ARCH+ 183

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Erschienen in ARCH+ 183,
Seite(n) 121

ARCH+ 183

Centro Comunitario Julio Otoni

Von Flammer, Pascal

Die Favela liegt hoch über den Wohnblocks der wohlhabenden Küstenquartiere der Zona Zul, am Fuße des gebirgigen Stadtregenwaldes Floresta da Tijuca, mit Ausblick auf den Zuckerhut und das offene Meer. Das bauliche Gefüge, die Morphologie, ist durch den steilen Hang und die extreme Bebauungsdichte bestimmt. Schmale verschlungene Wege führen durch diesen ausgedehnten Teppich kleiner, meist unverputzter Wohnhäuser und bilden ein funktionales Labyrinth, in dem sich kaum Plätze oder gemeinschaftliche Freiräume finden. Mit Ausnahme winziger Läden und des Schulhauses gibt es keinerlei öffentliche Gebäude. Vor diesem Hintergrund haben sich die Bewohner der Favela zu einem Verein zusammengeschlossen und die Errichtung eines Quartierzentrums initiiert. Das Programm umfasst eine Bäckerstube, ein Nähatelier, Büroräume, ein lokaler Radiosender, Schulungs- und Tanzräume.

Entwurf

Der Leitgedanke des Entwurfs entwickelt sich einerseits aus den Bedingungen der äußerst limitierten ökonomischen wie baulichen Mittel (lokales Know How, Konstruktionsmittel), anderseits aus der Absicht, das Gemeinschaftszentrum als öffentliches Gebäude hervorzuheben.

Die markante, abgestufte Volumetrie des Gebäudes resultiert aus den engen Platzverhältnissen der Parzelle und folgt dem Prinzip der maximalen, möglichst f lexiblen Raumausnutzung. Im Gegensatz zu den umgebenden Behausungen ist das erste Geschoss leicht hinter die Baugrenzen und die Verkehrswege zurückgesetzt, wodurch ein minimaler umlaufender Außenraum entsteht, der öffentlich nutzbar wird und zum Verweilen einlädt. Demgegenüber vergrößern sich die einzelnen Bodenplatten mit zunehmender Höhe und kragen über die darunter liegenden Geschosse aus. Diese Auskragungen erhöhen die Nutzf läche des Gebäudes und dienen zugleich als Fassadenschutz gegen Regen oder direkten Sonneneinfall.

Fassade

Eine besondere Bedeutung kommt der Fassade zu, die den speziellen Charakter des öffentlichen Hauses akzentuiert und das Potenzial des tropischen Klimas ausschöpft. Sie ist, für Rio de Janeiro untypisch, als minimale Gebäudehülle gedacht: Die Betonstruktur wird allseitig mit drehoder klappbaren, raumhohen Sperrholzplatten beplankt. Mittels dieser in Anylin (dient als billiger Holzschutz) getränkten, pinkfarbenen Fassadenläden lässt sich das Gebäude vollständig schließen und vor Sonne, Wind wie auch Einbruch schützen. Der Ausdruck des Gemeinschaftszentrums entsteht in einem spielerischen Wechsel zwischen dem offenen Zustand der Fassade, in dem das Gebäude als Rohbaustruktur erscheint – in seiner Ausdrucksweise an Le Corbusiers Domino-Struktur erinnernd –, und der wahrzeichenhaften Erscheinung des geschlossenen, farbig leuchtenden Holzkörpers.

 

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