmittelbarer Nachbarschaft zueinander für sich und seine Schwester in Tokio baute: einerseits das Haus “White U" (1976) als hermetisch abgeschlossenes Interieur und therapeutische Maßnahme für die Trauerarbeit der verwitweten Schwester und andererseits sein eigenes Haus “Silver Hut" (1984) als visionäres Statement über die leichte Behausung eines Stadtnomaden. Bezeichnend ist, daß beide Projekte als Hofhäuser konzipiert sind und ebenso wie viele Wohnhäuser dieser Zeit – Tadao Ando und andere – den Kontext der Stadt ausblenden.

Diese Verweigerung der Architektur gegenüber ihrer Umgebung ließ Tokio zu einer “Stadt der Lücken" werden, wie sie Ryoji Suzuki beschrieben und photographiert hat (S. 22). Die nur nach innen gerichtete Architektur rückt die meist blinden Außenmauern bis fast an die Grundstücksgrenzen – dazwischen bleibt ein unbetretbarer Streifen von 50 Zentimetern, der “von Mensch und Raum befreit" ist. Haus und Stadt stehen sich als zwei Welten gegenüber.

Wohnen außer Haus

Bei den im ersten Teil vorgestellten Minihäusern läßt sich eine graduelle Öffnung des Hauses zur Stadt beobachten. Von der geschlossenen Wand über eine teilweise durchlässige Außenhaut bis hin zu einer räumlich und funktional überlagerten Zwischenzone wird die Grenze zwischen Haus und Stadt auf unterschiedliche Weise neu definiert. Zudem werden Wohnfunktionen ganz in die Stadt ausgelagert. Wohnen außer Haus ist der weiteste Schritt in der Verflechtung von Haus und Stadt.

Theoretische Vorarbeit leistet das sogenannte “Haus ohne Tiefe" von Yoshiharu Tsukamoto und Momoyo Kaijima vom Atelier Bow-Wow. Ausgehend von der Beobachtung einer Überlagerung der Bezugssysteme, die Privat und Öffentlich definieren, entwickeln sie ein Wohnhaus als ein Raumgefüge, bei dem es keine “Tiefe", also keine Eindeutigkeit der Grenze zwischen Innen und Außen mehr gibt.

Das Mini-Haus ist eine Weiterentwicklung dieses Modells. Es steht von allen Außengrenzen abgerückt in der Mitte des Grundstücks und verschränkt mit seinen ausgreifenden Volumen den Wohnbereich und den Außenraum. Der introvertierte Typus des Hofhauses wird sozusagen nach außen gestülpt und die in Japan sonst so scharf gezogene Grenze zwischen Haus und Stadt wird verräumlicht.

In eine ähnliche Richtung geht das Haus O-ta von Taira Nishizawa. Es ist zwar ein geschlossenes, kompaktes Volumen, besetzt aber nur die eine Hälfte des Grundstücks. Die andere Hälfte bleibt unbebaut und schafft einen Zwischenraum, in dem der auf eine Plattform gehobene Garten zu einem privaten Raum mitten in der Stadt wird. Noch einen Schritt weiter in der Annäherung von Privat und Öffentlich geht das in 147 ARCH+ vorgestellte Curtain Wall House von Shigeru Ban, dessen textile Außenhülle zurückgezogen werden kann und so das gesamte Innere des Hauses preisgibt.

Während die beiden ersten Häuser mit der Stadt räumlich verschränkt sind, stellt das Haus “Aura" der Architekten FOBA eine Verknüpfung von Haus und Stadt auf funktionaler Ebene dar. “Aura" meint die Erweiterung eines Körpers jenseits seiner eigentlichen Hülle, in diesem Fall bedeutet es die Erweiterung der Wohnfunktionen eines Hauses auf die Stadt. Mit dem Angebot eines entleerten Raums als Haus ziehen die Architekten die Konsequenz aus der räumlichen Dichte und dem vielseitigen Dienstleistungsangebot der japanischen Stadt, das fast alle Funktionen des Wohnens auch in unmittelbarer Umgebung des Hauses anbietet. Der rund um die Uhr geöffnete Supermarkt ersetzt den Kühlschrank, das kleine Restaurant und die überall angebotenen Fertig-Mahlzeiten machen die Küche überflüssig, das Badezimmer wird ins Badehaus in der Nachbarschaft ausgelagert, mit Freunden trifft man sich in der Karaoke-Bar und das Love-Hotel wird zum Ehebett.

Tokio als Stadt des städtischen Nomaden hat seit den sechziger Jahren die Phantasie von Architekten beschäftigt. Die metabolistischen Wohnkapseln, die in den sechziger Jahren für den mobilen Stadtbewohner der Zukunft konzipiert wurden, waren nach außen abgeschottete und nach innen technologisch hochgerüstete Zellen, die auf engstem Raum eine komplette Versorgung der täglichen Bedürfnisse des einzelnen Bewohners gewährleisten sollten. Das Haus “Aura" hingegen ist alles andere als eine autarke Zelle, denn fast alle Wohnfunktionen sind in die Stadt ausgelagert. Was bleibt, ist ein radikal abgerüstetes, von (sichtbarer) Technologie befreites Interieur. “Aura" ist Wohnen in seiner funktional reduziertesten Form, nur noch Raum ohne Programm.

Das Wohnen außer Haus ist allerdings nur denkbar vor dem Hintergrund eines anderen Umgangs mit der Stadt. Angefangen mit dem ungenierten Schminken in der U-Bahn bis hin zu den oft unverschlossenen Haustüren werden in Japan die Grenzen des Privaten auch psychologisch anders gezogen. Die Stadt ist nicht geprägt von Angst und Kriminalität, sondern von einer “menschlichen Dimension", wie Donald Richie es bei seinem “Spaziergang durch Tokio" beschreibt (S. 58ff): “Durch Tokio zu gehen heißt, einen Anzug zu tragen, der einem ganz hervorragend paßt." Das Wohnen außer Haus wird aber auch erst ermöglicht durch eine hochentwickelte Dienstleistungsgesellschaft. Die dezentrale Versorgung der Wohngebiete geschieht durch logistisch perfekt organisierte Abläufe. Christiana Hageneder (S. 46ff) zeigt dies beispielhaft am Phänomen der conveniencestores, der kleinen multifunktionalen Supermärkte, die rund um die Uhr von kleinen Mahlzeiten bis zum Postservice eine Rundumversorgung anbieten und sich mit minimalen Ladenflächen und Lagerhaltung in die kleinteilige Struktur der japanischen Wohngebiete einpassen. Dieses dezentrale Gewebe der Versorgung ist die kapitalistische Antithese zu den autoritären Groß-Strukturen der Metabolisten. Es ist die Welt des flexiblen Menschen, der jenseits des gleichtaktigen Alltags des Industriezeitalters seine Lebenswelt gestaltet.

Kultivierung des Wohnens

Die räumliche Öffnung des Wohnhauses zur Stadt ist in Japan jedoch eher ein Sonderfall. Nach wie vor ist der traditionelle Typus des Samurai-Hauses das Ideal des privaten Wohneigentums, ein Haus in einem ummauerten Garten – und sei er noch so klein. In der Realität sind es introvertierte Häuser meist ohne Garten und ohne Bezug zum Außenraum. Die dabei entstehenden komplexen Innenwelten der kleinen Wohnhäuser sind Thema des zweiten Teils dieses Hefts.

Waren die Innenwelten der Wohnhäuser der siebziger und achtziger Jahre noch durch schwere Sichtbetonwände eingemauert, so besteht die Haut der Gebäude heute oft aus transluzenten Kunststoffelementen oder perforierten Paneelen. Trotz der fensterlosen Fassaden dringen Licht und Geräusche der Umgebung hinein. Die Außenwelt ist zwar abgetrennt, aber nicht gänzlich abgeschnitten.

Bei den beiden Häusern Tachi-kawa und Kuma-gaya von Taira Nishizawa sind die geschlossenen, fast fensterlosen Außenfassaden noch als Abschirmung des Wohnraums gegen die Stadt gedacht. Bei Jun Tamakis Haus Hakama wird die monolithisch erscheinende Außenhülle bereits durch tiefe Einschnitte geöffnet. Die weit zurückgesetzten Fenster können so mit den in Japan unüblichen klaren Scheiben versehen werden und einen geborgenen, aber nicht vollkommen von der Außenwelt abgewandten Innenraum schaffen. Das B-Haus von Jun Aoki weicht mit einer vollflächig transluzenten Straßenfassade die Abgeschiedenheit des Wohnhauses in der Stadt auf und inszeniert einen facettenreichen Innenraum in einer zwar geschlossenen, aber hell und leicht wirkenden Hülle. Und das in freier Landschaft stehende und trotzdem rundum geschlossene Wochenendhaus von Ryue Nishizawa lenkt durch die Glasscheiben der kleinen Höfe die Lichtstimmungen und Reflexionen der Außenwelt in den Innenraum. Vielfältige Spiegelungen und Brechungen des Lichts reichern die Introversion der geschlossenen Kiste mit Eindrücken von außen an.

Hinter den leichter werdenden Fassaden findet eine Kultivierung des Wohnens auf vielfältige Weise statt. Bei Taira Nishizawa entsteht die Spannung in der Kombination des immer gleichen Programms von Wohnen, Schlafen, Essen durch die Wegeführung. Seine Projekte zeichnen sich durch eine Inszenierung des Umwegs aus. Beim Haus Tachi-kawa wird der Einraum des Erdgeschosses durch eine Brücke gegliedert. Beim Haus Kuma-gaya wird eine Konfiguration aus Einräumen durch unterirdische Tunnel miteinander verknüpft. Taira Nishizawas Projekte atmen den Geist von Shinoharas komplexen Wohnhäusern und sind trotz ihrer umständlich erscheinenden Anlage verblüffend einfach.

Diese auf kleinstem Raum verfeinerten Miniaturen weisen darauf hin, daß die junge Generation offenbar weniger den Utopien der Metabolisten folgt als vielmehr der gegenläufigen Tradition der Kultivierung der Konvention, vertreten durch Einzelpersonen wie Shinohara, Ando und Kazuyo Sejima. Jedoch gründet der hochkultivierte Schein von Askese und Reduktion in den Projekten auf eine ebenso hochentwickelte technische Infrastruktur, die das Freiräumen von Flächen erst ermöglicht. Die Visionen der Metabolisten sind nämlich schon längst Realität, nur nicht als Architektur, sondern als unsichtbares rein technisch-logistisches Netz. Wohnen außer Haus ist daher der Ausdruck für einen japanischen Lebensstil, der zwischen dem traditionell strukturierten und zugleich hypermodernen Tokio widerspruchsfrei vermittelt.

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