ARCH+ 186/187


Erschienen in ARCH+ 186/187,
Seite(n) 174-176

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Interview-Marathon: Karl Schlögel

Von Schlögel, Karl /  Koolhaas, Rem /  Obrist, Hans Ulrich

Koolhaas: Herr Schlögel, in Ihrer Beschäftigung mit Europa fällt auf, dass Sie als Historiker nicht der offiziellen Version von Europa folgen, sondern mit einem Blick von unten einen eher inoffiziellen Zugang zu Europa besitzen, zu einem im Werden begriffenen Kontinent. Schlögel: Europa, so heißt es, sei ein alter Kontinent. Diese Sichtweise wurde zudem dadurch verstärkt, dass wir im Verlauf des Kalten Krieges seine halbe Geschichte, die seines östlichen Teils, völlig aus den Augen verloren hatten. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs beginnt dieser alte Kontinent sich jenseits aller Vereinigungsrhetorik durch die geschichtliche und geografische Wiederentdeckung des Ostens auf eine Weise zu transformieren, die ich atemberaubend finde. Man kann Europa geradezu bei seiner „Verfertigung“ zuschauen. Dies gelingt am besten, wenn wir den Spuren des Alltags folgen und dabei beobachten, wie die Menschen diesen Kontinent nutzen und ihn von unten her räumlich verändern. Um mit dem Beispiel Marjampole anzufangen, das ich in einem meiner Bücher genauer dargestellt habe: Marjampole ist, was man eine Provinzstadt nennen könnte. Es liegt auf der litauischen Seite des Suwalkigebietes im Dreiländereck Kaliningrad – Litauen –Polen, und auch Weißrussland ist nicht weit. Es ist bekannt für seinen großen Autobasar. Ich wurde in den 90er Jahren auf schier endlose Konvois von Autos und Autotransportern mit litauischen Kennzeichen auf dem Berliner Ring aufmerksam. Ich fand heraus, dass es sich um Händler handelte, die in ganz Westeuropa, in Rotterdam, in Wuppertal, in Lyon, Gebrauchtwagen kauften und diese nach Marjampole fuhren. In dieses Kaff kommen dann Kunden aus Kasachstan, aus Moskau, aus St. Petersburg, um Autos zu kaufen. Ich halte das für eine unglaubliche und faszinierende Bewegung. Aber dieser Autobasar steht nur stellvertretend für andere Orte. Es gibt noch ganz andere Knoten und riesige Basare, auf denen man alles kaufen kann und Millionen umgesetzt werden, zum Beispiel der „Siebte Kilometer“ bei Odessa. Was mich daran fasziniert, ist, dass sich die Leute nach dem Zusammenbruch der sowjetischen Struktur selbst auf den Weg gemacht haben, ihr Leben in Ordnung zu bringen oder neu zu organisieren. Im Grunde könnte man eine Kartografie anfertigen von diesen überall existierenden Knotenpunkten. Das wäre dieses Europa von unten. Man könnte mit dieser ungeheuren Bewegung gleich an das anschließen, was Marie-Luise Scherer über die Musikanten geschrieben hat. Vor zehn Jahren waren es die russischen Konservatoriums-Absolventen, die musiziert haben. Seit kurzem sind es rumänische Zigeuner, die durch die wohlhabenden Viertel Berlins ziehen und wunderbare Musik machen. Es gibt eine Wanderungsbewegung, welche nicht beachtet wird, obwohl sie den Kontinent verändert. Koolhaas: Wer nimmt sie nicht wahr? Die Politik? Ich habe das Gefühl, wenn ich Ihre Texte lese, dass Sie aus einer Irritation über das offizielle Verständnis von Europa heraus schreiben. Schlögel: Ich wundere mich, warum diese Bewegung, die ich so massiv, so stark, so wuchtig finde, warum sie nirgends registriert wird. Ein Beispiel: Ich hatte vorgeschlagen, dass man den Karlspreis von Aachen, der alljährlich an eine Persönlichkeit verliehen wird, die für die Einigung Europas eintritt, an das Omnibusunternehmen Euroline vergeben sollte. Meiner Meinung nach haben dessen Busverbindungen quer durch ganz Europa den Kontinent in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren in einer Weise in Bewegung gesetzt und miteinander verbunden, wie es keiner der bisher in Aachen Ausgezeichneten zustande gebracht hätte. Sie können heute von jedem beliebigen Punkt an der polnisch-ukrainischen Grenze nach Algeciras fahren, von Neapel nach Lemberg, von Tallinn nach Stuttgart. Ich kann nicht verstehen, dass diese ameisenhafte Tätigkeit weder von der Politik noch von den Zeitungen wahrgenommen wird bzw. erst dann, wenn sie statistisch auffällig wird. Wenn sich zum Beispiel herausstellt, dass junge Polen und Litauer, die jüngst aus ihrer Heimat abgewandert sind, in den englischen Midlands inzwischen eine große Population darstellen, dass es in Mittelengland kleine Städte gibt, wo sie bereits die Mehrheit bilden. Dann wird darüber berichtet. Aber eigentlich kann man diese Prozesse bereits viel, viel früher beobachten, an solchen Orten wie beim Check-in der Billigfluglinien wie Ryanair, easyJet, Air Berlin oder an den Fährterminals. Ich war ein Jahr in Skandinavien und habe die Fähre Sassnitz–Trelleborg beobachtet. Das ist unglaublich, diese Fähre ist alle drei Stunden ein Dokument einer ungeheueren Völkerwanderung. Sie brauchen keine Statistiken, um das zu belegen.

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