ARCH+ 186/187


Erschienen in ARCH+ 186/187,
Seite(n) 164-167

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Interview-Marathon: Hito Steyerl

Von Steyerl, Hito /  Koolhaas, Rem /  Obrist, Hans Ulrich

Hans Ulrich Obrist: Hito Steyerl, Sie sind mit mehreren Arbeiten auf der Documenta 12 in Kassel vertreten. Auffällig ist der dokumentarische Ansatz Ihrer Filme, was Sie wiederum in eine Reihe mit Marie-Luise Scherer und Karl Schlögel stellt, die, wie wir in den vorangegangen Gesprächen gehört haben, ebenfalls einen dokumentarischen Zugang zur Welt haben. Können Sie uns anhand Ihrer Arbeiten Ihre Haltung erläutern? Hito Steyerl: Ich werde versuchen, es konkret an den Arbeiten klar zu machen. Es sind drei Arbeiten von mir in Kassel zu sehen: neben „Red Alert“, auf den ich nicht näher eingehen werde, „Lovely Andrea“ und „Journal No. 1 – An artist’s impression”. In „Journal No. 1“, den ich in Sarajevo gedreht habe, dokumentiere ich den letztlich vergeblichen Versuch, einen verlorenen bzw. zerstörten Film zu rekonstruieren. Titelgebend war das „Journal No. 1“, die erste bosnische Wochenschau, die 1947 produziert wurde. Die Filmkopie wurde in einem Studio aufbewahrt, das schon in den ersten Tagen des Bosnienkrieges in den 90ern zum Niemandsland wurde, weil es zwischen den Fronten lag. Irgendwo und irgendwann wurde um 1993 die Wochenschaukopie zerstört. Von diesem Hergang gibt es divergierende Versionen. Mein Film versucht, mit Hilfe von Zeugen diese Wochenschau zu rekonstruieren. Interessanterweise hatten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Sarajevo Filmmuseums ausgerechnet eine Szene besonders in Erinnerung, in der zumeist ältere bosnische Frauen im Rahmen einer Alphabetisierungskampagne nach dem Zweiten Weltkrieg lesen und schreiben lernen. Ich ließ nach deren Erinnerungen – wie in einem polizeilichen Verfahren – Phantombilder anfertigen und verwendete dabei klassische dokumentarische Verfahren: So wurden etwa zwei Zeugen befragt, um eine gewisse Objektivität zu erhalten. Eine alte römische Rechtsregel besagt: Testis Unus – Testis Nullus; ein Zeuge ist kein Zeuge. Doch de facto erinnert sich jeder Zeuge anders. Aus den Aussagen der Zeugen entstanden zwei völlig unterschiedliche Bilder, mit denen die Szene „rekonstruiert“ wurde. Welche Version ist also wahr? Beide? Oder anders gefragt: Wie weit trägt Erinnerung? Am Ende dieses Prozesses stand ein Widerspruch. Die Rekonstruktion war einerseits vollzogen, andererseits gescheitert. Sie wurde zudem mit anderen Schichten der Realität überlagert, weil der Phantomzeichner plötzlich anfing, im Film seine eigene Geschichte zu erzählen. Als Gegenstück zu dieser sehr ernsten Arbeit habe ich mit „Lovely Andrea“ ein ganz anderes Projekt realisiert. Ich habe mich abermals aufgemacht, ein verlorenes Bild zu suchen. Es ist ein Bild, welches von mir angefertigt wurde, als ich mit 19 oder 20 während meines Filmstudiums in Tokio als Bondage-Modell gearbeitet habe. Ich bewegte mich damals in einem Umfeld linker Dokumentarfilmer und wollte einen investigativen Film über die Pornoindustrie machen, scheiterte aber an meinen damaligen Kapazitäten und Fähigkeiten. Ich wollte schauen, ob ich das Bild finden könnte, rechnete jedoch nicht wirklich damit. Der daraus entstandene Film handelt von der Recherche, von der Suche nach diesem Foto, und daran werden die verschiedenen, in sich widersprüchlichen Bedeutungen des Wortes Bondage dekliniert. Es heißt Fesselung, Unterdrückung, Versklavung, verweist aber auch auf Verbindung oder Verstrickung. HUO: Die Unmöglichkeit, das Bild zu finden, führte Sie zurück in Ihre Vergangenheit als Filmstudentin. Sie studierten Kamera in Tokio an der Filmhochschule von Shohei Imamura . Können Sie uns kurz von Ihrer Japanerfahrung und dem Umfeld, in dem Sie sich bewegten, berichten? HS: Ich wollte unbedingt Filmemachen lernen, konnte das in Deutschland aber nicht, weil ich von der Schule geflogen war und daher kein Abitur besitze. In Deutschland kann man Film aber nur an einer Hochschule studieren, wofür das Abitur die Voraussetzung ist. Shohei Imamuras Schule gab mir eine Chance, weil sie weltweit die einzige zu sein scheint, deren studentisches Zielpublikum Schulabbrecher sind. 1975 gründete Imamura die „Nihon Eiga Gakko“, die erst „Japan Academy of Visual Arts “ und jetzt „Japan Academy of the Moving Image“ heißt. Viele Studierende dort waren aus den verschiedensten Gründen von der Schule geflogen. Das macht die entscheidende Qualität dieses Film- und Fernsehinstituts aus. Dieses Institut war der einzige Ort in Japan, wo so etwas wie kritisches Filmemachen noch eine Art Asyl fand, denn das Privatfernsehen mit den bekannten Folgen gab es in Japan schon viel früher als in Europa. Man muss sich dieses Institut wirklich als Asyl, vielleicht sogar im Sinne einer Anstalt vorstellen. An diesem Ort wurden Sachen geschaut, die es sonst nirgendwo zu sehen gab. Ich war auch sehr beeindruckt von meinen japanischen Dokumentarfilmlehrern. Sie machten investigative Filme, und so etwas wollte ich auch machen.

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